Das Ber­liner Olym­pia­sta­dion ist eine prima Fuß­ball­arena. Wie gemacht für ein großes Finale. Das geht schon vor der Tür los: eine große Wiese, so saftig und gras­grün, dass man sich har­ry­pot­ter­mäßig eine Leder­kugel her­bei­zau­bern können mag, um sofort und auf der Stelle los­zu­ki­cken. So kann man aber immerhin auf dem sattem Grün rum­stehen und Papp­be­cher­bier trinken. Sogar Falko Götz macht das.

Drinnen im Sta­dion ist dann viel Platz. Für 74.000 Fans und für viele viele ihrer Pla­kate. In der schwarz­gelben Abtei­lung am Mara­thontor sind da die BVB-Fans Gel­sen­kir­chen“ (sic!) und das Com­mando Rem­idemi“. Gegen­über im roten Block grüßt der Hes­senmob“ und die Ultras Ant­werpen“. Und dann erst die Musik! Ein leib­haf­tiges Staats­musik-Corps der Bun­des­wehr haben die da in Berlin, dazu noch große Lein­wände mit dem rich­tigen Text für die Natio­nal­hymne.

Akustik: 1a. Das demons­trieren dann die beiden Fan-Blocks. Nur beim Pokal­fi­nale kommt es ja zum direkten Duell zweier Aus­wärts­mann­schaften (oder kann sich noch jemand an ein End­spiel mit Ber­liner Betei­li­gung erin­nern?) und somit auch zum Fan-Con­test. Regel­mäßig werden die ewigen Sieger vom FC Bayern dabei an die Wand gesungen: vor zwei Jahren von den Frank­fur­tern, diesmal von den Dort­mun­dern. Aber das sind die Bayern-Fans ja schon gewöhnt, pas­siert ihn ja auch im eigenen Sta­dion. Logisch, dass sich die BVBler auch eine Ban­de­role samt Sinn­spruch dabei haben: Träumt einer allein, ist es nur ein Traum. Träumen viele gemeinsam, ist es der Beginn von etwas Großem.“ Große Prosa, tolles Set­ting, fehlt nur noch ein kit­schiger Son­nen­un­ter­gang überm Sta­di­on­dach – und ein klasse Spiel.

Und schon sind wir beim 65. Finale des DFB-Pokals. Sehr bedächtig ging das los, ohne baye­ri­schen Ehr­geiz, den frühen Tor­rausch vom ver­gan­genen 5:0‑Wochenende auch im tiefsten Preußen zu wie­der­holen. Nach fünf Minuten raffte sich Philipp Lahm zu einem ersten Fern­schuss auf, den BVB-Keeper Ziegler noch locker vor der Magen­gruppe abfangen konnte. Doch schon in der Anfangs­phase ver­mit­telte der FC Bayern mit einer fast greif­baren Domi­nanz den Ein­druck, dass der Füh­rungs­treffer hier nur eine Frage der Zeit ist. Und so dau­erte es nur noch sechs wei­tere Minuten, bis die Jour­na­listen wieder die For­mu­lie­rung aus dem Steh­satz akti­vieren konnten: Luca Toni erzielt nach Vor­ar­beit von Franck Ribéry das 1:0 für den FC Bayern.“

In der zweiten Hälfte ein bes­seres Spiel

Akri­bi­sche Schreiber erwähnen noch, dass er diesmal aus drei Metern Ent­fer­nung traf, die Flanke flach und von links kam und von der nicht zu Unrecht gefürch­teten Innen­ver­tei­di­gung Wörns/​Kovac nie­mand zu sehen war. Ein Treffer, der vor allem alle Sie­ben­jäh­rigen freute, die spä­tes­tens um halb neun ins Bett müssen. Auf mehr oder weniger neu­trale Beob­achter, die sich auf ein packendes Finale gefreut hatten, wirkte er dagegen wie ein allzu zeitig been­deter Lie­besakt.

Ähn­lich ermattet lief die Borussia über den Rasen, der FCB schal­tete schon bald auf Ener­gie­spar­modus – schon am Mitt­woch geht es bei der Triple-Jagd ja gegen die flinken Russen von Zenit St. Peters­burg. Ledig­lich der stimm­starke Dort­munder Anhang und der Trainer riefen volle Leis­tung ab. Thomas Doll legte in der Coa­ching Zone weite Wege zurück, ham­pelte, zap­pelte und zuckte, dass man sich bis­weilen Sorgen machte. Und lag es an ihm oder an der immer stärker zuneh­menden Bayern-Lax­heit: Die Borussia erwachte. Ver­ließ tat­säch­lich todes­mutig die eigene Hälfte und schaffte es sogar, Oliver Kahn zu Boden zu zwingen: Kringe schoss mal aufs Tor, ein­fach so. Da waren aller­dings schon 31 Minuten gespielt.

Anschei­nend gefiel ihm dieses Gefühl – und der anschlie­ßende Bei­fal­lorkan aus der schwarz­gelben Ecke – so gut, dass er mehr wollte: Kringe schoss zehn Minuten später noch mal aufs Tor. All­mäh­lich fassten auch die Kol­legen Mut und bei Tingas gerade noch abge­blocktem Schuss kurz vor der Pause wird Ottmar Hitz­feld sicher­lich ein paar Mikro­meter Fal­ten­tiefe zuge­legt haben.

Kahn musste wieder böse schauen

Nach der Pause geschah dann etwas Wun­der­bares: Es ent­wi­ckelte sich ein rich­tiges Fuß­ball­spiel mit Chancen auf beiden Seiten. Hal­le­luja! Schließ­lich hatte ja wirk­lich jeder vta­ge­lang davon gespro­chen: von dem Pokal und seinen eigenen Gesetzen und dass es immer bei null­null los­geht und alls das. Es ging zwar eigent­lich bei eins­null los, aber das war den Borussen jetzt auch egal. Vor allem Tinga trieb die bis dahin so zag­haften Dort­munder nach vorne, und dass die Bayern-Defen­sive unter Druck schon mal zu neinem veri­ta­blen Patzer fähig ist, hat man ja auch schon mehr als einmal erlebt. Oliver Kahn muss dem Gegner zunächst irgendwie dankbar gewesen sein: So gänz­lich tatenlos wollte der Titan seinen Rekord­sieg sicher nicht in Emp­fang nehmen. All­mäh­lich bekam der Kapitän aller­dings so viel Besuch in seinem Straf­raum, dass er wieder laut werden und böse schauen musste.

Auch die Trainer wollten irgendwas tun: wech­seln zumin­dest. Hitz­feld brachte Podolski für Klose und Sagnol für Schwein­s­teiger, Doll Kli­mo­wicz für Frei und Buckley für Rucka­vina, Valdez für Kehl – was die Lage mäßig beein­flusste. Dort­mund drückte, Bayern hatte aber die bes­seren Chancen. Und was soll man sagen: Genau so blieb es. Fast bis zum Schluss. Bis in der 90. Minute dieser Eck­ball in den Bayern-Straf­raum segelte, gegen zig Bayern-Kör­per­teile prallte und schließ­lich im Bayern-Netz lan­dete. Aus­gleich in der letzten Minute. Ver­län­ge­rung. Jubel­ge­sänge am Mara­thontor. Leider auch Böller und ein kleines Feu­er­chen.

In den letzten 30 Minuten gibt es dann keinen Favo­riten und keinen Underdog mehr, son­dern nur noch zwei Mann­schaften, die ver­bissen um jeden Ball kämpfen. Einen Mark van Bommel, der mehr­fach der Länge nach auf dem Feld liegt und sich am Kopf behan­deln lassen muss. Einen Oli Kahn, der einen sagen­haften Gewalt­schuss von Kringe in voller Stre­ckung aus dem äußersten Eck fischt. Und – natür­lich – einen Luca Toni, der das nächste Tor schießt. Eigent­lich fälscht er nur einen Podolski-Schuss ab, aber wen inter­es­siert das jetzt noch?

Und das Ber­liner Olym­pia­sta­dion hat wieder alles richtig gemacht: gut aus­ge­sehen, ein packendes Spiel gelie­fert und ver­läss­lich wie immer einen Sieger pro­du­ziert. Dass es fast immer der selbe Sieger ist? Das ist eine andere Geschichte.