Am Tag vor dem Derby gaben wir zwei Kon­zerte – unser erstes und zugleich unser letztes. Mehr als hun­dert­fünfzig Punks waren ins Fritz-Henßler-Haus gekommen, ein Kul­tur­zen­trum nörd­lich des Dort­munder Haupt­bahn­hofs. Sie waren nicht begeis­tert von dem, was es zu hören gab. Die Musik war chao­tisch und unbe­ab­sich­tigt dis­so­nant, denn wir spielten erst ein paar Monate zusammen. Außerdem sorgte der Mann am Misch­pult für einen viel zu sau­beren Sound, weil er nor­ma­ler­weise für eine Top-40-Cover­band arbei­tete. Als uns däm­merte, dass wir weder so rotzig klangen wie die Varu­kers noch so heftig wie Black Flag, war es zu spät. Zwar stand zu meinen Füßen ein Effekt­gerät, das meinen Bass – wie bei den Mis­fits – bis zur Unkennt­lich­keit ver­zerren sollte. Aber ers­tens lag ein betrun­kener Punk quer auf der Bühne und damit halb auf jenem Pedal. Zwei­tens konnte ich nicht genau sehen, wie das Gerät ein­ge­stellt war, weil ich eine Son­nen­brille trug.

Und dann waren da noch die Bier­dosen. Unser Schlag­zeuger hatte eine Palette Karls­quell-Pils neben sich stehen, öff­nete von Zeit zu Zeit eine Dose – und warf sie ins Publikum. Erst nach dem Auf­tritt erfuhren wir, dass er schon mit dem ersten Wurf einen seiner besten Freunde am Kopf getroffen hatte, der den Rest des Kon­zertes in der Ambu­lanz ver­brachte. Es war der 19. Sep­tember 1986.

Text­schreiber der deut­schen Ant­wort auf die Dead Ken­nedys

Als wir schwei­gend durch eine Reihe von Nebel­bänken nach Hause fuhren, dachte ich, dass es nicht mehr schlimmer kommen könnte. Doch am fol­genden Tag stand ich in der Gäs­te­kurve des Gel­sen­kir­chener Park­sta­dions und sah, wie wir trotz einer Füh­rung mit 1:2 ver­loren und schon wieder in die Abstiegs­zone rutschten. Auf dem Weg zum Park­platz wurde ich dop­pelt ange­pö­belt – weil ich BVB-Fan war und wegen meines Aus­se­hens. Es machte keinen Spaß mehr. Ich war 20 Jahre alt, meine Kar­riere als Bas­sist und Text­schreiber der deut­schen Ant­wort auf die Dead Ken­nedys war augen­schein­lich beendet, noch bevor sie richtig begonnen hatte, und Borussia schien nicht gewillt, den Schwung aus der dra­ma­ti­schen Rele­ga­tion gegen For­tuna Köln mit in die neue Saison zu nehmen. Da wusste ich noch nicht, dass die Tal­sohle durch­schritten war. Von nun an sollte es auf­wärts gehen.

Das merkte ich aber erst Monate später, als ich halb­blind in der Her­ren­toi­lette der Zeche Bochum stand. Beim Kon­zert der Fun-Punks Peter and the Test Tube Babies hatte jemand vor der Bühne CS-Gas ver­sprüht, wes­halb ich mir die Augen aus­wa­schen musste. Übers Wasch­be­cken gebeugt, hörte ich, wie jemand sagte: Ich kenne dich vom Fuß­ball.“ Ich wusste nicht, ob ich gemeint war, nickte aber vor­sichts­halber. Geiles Jahr“, sagte der Typ, den ich nicht sehen konnte. Wir packen das.“ Es war Win­ter­pause und der BVB stand auf dem siebten Platz.

Ja, Punk­rock war der Sound­track der Saison, in der für Borussia Dort­mund alles anders wurde, 1986/87. So ist für mich der gelernte Flo­rist Frank Mill untrennbar mit einer Hard­core­band aus Washington ver­bunden. Denn erst sahen wir an einem Som­mertag in einem auto­nomen Jugend­zen­trum in Duis­burg die Gruppe Scream (der sich kurz danach ein gewisser Dave Grohl anschloss). Etwas später holte Borussia zum Sai­son­start ein 2:2 bei Bayern, das für Schlag­zeilen sorgte, weil Frank Mill das leere Tor ver­fehlte und nur den Pfosten traf. Und so ging es die ganze glor­reiche Saison hin­durch weiter – drei Akkorde, großer Fuß­ball. Die letzten Spiele, in denen Borussia sich mit zwei Siegen für den UEFA-Cup qua­li­fi­zierte, waren ein­ge­bettet in das ein­zige Kon­zert, das Hüsker Dü je im Ruhr­ge­biet spielten, und einen Auf­tritt der New Yorker Lärm-Legende Sonic Youth in Bochum.

Die Vor­gruppe von Sonic Youth war an jenem Tag eine Punk­band aus dem nörd­li­chen Ruhr­ge­biet namens Hass. Im fol­genden Jahr­zehnt ver­öf­fent­lichte Hass den Song Die besten Fans der Liga“ als Hom­mage an das BVB-Publikum, aber Vor­reiter waren sie damit nicht. Schon 1983 hatte die Dort­munder Band The Idiots in Eigen­regie die Single Der S04 und der BVB“ ver­öf­fent­licht, auf der es um die damals übli­chen Aus­schrei­tungen beim Derby ging. Der Sänger der Idiots, Hannes Schmidt, führte einen Plat­ten­laden, der Mitte der Acht­ziger auf der Müns­ter­straße war und in dem ich gerne reg­ne­ri­sche Nach­mit­tage ver­brachte. Hier konnte man sich näm­lich sel­tene Videos ansehen oder aus­leihen, Kon­zert­mit­schnitte des US-Maga­zins Flip­side oder der eng­li­schen Firma Jet­t­isoundz. Viele Jahre danach würde Hannes ein paar Songs mit einem jungen Dort­munder namens Lars Ricken auf­nehmen, der ein großer Bewun­derer von ihm war.

Punk und Fuß­ball – das gehörte zusammen

Man sieht, es hing alles irgendwie zusammen und alles war irgendwie Punk. Ich kann nicht einmal sagen, warum das so war. Viel­leicht weil der Fuß­ball damals – vor allem wegen der Hoo­li­gans – dis­kre­di­tiert war und es fast etwas Rebel­li­sches hatte, sich als Fan zu bezeichnen. Nicht nur in Dort­mund. Schließ­lich war 1986/87 auch die Zeit, in der ein paar Punks den FC St. Pauli erfanden. Und wenige Jahre später führte das Hom­burger Hard­core-Fan­zine ZAP“ eine Fuß­ball­meis­ter­schaft per Post­karte ein. Jeder Leser konnte sich betei­ligen und wurde nach seinem Post­leit­zahl­be­zirk einer von sechs Mann­schaften zuge­teilt, die Namen trugen wie Atle­tico Mosh“ oder Ball Ruhm Blit­zers“. Man könnte fast sagen, dass es ein frühes Mana­ger­spiel war.

Punk und Fuß­ball – das gehörte zusammen. Kein Wunder also, dass beide zur selben Zeit, Anfang der Neun­ziger, erst gesell­schafts­fähig und schließ­lich sogar zum Main­stream wurden. Irgendwie auch dank Frank Mill, der 1990 zum deut­schen WM-Kader gehörte. Und dank Dave Grohl, der inzwi­schen Drummer von Nir­vana war und wahr­schein­lich keine Bier­dosen ins Publikum warf.