Ob Kenan Karaman weiß, dass er einer für die Geschichts­bü­cher ist? Immerhin ist er der letzte Fuß­baller, der in einem vollen Bun­des­liga-Sta­dion ein Tor geschossen hat. So richtig mit allem drum und dran, mit vor Freude brül­lenden Fans im Gäs­te­block und vor Ernüch­te­rung auf­stöh­nenden in den rest­li­chen Ecken der Arena, mit Pfiffen und Pöbe­leien, mit ziellos durch die Reihen flie­genden Bier­be­chern und ziel­ge­richtet aufs Spiel­feld flie­genden Ver­wün­schungen, mit einem Sta­di­on­spre­cher, der tat­säch­lich zu einem Publikum sprach und nicht gegen die Wand. Ein rich­tiges Tor, mit Sinn und Reso­nanz. Oder, anders: Kenan Karaman hat nicht das letzte rich­tige Tor geschossen, er schoss das letzte Tor, dass sich richtig anfühlte. Bevor die Pan­demie kam und alles falsch werden ließ. Bevor ein Virus die Welt und Deutsch­land und die Liga erst in Panik und dann in den Aus­nah­me­zu­stand ver­setzte, bevor es den Fuß­ball Spiel für Spiel ent­kernte und nur noch eine Hülle übrig ließ, die seitdem zwar durch die Gegend geis­tert, der man aber in jedem Moment ansieht, dass sie eben nur noch genau das ist: eine Hülle, eine Fas­sade, eine Täu­schung, ohne Inhalt, ohne Kern, ohne Seele. 

Schaut man sich heute auf You­Tube oder beim kicker die Spiel­be­richte zur Partie zwi­schen Mainz und Düs­sel­dorf an, genau ein Jahr, nachdem sie statt­ge­funden hat, dann wirkt alles daran son­derbar. Und nicht so, als wären seitdem nur 365 Tage ver­gangen. Das mag an Achim Bei­er­lorzer liegen, bei dem wir schon wieder ver­gessen hatten, dass er mal für Mainz gear­beitet hat. Aber es liegt auch an der nüch­ternen Rou­tine, mit der dieses Spiel abge­fer­tigt wird, als sei es nur ein wei­teres von zehn­tau­senden. Tor­jäger Rouwen Hen­nings sitzt über­ra­schend auf der Bank, Düs­sel­dorf hat uner­wartet viel Ball­be­sitz und Tor­chancen, Kenan Karaman ist der beste Spieler auf dem Platz, nicht nur wegen seines Aus­gleichs­tref­fers in der 85. Minute, son­dern auch, weil er sehr umtriebig“ ist und immer wieder auf die Flügel“ aus­weicht. Im Video sieht man Schnitt­bilder von mau­lenden Rent­nern und klat­schenden Kin­dern. Wann kann das gewesen sein? 2001? Man sieht es und denkt: Wenn ihr wüsstet.

Schon am Tag danach kippte die Stim­mung. Das Zweit­li­ga­spiel in Stutt­gart, das vor 54.000 Zuschauern statt­fand, wurde bereits deut­lich kri­ti­scher beäugt als der abge­lau­fene Erst­li­ga­spieltag, spä­tes­tens das Cham­pions-League-Spiel zwi­schen Leipzig und Tot­tenham, zu dem am Dienstag, dem 10.03.2020 nochmal 42.146 Zuschauer in ein Fuß­ball­sta­dion gelassen wurden, ent­wi­ckelte sich zum Streit­thema. In der Politik, aber auch in all­täg­li­chen Gesprä­chen. 

Seitdem begleiten uns – nicht nur im Fuß­ball – die immer glei­chen und immer dring­li­cher gestellten Fragen durch ein irgendwie lie­gen­ge­blie­benes Leben: Ist das gefähr­lich? Ist das zu ver­ant­worten? Mit Maske oder ohne? Und vor allem: Wie lange noch? Das Nach­hol­spiel zwi­schen Glad­bach und Köln am Tag nach der Partie in Leipzig wurde zum ersten Geis­ter­spiel der Bun­des­li­ga­ge­schichte. Zu dem Zeit­punkt gab es in Deutsch­land 1 296 bestä­tigte Coro­na­fälle. Zwei Men­schen waren an Covid-19 gestorben. Jetzt sind es 2 482 522 Fälle und 71 504 Tote. Mehr Men­schen, als in Aschaf­fen­burg leben, sind ver­schwunden.

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