Seite 2: Wir schauen Fußball – und spüren nichts

In den Wochen nach dem 08.03.2020 lernten wir viele Begriffe neu oder erst so richtig kennen, Inzi­denz, R‑Wert, FFP2-Maske, Aero­sole. Plötz­lich waren uns die Namen von meh­reren (!) Viro­logen geläufig, außerdem war da jetzt diese Kurve, die es abzu­fla­chen galt und, eh klar, man müsse auch danach gut auf­passen, schließ­lich hätte bei der spa­ni­schen Grippe vor allem die zweite Welle – noch so ein neuer Begriff – so furcht­bare Folgen gehabt. Man wusste zum ersten Mal im Leben ziem­lich genau Bescheid über die Inten­siv­betten-Kapa­zi­täten in deut­schen Kran­ken­häu­sern. Die Zeit ver­ging gleich­zeitig lang­samer und schneller als sonst. Schon in einer Stunde konnte alles anders sein. Aber wie sollte man bloß die nächsten drei Wochen über­stehen, so ganz ohne Knei­pen­be­such? Das Leben schlief ein, wäh­rend man hell­wach zu Hause saß und den New­sti­cker aktua­li­sierte. Wir schauten nach Ber­gamo und bekamen ein mul­miges Gefühl. 

Und der Fuß­ball? Machte erstmal alles dicht. Weil die Sportler selbst logi­scher­weise Angst hatten vor diesem ver­dammten Virus. Weil keine Zuschauer mehr in die Sta­dien durften. Und weil Pro­fi­fuß­ball ohne Zuschauer im Sta­dion keinen Sinn ergibt. Das hatte die Partie zwi­schen Glad­bach und Köln ja ein­drück­lich bewiesen. Es war nicht zum Aus­halten gewesen! Bis, das machten die Ver­eine und ihre Funk­tio­näre sehr bald deut­lich, wir es doch irgendwie aus­halten sollten. Weil es irgendwie doch wei­ter­gehen musste. Weil manch ein Verein ohne das Fern­seh­geld eben­falls sehr schnell an Covid-19 sterben würde.

Fuß­ball ist uns an schlechten Tagen ein­fach nur egal

Der Mensch ist ein Gewohn­heits­tier, heißt es, und ein biss­chen was ist dran an dem Spruch. Was Mitte Mai, als die Bun­des­liga in leeren Sta­dien ihren Betrieb wieder auf­nahm, noch skurril wirkte und uner­träg­lich erschien, ist mitt­ler­weile normal. Wir schalten den Fern­seher an, sehen Fuß­ball und hören nichts außer den ner­vigen Schreien der Betei­ligten, keine Trom­meln, keine Gesänge, keine Stim­mung, nichts. Und lassen die Glotze trotzdem laufen. Wir haben uns an Inzi­denzen bei ein­zelnen Fuß­ball­mann­schaften gewöhnt, die so hoch sind, dass ein Sechst­klässler (und ja, wir auch) beim Rechnen mit den Zahlen über­for­dert wäre. Gleich­zeitig klingt die Vor­stel­lung, in einer bre­chend vollen S‑Bahn zu einem Fuß­ball­spiel zu fahren, bei kleinen Ruck­lern im Abteil gegen fremde Men­schen zu fallen, deren Münder nicht nur zu sehen sind, son­dern aus denen auch noch Schreie und also auch Aero­sole kommen, eher nach Sci­ence Fic­tion als nach etwas, das wir tat­säch­lich mal gemacht haben. 

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Fuß­ball zwar da ist, aber nicht mehr wirk­lich Spaß macht. Wir haben mal rein­ge­schaut, als die Bayern in Lis­sabon tri­um­phierten, aber gegen wen genau sie im Halb­fi­nale gewonnen haben, da muss man schon kurz nach­denken. Der Fuß­ball ist nicht mehr die schönste Neben­sache der Welt, son­dern nur noch Neben­sache. Wenn über­haupt. Glad­bach-Fans erlebten die beste Euro­pa­pokal-Saison seit Jahr­zehnten, aber sie erlebten sie eben nicht. Als es gegen Man­chester City um die Wurst ging, in Buda­pest – noch so eine Sache – da fühlten viele nichts. So könnte man die Ver­eine durch­gehen. Es würde bei den aller­meisten ähn­lich klingen. Fuß­ball regt uns nicht mehr auf, er ärgert uns nicht mehr, er macht uns nicht mehr wütend, selbst wenn der ein oder andere Funk­tionär unfrei­willig aber mit aller Macht alles dafür tut, dass es doch pas­siert. Fuß­ball ist uns an schlechten Tagen ein­fach nur egal. Er ist jeden Tag da und doch so weit weg wie noch nie. So ist es halt. Der Mensch ist ein Gewohn­heits­tier.

Haben wir uns wirk­lich daran gewöhnt?

Ande­rer­seits ist keine Vor­stel­lung schöner als die, irgend­wann doch wieder in einem Sta­dion zu stehen, bei schönem Wetter, ohne schlechtes Gewissen, neben den Freunden, die man ohne diesen Ort gar nicht hätte. Selbst wenn die Typen unten auf dem Rasen Fla­schen sind, selbst wenn die Ver­ant­wort­li­chen ein Jahr was von Demut geredet aber offen­sicht­lich nicht wirk­lich kapiert haben, was das ist. 

Und so lange diese Vor­stel­lung noch nicht nach Sci­ence Fic­tion klingt, son­dern nach etwas, das viel­leicht sogar in diesem Jahr wieder ein­treten könnte, so lange haben wir uns auch noch nicht wirk­lich an das gewöhnt, was gerade normal zu sein scheint. Des­wegen ist der Blick auf das Spiel Mainz gegen Düs­sel­dorf nicht nur skurril, son­dern auch tröst­lich. Weil er uns zeigt, was wir manchmal ver­gessen: Dass dieser Sport eigent­lich leben­diger und schöner und rich­tiger ist, als er sich aktuell zeigt. Und weil wir dann merken, dass da etwas ist, auf dass es sich zu warten lohnt.

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