Seite 3: Der Krach schien meinen Kopf zu sprengen

Und dann stehe ich wieder dort, wo ich schon so oft stand. Abge­kämpft und schon vor dem Spiel erle­digt, bleibe ich auch nicht lange stehen, son­dern lasse mich direkt auf die eigent­lich unge­liebte Sitz­platz­schale fallen… Der UEFA-Ent­schei­dung vor vielen Jahren sei Dank, kann ich heute hier sein, denke ich mit einem leichten zyni­schen Grinsen! Es fühlt sich gut an, wieder auf dieser Tri­büne zu sein. Wieder in diesem Sta­dion. All die Rituale zu erleben. Aber es bleibt mir trotzdem fremd. Meine Gedanken und Gefühle laufen in diesem Moment Amok. Sie sind kaum in Worten zu beschreiben. Dass ich wieder dort war, war ein klares Signal, dass ich wieder da war: Seht her, ich kann mich sogar wieder in ein Fuß­ball­sta­dion bewegen, um dort ein Fuß­ball­spiel zu gucken!“

So fern, so nah

Noch drei Monate zuvor sahen da die Pro­gnosen anders aus und der BVB war kleiner Bestand­teil einer durchaus für den Betrof­fenen beein­dru­ckenden Nah­tod­erfah­rung. Und nun stehe ich hier wieder (oder besser, sitze erstmal). Ein alles in allem gewal­tiger Moment für mich. Nur eben keiner, der direkt mit einem CL-Vier­tel­fi­nale zu tun hat. Und so läuft das Spiel, wie es lief. Der BVB scheint aus­zu­scheiden. Ich muss natür­lich wäh­rend des Spiels stehen, quäle mich und denke eigent­lich die ganze Zeit an alles Mög­liche, nur nicht an das Spiel da unten auf dem Platz. Oder ich denke dar­über nach, warum ich nun über mich und mein Leben, über meine Frau, meine Kinder, meine Sorgen und Ängste nach­denke, und nicht über dieses Spiel da unten.

Alkohol darf ich als Hilfe auch nicht nutzen, so dass es auch keinen Ausweg zu geben scheint. Und so plät­schert das Spiel dahin und es fällt das 1:2. Es juckt mich über­haupt nicht. Selbst als ich erfahre, dass es tat­säch­lich klar Abseits war, kann ich nur mit den Schul­tern zucken. Der BVB ist mir in jenem Moment wohl so fern, wie zuletzt vor circa 35 Jahren, als ich noch gar nicht wusste, dass es ihn über­haupt gibt. Ich hätte da auch gehen können. Tat es aber aus Gewohn­heit nicht (und weil meine Beglei­tung natür­lich nie­mals zuge­stimmt hätte).

Diese Ferne, eine völlig neue Zone für mich, macht sich dann auch beim nächsten Tor bemerkbar… 2:2, nichts. Alles war anders. Früher wäre ich in so einem Moment mal emo­tional aus mir her­aus­ge­kommen. Erlebt hatte ich ja schon genug als Fan, und natür­lich kam einem da auch La Coruna in den Sinn. Aber es tat sich nichts. Es war wie irgend­einen blöden Kino­film zu gucken, an den man sich drei Tage später schon nicht mehr erin­nert.

Und dann kam San­tana…

Und da schoss es auf einmal mit hohem Druck durch meine Venen und ver­drängte den ganzen Dreck. Kein Moloch konnte in diesem Moment mein Gefühl ver­schlingen, dass sich Bahn brach. Ich sprang tat­säch­lich hoch. Wie in Zeit­lupe sah ich mir dabei zu, Schmerzen spürte ich keine mehr, keine Ängste, keine Sorge, nichts… Mein Kopf nahm diesen Moment so direkt auf, wie noch nie zuvor einen Moment beim Fuß­ball. Der Krach schien meinen Kopf zu sprengen, es ging alles 1:1 in mich rein. Dau­erte gefühlt eine Ewig­keit.

Die pure Ver­nunft aus­ge­schaltet

Geh­hilfe weg, die Vor­sicht, sich weh tun zu können, weg­ge­wischt, die Kälte und Emo­ti­ons­lo­sig­keit, auf einmal pul­ve­ri­siert. Gerade noch war ich so weit weg vom BVB und Fuß­ball, wie noch nie zuvor in meinem bewusst erlebten Leben, und im nächsten Moment war ich drin wie noch nie. Völlig unge­steuert, die eigene pure Ver­nunft aus­ge­schaltet, direkt aus dem Epi­zen­trum des Hirns und des Unter­be­wussten gesteuert. In jenem Moment brach wohl vieles in mir aus, mehr als nur ein gran­dios wich­tiges Tor in einem CL-Vier­tel­fi­nale. Da pas­sierte mehr.

Ich kann ich nicht sagen, dass dieses Gefühl geblieben ist. Wei­terhin fühle ich mich seltsam distan­ziert von meinem Leben und somit auch vom BVB. Und den­noch, und das ist der Kern, gab mir der Moment, in wel­chem San­tana den Ball über diese weiße Krei­de­linie schob, Hoff­nung! Hoff­nung, dass alles wieder gut wird, dass alles wieder nor­maler wird. Hoff­nung, die ich brau­chen kann und brau­chen werde. Was so unend­lich viel mehr ist, als dass Freuen über das Errei­chen eines CL-Halb­fi­nals!

Hallo“ also war der Ein­stieg. Ich hoffe, es war das Ende eines neuen Anfangs.

Phil

PS: Danken möchte ich an dieser Stelle meiner Lieben Frau Steffi, Marius, Alex, Felipe San­tana, Scherben (der an mich dachte, was ich ihm unend­lich hoch anrechne!), Arne von schwatz​gelb​.de, Dirk von Lowtzow (der diesen Text maß­geb­lich mit beein­flusst hat, wie viel­leicht manch einer merken wird), Didi (Bleibe immer wie du bist!!!) und vielen vielen anderen, die ich hier nicht auf­zählen kann!