Seite 2: Tage wie diese - von den Toten erwacht

Dann Rück­fälle, Rück­schläge, alles nochmal? Ope­ra­tionen folgen auf Ope­ra­tionen, Behand­lungen, Reha­bi­li­ta­ti­ons­ver­suche, jeden Tag bei Ärzten. Fuß­ball läuft weiter, der BVB ver­liert nach und nach an Boden, Bayern Mün­chen mar­schiert. Ich schaue es mir an, aber weiter distan­ziert, fast zynisch unin­ter­es­siert. Dann end­lich nach Hause, in ein neues Haus. Aber weiter viele Behand­lungen und viele Sorgen, viel Krank­heit.

Fuß­ball bleibt fremd. Der BVB sowieso. Ein The­ra­pie­ver­such qua Sta­di­ongang zunächst voll­kommen aus­ge­schlossen. Stehen unmög­lich. Bekannte drängen einen, mal beim BVB zu fragen, ob man irgendwie eine Sitz­mög­lich­keit bekommen kann für die Zukunft. Mir egal.

Tage wie diese

Selbst­re­dend, die Sorge um die ver­lo­rene Liebe zum BVB, zu diesem Sport Fuß­ball, war und ist nicht an erster Stelle dessen, worum ich mich dann sorge. Die Sorgen und Ängste betreffen in erster Linie natür­lich meine Frau, meine Kinder! An dieser Stelle will ich auch, wenn auch für alle von euch nicht inter­es­sant, eben dieser Frau in tiefer Liebe danken, für alles was sie für mich tat und noch tun wird! Ich bin ein­fach froh, dass du da bist! Aber auch die Sorge um meine Bezie­hung zum BVB ist da. Und ein­fach bei­spiel­haft. Wen­de­punkt in dieser Frage und in diesen Tagen war ein Lied, ein mas­sen­po­pu­läres gar: An Tagen wie diesen“.

Im Mai stand ich noch tan­zend und hüp­fend in Berlin und fei­erte zu diesem Lied einen phä­no­me­nalen Sieg über eine baye­ri­sche Fuß­ball­mann­schaft! Am Tag danach, als alles anders, als ich von den Toten wieder erwacht war, lief auf der Inten­siv­sta­tion eben genau dieses Lied. Kein anderer Moment führte mir in diesen Tagen so klar vor Augen, was mit mir pas­siert war und was mit mir pas­sieren würde. Alles war anders. Kein Fuß­ball­fest mehr.

Eine Folter. Kapi­tu­la­tion.

Schmerzen sind noch immer da, große Ein­schrän­kungen auch. An die von mir durchaus geschätzte Arbeit ist nicht zu denken. Mona­te­langes im Kran­ken­haus liegen, zu Hause sitzen, in Reha­kli­niken trai­nieren, bei Ärzten dis­ku­tieren, Medi­ka­mente schlu­cken, nicht schlafen können, Ängste aus­halten müssen, neuen Ope­ra­tionen besorgt und ver­schreckt ent­ge­gen­sehen müssen; eine Folter, die im Zweifel nie enden wird. Und den­noch die eigenen Kinder wachsen sehen, glück­lich sehen. Eine Frau im Alltag ohne rich­tigen Partner leben sehen. Das alles muss man aus­halten. Und wo ist da noch Platz für diesen selt­samen Fuß­ball, diesen Klub, diese Lei­den­schaft namens BVB? Kapi­tu­la­tion. Dau­er­karten längst wei­ter­ge­reicht; zu stehen, geschweige in einem Sta­dion, eh unmög­lich. Abmel­dung in einem hoch­ge­schätzten Forum.

Das eigene Umfeld lässt man selt­sa­mer­weise im Unklaren. Man sagt nicht: Das inter­es­siert mich nicht mehr!“ Man tut so als ob. Eine Hal­tung, die jeden­falls mir häufig in vielen Fragen unter­ge­kommen ist in den letzten Monaten. Ich tue so als ob. Har­monie als Stra­tegie für die Nor­ma­lität.

Tat­säch­lich dis­ku­tiere und spreche ich sogar weiter mit Freunden und Bekannten, mit der Familie über den BVB. Als ob nichts gewesen wäre. Aber es lässt mich kalt. Den­noch dann der klare Ent­schluss, dass ich das nicht so hin­nehmen kann und will. Ich muss nochmal ins Sta­dion, und ich muss nochmal alles ver­su­chen, die Emo­tionen wieder zu ent­fa­chen…

Ob das Ganze ver­nünftig ist, rein medi­zi­nisch betrachtet, schiebe ich ein­fach bei­seite. Zu viel hat die Medizin sich in mein Leben ein­ge­mischt. Und so fahre ich über die A1 gen Dort­mund (besser: lasse mich fahren, denn selbst geht es nicht), um das Spiel des BVB gegen den FC Malaga zu besu­chen.