Dieser Text erschien erst­mals auf schwatz​gelb​.de. 

Hallo,

ein unge­wöhn­li­cher Ein­stieg. Ein­fach Hallo. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn man jedoch einmal bemerkt hat, dass das mensch­liche Dasein eben auch einen Moment mit sich bringt, in dem man nicht mehr Hallo sagen kann, hat dieses schmale, mil­lio­nen­fach im Leben wohl genutzte Wort eine völlig neue, andere und gewich­tige Bedeu­tung.

Zweiter Weih­nachtstag 2012, ein Auto­mobil mit blauem Licht muss mich in ein Kran­ken­haus fahren, es ging nicht mehr anders: Schmerzen wie noch nie im Leben, hohes Fieber. Alles wie aus hei­terem Himmel. Ges­tern ging es mir noch gut!? Erst­mals in meinem Leben befinde ich mich über­haupt als Patient in solch einem. Not­auf­nahme, Auf­nahme ins Kran­ken­haus, erste Medi­ka­mente, aber noch Hoff­nung, dass schon alles nicht ganz so wild ist und wieder wird. Weih­nachten ist vorbei. Abends liege ich auf dem OP-Tisch und bin betäubt. Erste OP, wei­tere drei folgen, dann erst mal Sil­vester durch­schlafen. Wird schon werden! Zustand weiter schlecht wie nie. Gefühl wie wach und abge­stellt.

Zweiter Januar, ein neues Jahr. Wei­tere OP nötig, schlechter Zustand im Anschluss und dann ENDE. Alles warm und grau, wie ein­ge­wi­ckelt in ein Tuch. Leben aus. Kein Hallo mehr. Die Hände eines anderen Men­schen ver­su­chen, noch einmal den Start­knopf zu drü­cken. Ein fast vul­gärer Vor­gang, wie es mir heute erscheint. ANFANG. Mit einem Drink des Him­mels“ nochmal auf­ge­wacht. Erleb­nisse ohne Ort erlebt.

Dann direkt wieder in den OP. Weiter Schmerzen, viel neues Blut, viel Medizin, viel Hilfe. Viel anders. Dann Wochen, Monate des Ban­gens, der Qual, des Hof­fens, des Durch­hal­tens, sich sorgen um die Nächsten, um sich selbst, mit zer­schnit­tenem Ehr­geiz im weißen Bett lie­gend, gera­dezu vor Schmerz­mit­teln chlo­ro­for­miert, größte Bewe­gung ein Drehen nach rechts. Mehr geht nicht. Alles anders. Wirk­lich alles.

Seit 1988 überall dabei

Was hat das mit dem BVB zu tun? Es ist der Bericht eines 36 Jahre alten Fans, der erst­mals aus­ge­rechnet 1986 gegen For­tuna Köln ins Sta­dion geschleppt wurde. Kann sein, dass es auch schon mal vorher der Fall war, aber an dieses Spiel erin­nert sich dieser Fan dann halt noch. Damals war auch alles noch völlig anders. Wirk­lich fast alles. Nur das Spiel selbst ist, bis auf einige Ände­rungen, das­selbe geblieben. Ab diesem Moment ist mein Kopf unauf­hör­lich am Berichte schreiben über diesen Sport und diesen Klub! Borussia Dort­mund.

Erlebt hat dieser Fan viel. Nicht so viel wie manch andere Extre­misten“ unter den Fans, aber dann doch genug. Ab 1988 im Grunde alles an großen Finals vor Ort, nur Tokio war zu weit. Ansonsten viele, viele Spiele in Dort­mund und sonstwo. Lei­den­schaft, Lebens­in­halt, ja eigent­lich eine Reli­gion ist es dann streng­ge­nommen. Näch­te­lang dis­ku­tiert hat dieser Fan über den BVB, bei viel Bier oder bei sehr wenig, in großen Runden, in kleinen, im Internet und in Bars, egal.

Jeden ver­dammten Tag seit ich wirk­lich denken kann, denke ich min­des­tens 5 Minuten am Tag auch mal an den BVB. Selbst das Ver­lassen der räum­li­chen Nähe zum Sta­dion ließ mich nicht abrü­cken. Schon gar nicht schlechte Zeiten, Pleiten, Insol­venzen, Betrü­ge­reien, Groß­manns­sucht von Fans und mit Fans. Man blieb ein­fach.

Eine begin­nende Häu­tung

Als ich im Januar dann erwachte aus einem künst­li­chen Schlaf in Folge der obigen Nacht des zweiten Januars, als ich trotz vie­lerlei Drogen wieder ein wenig denken konnte, und spre­chen konnte, merkte ich eine Häu­tung, die begann. Einer jener Men­schen, die sich beruf­lich viele Stunden intensiv um mich küm­merten, ent­puppte sich als Fan des BVB. Dies erfuhr ich eher bei­läufig und, anders als früher, es blieb bei­läufig!

Borussia Dort­mund? Diese Lei­den­schaft, dieses so ultra­sym­pa­thi­sche Erfolgs­monster der letzten Jahre, wel­ches mir so viele wun­der­bare, nicht mehr für mög­lich gehal­tene Momente ser­viert hatte, wo war das? Die Win­ter­pause ging zu Ende, die inten­sive Behand­lung nicht. Ein Spiel des BVB ver­passt? Egal. Wie ging es aus? Egal. Nuri Sahin zurück? Egal (und das bei mir, der ihn immer aufs Letzte ver­tei­digt hatte). Ich schob das alles auf meinen Zustand, auf meine Sorgen, meine Ängste, meine Pro­bleme, Schmerzen, Medi­ka­mente, auf alles…

Es musste klar sein, dass der BVB eben doch nur die schönste Neben­sache der Welt war und ist. Und den­noch beschäf­tigte mich diese selbst­ge­machte Gefühls­kälte gegen den BVB. 1986 bis heute, dass waren ja immerhin ca. 27 Jahre der Lei­den­schaft! War das am Ende alles ver­schwen­dete Energie und ein großer Quatsch?