Und Sie sind aus Dort­mund?“, fragte Ottmar Hitz­feld mich inter­es­siert, als die Sky-Kameras eine Pause ein­legten. Mode­rator Michael Leo­pold hatte mich kurz zuvor als BVB-Fan und Dau­er­kar­ten­be­sitzer seit 1982“ vor­ge­stellt, was Hitz­feld sicht­lich freute.

Bis 1991 stand ich sogar immer mit Schal auf der Süd­tri­büne“, ant­wor­tete ich. Aber dann bekamen wir einen neuen Trainer, von dem wir noch nie etwas gehört hatten. Angeb­lich ein Schweizer.“ Hitz­felds Augen fun­kelten lustig, aber er unter­brach mich nicht. Gleich das fünfte Spiel der Saison war das Derby“, fuhr ich fort. Und das hat der neue Trainer aus­wärts doch tat­säch­lich 5:2 ver­geigt. 5:2! Von dem Tag an habe ich aus Pro­test meinen Schal nicht mehr mit­ge­nommen.“ Hitz­feld hob ent­schul­di­gend die Hände. Mir hat damals keiner erklärt, wie wichtig dieses Spiel ist!“, ver­tei­digte er sich. Ich kam aus der Schweiz und hatte keine Ahnung von der Bedeu­tung des Derbys.“ – Nun ja“, sagte ich. Sie haben dann ja einiges getan, um es wie­der­gut­zu­ma­chen.“

21 Jahre ohne Schal

Was ich ihm aller­dings nicht sagte, war, dass auch ein paar Meis­ter­schaften und selbst ein Cham­pions-League-Sieg mir als Wie­der­gut­ma­chung nicht reichten. Nach der Derby-Nie­der­lage vom August 1991 sollte es knapp 21 Jahre dauern, bis ich ver­söhnt genug war, um wieder mit einem Schal ins Sta­dion zu gehen.

Ja, so wichtig war das Derby nicht nur mir, son­dern auch allen anderen Dort­mun­dern. Bis etwas gänz­lich Uner­war­tetes pas­sierte – der BVB wurde gut. Unter Hitz­feld wurde er so gut, dass wir plötz­lich regel­mäßig um Titel spielten und sogar auf der ganz großen Bühne mit­tanzten. Und das, so merkten wir bald, ver­schiebt die Prio­ri­täten. Plötz­lich hießen die wahren Rivalen Bayern Mün­chen und Juventus Turin, das Derby wirkte immer öfter wie eine läs­tige Pflicht­ver­an­stal­tung. Und je höher wir in Dort­mund die Nase trugen, desto ent­schlos­sener gingen die Schalker in diese Duelle.

Lange Jahre war es prak­tisch unmög­lich für uns, ein Derby zu gewinnen. Und zwar nicht, weil die Mann­schaft zu schlecht gewesen wäre (sie wurde 2002 ja sogar Meister), son­dern weil sie jene Spiele als ganz nor­male Bun­des­li­ga­par­tien betrach­tete und dann auf einen Gegner traf, der um Leben und Tod spielte. Jahr um Jahr, Derby um Derby rannten die Blauen wie unter Drogen, wäh­rend irgend­welche gerade von irgend­woher gekauften Typen in schwarz-gelben Tri­kots ihnen kopf­schüt­telnd nach­schauten und, so sah es jeden­falls von außen aus, dabei mur­melten: Was ist denn mit denen los? Warum sind die so auf­ge­kratzt?“

Eine schlimme Saison mit drei Trai­nern

Diese Vor­ge­schichte – nur ein Sieg aus den letzten 18 Derbys und viel zu viele Spiele ohne Herz­blut, ohne Leben – muss man kennen, um zu ver­stehen, warum der 12. Mai 2007 zum größten Dort­munder Tag jenes Jahr­zehnts wurde. Es war der vor­letzte Spieltag einer wei­teren schlimmen Saison, mit vielen schlimmen Spielen und gleich drei Trai­nern, von denen der letzte der schlimmste war, obwohl unter ihm wenigs­tens die Abstiegs­ge­fahr gebannt wurde. Aber eine aus Sicht aller Fans noch viel grö­ßere Gefahr bestand noch, dass näm­lich Schalke – nach 32 Spiel­tagen Tabel­len­führer – mit einem Sieg im West­fa­len­sta­dion nicht nur ein wei­teres Derby gewinnen würde, son­dern sogar nach fast einem halben Jahr­hun­dert wieder die Meis­ter­schaft. Auf Dort­munder Boden!