Seite 3: Training in Pferdehallen

Hall­dórs­sons Wer­de­gang ist auch des­halb so außer­ge­wöhn­lich, weil das islän­di­sche Natio­nal­team nicht mehr nur aus Teil­zeit­fuß­bal­lern besteht. Vorbei die Zeit, als Reporter wie Rolf Töp­per­wien in den Spiel­pausen genüss­lich erzählen konnten, dass der Links­außen an einer Real­schule unter­richtet und der Ver­tei­diger sonst am Beton­mi­scher steht. In Islands Team stehen nun inter­na­tio­nale Größen: Kol­beinn Sig­t­hórsson stürmt für Ajax Ams­terdam, Gylfi Sigurdsson spielt in der Pre­mier League bei Swansea City und Alfred Finn­bo­gason in Spa­nien für San Sebas­tian. Sie alle pro­fi­tierten von Islands neuen Struk­turen: Seit dem Jahr 2000 baute der islän­di­sche Ver­band soge­nannte Soc­cer­hallen, damit die Mann­schaften das gesamte Jahr über trai­nieren können. Eine Art Indoor­tur­nier ersetzt im Winter den Liga­be­trieb und ver­ein­facht die Aus­bil­dung des Nach­wuchses. Hall­dórsson musste sich in der Jugend noch in Pfer­de­hallen in den Sand werfen, heu­tige Jugend­spieler spielen von Beginn an auf Kunst­rasen.

Schon in der Grund­schule stehen je zwei Trai­nings­ein­heiten Hand­ball und Fuß­ball auf dem Lehr­plan, unter der Lei­tung von pro­fes­sio­nellen Coa­ches mit A‑Lizenz. Die Fuß­ball­be­geis­te­rung lässt sich in einer Zahl ablesen: Fast jeder zehnte Isländer ist in einem Verein ange­meldet, eine noch höhere Quote als in Deutsch­land. Islän­di­sche Spieler und Trainer sind auch in Sport­arten wie dem Hand­ball bekannt für ihren pro­fes­sio­nellen Ein­satz. Der Trainer des Hand­ball­bun­des­li­gisten Füchse Berlin hat sich bei­spiels­weise auch einen Zweitjob gesucht, er coacht nun nebenbei die deut­sche Natio­nal­mann­schaft. Island lebt von der Men­ta­lität, der Talent­för­de­rung und der Begeis­te­rung des Ein­zelnen.

In der WM-Qua­li­fi­ka­tion schei­terte Island knapp

Glück spielt auch eine Rolle. Kleine Nationen haben immer wieder große Genera­tionen an Fuß­bal­lern her­vor­ge­bracht, so wie die Nor­weger in den Neun­zi­gern“, sagt Hall­dórsson. Und: Wir haben mit Lars Lager­bäck ein­fach genau den rich­tigen Trainer zur rich­tigen Zeit.“ Seit der Schwede 2011 das Trai­neramt über­nommen hat, ist Island in der Welt­rang­liste von Platz 112 auf 28 geklet­tert. In den Rele­ga­ti­ons­spielen zur WM schei­terten sie nur knapp an Kroa­tien. Im Hin­spiel schaffte Island in Unter­zahl ein 0:0 gegen den haus­hohen Favo­riten – auch dank der gran­diosen Reflexe von Hall­dórsson. Island wäre das kleinste Teil­neh­mer­land in der WM-Geschichte gewesen – doch das Rück­spiel ging mit 0:2 ver­loren.

Hall­dórsson und Island träumen nun davon, bei der EM 2016 dabei zu sein. Wenn es so kommen sollte, will er eine Kamera mit nach Frank­reich nehmen. Das vierte Spiel der Qua­li­fi­ka­tion aller­dings verlor Island in Tsche­chien mit 1:2, beim zweiten Gegentor sah Hall­dórsson nicht gut aus. Doch seine Trainer schätzen an ihm, dass er Fehler schnell abhakt. Tat­säch­lich sagt er: Die Nie­der­lage war sehr ärger­lich, aber wir haben in der Gruppe weiter alles selbst in der Hand. Also: Keine Panik.“ Island bei der Euro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich, diese Sen­sa­tion, sie ist weiter mög­lich.

Hannes Thor Hall­dórsson weiß schließ­lich am besten: Kein Dreh­buch ist so irre wie der Fuß­ball.

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HIN­WEIS: Dieser Artikel erschien das erste Mal im März 2015 online.