Die Straßen in Brüssel sind voll. Die Bel­gier begehen den Jah­restag des Waf­fen­still­stands im Ersten Welt­krieg. Ein son­niger Nach­mittag im November. Stu­denten wuchten Bier­kästen durch die Gegend, ver­klei­dete Künstler wir­beln am Rand der Ein­kaufs­straßen, Ver­käufer des Floh­marktes rufen laut umher, preisen ihre Waren an. Doch mitten in dem bunten Treiben bleiben immer wieder Pas­santen stehen und starren ver­wun­dert auf einen großen Mann von 1,93 Metern. Er trägt einen blauen Trai­nings­anzug mit der Auf­schrift Ice­land“ und schlen­dert über den Markt­platz. Am Tag darauf spielt Bel­gien gegen Island, und aus den Gesich­tern der Pas­santen spricht förm­lich die Frage: Wer ist dieser Kerl?

Nächster Film: ein Geis­ter­thriller

Hannes Thor Hall­dórsson ist Tor­wart der islän­di­schen Natio­nal­mann­schaft und zu diesem Zeit­punkt sogar der beste in der gesamten EM-Qua­li­fi­­ka­tion. Drei Spiele, drei Siege, kein ein­ziges Gegentor. In der Partie gegen die Nie­der­lande brachte er die Stars um Arjen Robben und Robin van Persie zur Ver­zweif­lung und hielt einen 2:0‑Sieg des Under­dogs fest. Island hat gut 300 000 Ein­wohner und noch nie an einem großen Fuß­ball­tur­nier teil­ge­nommen. Jetzt ist die Natio­nalelf Tabel­len­führer in ihrer Gruppe vor den Favo­riten Tsche­chien, Nie­der­lande und Türkei.

Hannes Thor Hall­dórsson ist auch einer der bekann­testen Fil­me­ma­cher seines Landes. Er drehte das Musik­video für Greta Salome & Jonsi“, die islän­di­schen Teil­nehmer am Euro­vi­sion Song Con­test, unzäh­lige Wer­be­spots für Bier­marken, Joghurt, eine Flug­linie, dazu zwei Doku­men­ta­tionen und eine Art Action­ko­mödie. Momentan schreibt er an einem Skript für einen Geis­ter­thriller im Stile Ste­phen Kings. Pro­fes­sio­nell Fuß­ball spielt er erst seit 2007, noch im Alter von 21 Jahren hockte er als 105-Kilo-Koloss auf der Tri­büne eines islän­di­schen Dritt­li­gisten. Damals hätte er wohl mehr Chancen gehabt, Islands erfolg­reichster Strand­tuch­ver­käufer zu werden als Natio­nal­tor­wart. Wenn er von seinem steilen Auf­stieg erzählt, fragt er besorgt, ob das nun arro­gant klinge.

Früher schnitt er in der Vor­be­rei­tung Filme

Ich hätte mir das in meinen wil­desten Träumen nicht aus­ge­malt, aber ich habe auch eine lange Lei­dens­zeit hinter mich gebracht“, sagt er in einem Café in der Brüs­seler Fuß­gän­ger­zone. Seine Mit­spieler hängen auf den Hotel­zim­mern, spielen Karten oder Play­sta­tion. Doch für Hall­dórsson sind diese freien Nach­mit­tage vor den Spielen ein Pri­vileg, er schaut sich jede Stadt an, in der er spielt. Denn noch vor einem Jahr ver­brachte er die Vor­be­rei­tungs­zeit damit, am Laptop seine Filme zu schneiden oder Dreh­tage zu orga­ni­sieren – zur Belus­ti­gung der Kol­legen. Er kennt sich mit Hol­ly­wood­stars aus, mit Regis­seuren und Schau­spie­lern, über Pro­fi­fuß­baller weiß er nicht viel. In der Team­be­spre­chung vor dem Test­spiel gegen Bel­gien staunten seine Mit­spieler über die mit inter­na­tio­nalen Stars gespickte Auf­stel­lung des Geg­ners. Hall­dórsson kannte gerade einmal deren Tor­wart und Stürmer Eden Hazard. Der Fuß­ball war lange Zeit eben nicht seine Welt.

Er streckt die langen Beine aus, streicht sich über die Haar­stop­peln, seine Augen wirken müde. Doch die Stimme ist laut und fest, als er von seiner Lei­dens­zeit erzählt. Mit 14 Jahren stand er mit seinem Vater auf einem Ski­ab­hang, er auf einem Snow­board, der Vater auf Skiern. Die beiden wet­teten darum, wer von ihnen als Erster unten ankommen würde. Doch auf der Hälfte der Strecke krachten sie zusammen, Hall­dórsson kugelte sich die Schulter aus, der Vater ver­letzte sich nur leicht am Daumen. Noch heute prahlt mein Vater damit, dass er als Erster unten war. Schließ­lich musste er ja den Not­arzt holen.“ Tro­ckener, nor­di­scher Humor.

Der Unfall war auch ein Segen“

Die Ver­let­zung mag harmlos klingen, doch für ihn war es eigent­lich das Ende seines Traums vom Fuß­ball. Er hatte bis dahin als hoff­nungs­volles Tor­hü­ter­ta­lent gegolten, doch nach der Reha kugelte er sich die Schulter erneut aus. Im fol­genden Jahr pas­sierte es wieder. Es folgte eine erneute Ope­ra­tion, kurz darauf brach er sich einen Finger. Die Schmerzen zehrten an ihm, er gab den Sport auf. Er schwänzte die Schule und fand sich statt­dessen in einer Film­pro­duk­ti­ons­firma wieder. Arbeits­schwer­punkt: die Bedie­nung der Kaf­fee­ma­schine. In der Schule hatte er bereits einen Film über Swim­ming Man“ gedreht, einen Action­helden im Schwimm­anzug, der Ver­bre­chen auf­klärt, doch dum­mer­weise in jeder Epi­sode stirbt. Im Prak­tikum begann er, ernst­hafte Filme zu drehen. Es heißt immer, dass alles für etwas gut ist. Dem­zu­folge war der Unfall auch so etwas wie ein Segen. Sonst hätte ich mich nicht so sehr ums Film­ge­schäft geküm­mert.“

Gudjon Jonsson, eben­falls Regis­seur, kennt Hall­dórsson seit diesen Tagen. Es ist schwierig, sich in der Film- oder Wer­be­branche einen Namen zu machen. Hannes aber schaffte es im Handum­drehen.“ Die Auf­träge kamen, Hall­dórsson ent­wi­ckelte sich zu einem ange­se­henen Regis­seur für Doku­men­ta­tionen und Wer­be­spots, der auch mit kleinem Team und geringem Budget gute Arbeit ablie­ferte. Ein Bekannter trai­nierte über­dies den Dritt­li­gisten Aftu­rel­ding und bat Hall­dórsson, im Trainingsla­ger als Ersatz­tor­wart aus­zu­helfen – trotz seines Über­ge­wichts. 105 Kilo. Es war der Wen­de­punkt. Ich stand vor dem Spiegel, machte ein Foto und sagte mir, dass ich nicht länger so aus­sehen will.“