Seite 8: Was tun, wenn niemand mehr den Ball haben will?

Eines eint ohnehin fast alle Bun­des­li­gisten: Den Ball will kaum noch jemand haben. Auch Schalke hat in der Hin­runde auf die Umschalt­mo­mente gesetzt. Darauf, den Gegner im Augen­blick des Ball­ver­lustes in Unord­nung zu bringen. Zur Rück­runde soll sich das ändern, in Spa­nien legt das Trai­ner­team daher den Fokus auf Ball­be­sitz. Es endet mit einer Ernüch­te­rung: Aus den ersten vier Spielen nach der Win­ter­pause holt Schalke nur vier Punkte. Eine kleine Krise, doch nicht zu ver­glei­chen mit den Unge­wiss­heiten zu Sai­son­be­ginn.

Nach den Spielen schneidet Tedesco nun nicht mehr hek­tisch die Auf­zeich­nungen zusammen, um ein wenig mehr Zeit daheim zu ver­bringen. Auch wenn er mor­gens noch immer einer der ersten auf dem Ver­eins­ge­lände ist, kann er inzwi­schen auch bei der Familie Ruhe finden. Sie ist, wenn man das nach einem halben Jahr sagen kann, im Kreis Reck­ling­hausen hei­misch geworden. Sein liebster Raum im neuen Haus ist das Gäs­te­zimmer, das die Familie für die Tochter zum Spielen frei­ge­geben hat. Dort sitzt Dome­nico Tedesco, wäh­rend die Ein­jäh­rige um seine Füße herum freudig ihre ersten Schritte macht. Er schaut durch das Fenster in den Garten. Laufen lernen, das war auch das Ziel, das Schalke 04 zur Rück­serie hatte. Nicht immer nur auf den Gegner ein­stellen, son­dern selbst die Rich­tung vor­geben.

Öko­no­mi­scher Fuß­ball

Die Idee dahinter ist ein­fach und bestechend zugleich. Der Gegner kann durch geschickte Pass­folgen in die fal­sche Rich­tung gelockt und blitz­schnell aus­ge­he­belt werden, ein wich­tiger Glau­bens­satz der würt­tem­ber­gi­schen Fuß­ball­schule. Tedesco, der wie am Reiß­brett ent­worfen durch dieses System klet­terte, ist die Theorie geläufig. Öko­no­mi­scher Fuß­ball, den Gegner laufen lassen, im rich­tigen Moment zuste­chen – das klingt schön. Aber es funk­tio­niert nicht. Vor dem Spiel gegen Bayern ent­schließt er sich zu einem radi­kalen Schnitt: Das Team soll sich wieder am Gegner ori­en­tieren. Zur alten, neuen Taktik kommen Per­so­nal­ro­chaden. Breel Embolo, über die gesamte Saison nur Ergän­zungs­spieler, steht in der Startelf. Sein Coach ver­traut der Trai­nings­woche. Schalke ver­liert in Mün­chen 1:2, für Tedesco aber keine Kata­strophe. Das hat mich trotzdem darin bestä­tigt, dass wir wieder auf dem rich­tigen Weg sind“, sagt er.

Der rich­tige Weg. Das sind in den nächsten Wochen Spiele, in denen der FC Schalke wenig spek­ta­ku­lären Fuß­ball spielt und trotzdem meis­tens gewinnt. Beim abstiegs­ge­fähr­deten FSV Mainz 05 ist aus dem schönen Spiel mal wieder eine Schlacht um Umschalt­mo­mente geworden. Wir mussten das so annehmen. Mainz ist kör­per­lich so stark, die hätten uns sonst auf­ge­fressen“, sagt der Trainer. Schalke gewinnt mit 1:0.

Was der Neu­gier gewi­chen ist

Tedesco ist nach einem Drei­vier­tel­jahr auf Schalke auch abseits des Platzes vor­sich­tiger geworden. Er hat seine Erfah­rungen gemacht. Jeder Coach muss sich die Frage stellen, wie viel Pri­vates er preis­geben will. Manche Trainer sind da sehr rigoros, etwa Jens Keller, der wäh­rend seiner Ber­liner Zeit beim emo­ti­ons­ge­sät­tigten 1. FC Union stets betonte, nur einen Job zu machen. Und auch Tedesco ist ver­schlos­sener geworden. Beim Gespräch bleibt zum ersten Mal ein Ange­stellter der Pres­se­ab­tei­lung neben ihm sitzen, schneidet die Unter­hal­tung mit. Das ist üblich in der Bun­des­liga, aber trotzdem neu. Die Neu­gier ist etwas der pro­fes­sio­nellen Rou­tine gewi­chen. Wahr­schein­lich muss das so sein.