Seite 7: Welchen Faktor wird Taktik noch spielen?

Tedesco ent­gleitet kurz­zeitig der Kon­flikt. Auf einer Pres­se­kon­fe­renz pras­seln die Fragen auf den Trainer ein. Sport­jour­na­listen wissen, wie sie Trainer quälen können. Ob es für den Fall, dass Höwedes sich mit Juventus einig werde, ein Veto vom Trainer geben würde, wird er gefragt. Ihm ent­fährt die flap­sige Ant­wort: Grund­sätz­lich sollte man Rei­sende nicht auf­halten.“ Ist dem Coach etwa egal, ob die lang­jäh­rige Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur den Klub ver­lässt? Ein Steil­vor­lage für die Medien – und für den Spieler. Rei­sende kann man auf­halten, wenn man will“, schreibt Höwedes in einem Brief an die Fans vor seinem Wechsel nach Ita­lien. Und: Ich gehe als Spieler, ich bleibe als Fan.“ Dann ist er weg, und Tedesco wirkt plötz­lich wie einer, der Schalke nicht ver­standen hat. Ich war der Buh­mann“, sagt er wenige Wochen nach dem Wechsel. Der unter­drückte Zorn ist ihm anzu­merken. Wäh­rend­dessen sitzt Helge Leon­hardt in Aue und leidet mit. Als der Streit mit Höwedes aufkam, saß ich mit krib­belndem Bauch zu Hause und habe gesagt: Du musst jetzt durch­halten, Dome.“

Der Zorn der Anhänger erreicht Tedesco rasch. Aus den schul­ter­klop­fenden Fans werden schrei­bende Kri­tiker. In einem Brief, den er im Büro am Trai­nings­zen­trum öffnet, weist ihn ein Anhänger zurecht: So ein arro­gantes Ver­halten gehöre nicht zu Schalke. Tedesco liest die Briefe, Nach­richten, Schlag­zeilen – alles. Er will ja zuhören. Aber er muss sich auch schützen vor zu viel Druck und nega­tiver Energie. Und so trifft er eine Ent­schei­dung. Seit diesem Tag liest er keine Nach­richten mehr über sich und Schalke 04.

Match­plan

Zumal es viel zu tun gibt. Es geht wieder nach Berlin, diesmal zur Hertha. Ein Sieg wäre hilf­reich, Schalke ist Tabel­len­neunter – drei Siege, drei Nie­der­lagen, ein Unent­schieden. Tedesco ist vor dem Spiel trotzdem zufrieden, er hat seine Defen­sive erheb­lich gestärkt. Auch in Gesprä­chen. Wie sieht er mit einigem Abstand den Kon­flikt mit Höwedes? Die Geschichte ist wirk­lich aus­er­zählt.“ Nur mit einem Thema fängt man ihn immer ein: Fuß­ball. Wenn er die Nie­der­lage eine Woche zuvor in Han­nover ana­ly­siert, dann stellt er sich im Hotel­flur zwi­schen zent­ner­schwere Blu­men­kübel, um die undurch­dring­liche Mann­de­ckung zu ver­deut­li­chen. Er misst die Abstände zwi­schen den Ter­ra­kott­a­pötten ab: keine Lücke. Aber jetzt will er es wissen. Die Schwach­stellen im Ber­liner Spiel sind gefunden: Wir warten, bis ihre Außen­ver­tei­diger raus­rü­cken, dann greifen wir an.“

Doch die Ver­tei­diger tun Tedesco den Gefallen nicht, stur halten sie ihre Posi­tionen. Max Meyer spielt auf der Sechs. Schon in Aue beor­derte der Trainer den drib­bel­starken Mario Kvesic von der Außen­bahn ins defen­sive Zen­trum, um Ball­si­cher­heit zu bekommen. Am Ende gewinnt Schalke mit 2:0. Ein Elf­meter, eine Unauf­merk­sam­keit des Geg­ners, Fuß­ball kann bis­weilen so ein­fach sein. Das beste Spiel unserer Saison“, findet Tedesco noch Monate später. Weil seine Mann­schaft die Ruhe bewahrt und heikle Situa­tionen spie­le­risch gelöst hat. Es ist der Auf­takt zu einer Serie. Schalke bleibt bis zum Jah­res­ende in zwölf Pflicht­spielen unge­schlagen, über­win­tert auf dem zweiten Platz und im DFB-Pokal.

Am Leis­tungs­limit

Für das Win­ter­trai­nings­lager reist das Team nach Ben­i­dorm, Spa­nien. Dort schaut auch Helge Leon­hardt vorbei, der Prä­si­dent aus Aue. Er will mit Heidel klären, dass Schalke tat­säch­lich zur Sta­di­on­ein­wei­hung kommt. Gleich­zeitig bereiten sich die Olym­pio­niken auf die Win­ter­spiele in Pye­ong­chang vor. Die New York Times“ titelt, die Welt werde in Süd­korea das Ende der Leis­tungs­stei­ge­rungen erleben. Denn ath­le­ti­sche Sport­arten ent­wi­ckeln sich seit der Jahr­tau­send­wende nicht mehr weiter. Welt­re­korde von Eis­schnell­läu­fern, Sprin­tern oder Weit­sprin­gern sta­gnieren. Gelangt auch der Fuß­ball langsam an seine Leis­tungs­grenzen? Noch nicht, aber bis zur nächsten Welt­meis­ter­schaft könnte es schon so weit sein“, sagt Tedesco. Im Bereich der Trai­nings­op­ti­mie­rung ließe sich noch an Schrauben drehen. Aber bald werden sich die kör­per­li­chen Fähig­keiten aller Bun­des­li­ga­spieler ange­gli­chen haben. Dann machen andere Fak­toren den Unter­schied aus. Die Taktik wird immer ent­schei­dender. Aber auch Ein­satz und Wille“, sagt Tedesco. Schon jetzt ist in der Bun­des­liga ein ath­le­ti­scher Vor­teil schwer aus­zu­ma­chen.