Seite 6: Menschenkenntnis und Benedikt Höwedes

Es ver­geht aber nur wenig Zeit, dann kann der Trainer schon tri­viale Cha­rak­ter­ei­gen­schaften seiner Spieler vor­tragen. Max Meyer, zählt er auf, duscht schnell, isst in Ruhe, ernährt sich sehr gesund. Der feine Humor von Franco Di Santo ist ihm nicht ent­gangen. Für den Trainer ist so etwas keine Spie­lerei, er zieht daraus Rück­schlüsse auf die Ansprache, mit der er jedem Ein­zelnen begegnen kann. Einen Natio­nal­spieler wird er im Laufe der Saison zum Kaffee ins Büro bitten, bevor er ihm erklärt, dass er in den kom­menden Wochen nicht im Kader stehen wird. Amine Harit brüll ich ein­fach auf dem Platz an, dass ich mehr erwarte. Dann rennt der schon los“, sagt Tedesco.

Men­schen­kenntnis und Didaktik sind ganz wichtig für Tedesco. Sein System soll den Akteuren dienen, nicht umge­kehrt. Und er will des­halb loben, auch wenn er kri­ti­siert. Die Mann­schaft spielt nicht zu oft Foul, sie ist zu hungrig nach Bällen“. Lösungen erar­beitet das gesamte Team. Wenn die Spieler betei­ligt sind, glauben sie an den Plan“, sagt er. In Aue waren die Außen­ver­tei­diger von einem Posi­ti­ons­tausch nicht über­zeugt. Gut“, meinte Tedesco, dann machen wir es eben anders.“

Bene­dikt Höwedes – zwei Sicht­weisen

Aber da ist die Sache mit Bene­dikt Höwedes. Zu wenig ken­nen­ge­lernt“, sagt Tedesco, was aber den Kon­flikt mit dem Natio­nal­spieler nur unge­nü­gend beschreibt. Früh­zeitig hat er dem Abwehr­chef die Kapi­täns­binde weg­ge­nommen, ihn aber immer wieder auf­ge­for­dert, dran­zu­bleiben. Seine Chance werde kommen, bitte etwas Geduld. Was ein Trainer eben so sagt, wenn er einen Reser­visten moti­vieren will. Höwedes ver­si­chert ihm im Gegenzug, dass er nicht wech­seln wolle.

Und doch hat sich schnell einer jener Kon­flikte ent­wi­ckelt, die typisch sind für Über­gangs­zeiten. Alte und neue Macht­struk­turen prallen auf­ein­ander wie Kon­ti­nen­tal­platten, es ent­stehen Risse und Ver­wer­fungen. Tedesco demons­triert seine Ent­schluss­kraft und seinen Macht­willen, not­falls auch gegen die Medien und die öffent­liche Mei­nung. Höwedes spürt das. Vor dem ersten Sai­son­spiel gegen Leipzig nimmt ihn der Trainer vor den Augen aller Zuschauer demons­trativ in den Arm. Doch der Schul­ter­schluss gerät arg sym­bo­lisch, und der Natio­nal­spieler schaut ihm nicht in die Augen, son­dern hoch zu den Fans in der Nord­kurve. Gegen Leipzig und Han­nover sitzt Höwedes über die volle Spiel­zeit auf der Bank.