Seite 5: Was hat Domenico Tedesco auf Schalke vor?

Jetzt steht Dome­nico Tedesco zum ersten Mal auf der großen Bühne. Alle Schein­werfer zeigen auf ihn, er muss sich ein Lächeln ver­kneifen. Glück auf“, hatte er auch schon in Aue gesagt, wenn die Pres­se­kon­fe­renzen begannen. Ich habe mit­be­kommen, wie sich die Leute in Aue begrüßen, als ich durch die Gänge lief. Da habe ich es auf­ge­griffen“, erklärt der Trainer. Tedesco kann durch eine unge­wohnte Situa­tion gleiten, als hätte er sie im Vor­feld schon tau­send­fach durch­ex­er­ziert. Das beruht auf schneller Auf­fas­sungs­gabe, läuft aber bis­weilen Gefahr, beflissen zu wirken. Auch auf Schalke: Glück auf!“ Iden­ti­fi­ziert sich ein Mensch, dessen Eltern aus Ita­lien stammen, der in Aich­wald bei Stutt­gart auf­ge­wachsen ist und in Sins­heim gear­beitet hat, inner­halb weniger Wochen mit einer Region? Oder ist das nur die Fas­sade eines gelernten Inge­nieurs, die den Zweck erfüllen soll, Neben­ge­räu­sche zu mini­mieren?

Von der Natio­nalelf bis zur Regio­nal­liga

Schalke kann auf jeden Fall sehr anstren­gend sein. In seinen ersten Wochen in Gel­sen­kir­chen kehrt Tedesco in die Beob­ach­ter­rolle zurück. Wenige Tage vor dem Trai­nings­start sieht er müde aus, die Augen sind etwas ange­schwollen, auch das fri­sche hell­blaue Hemd ändert nichts am Ein­druck. Er, der so viel Wert auf eine akkurat vor­be­rei­tete Video­ana­lyse legt, hat sich Tera­bytes an Daten der ver­gan­genen Saison in sein Hotel­zimmer bringen lassen und arbeitet nachts durch. In den Videos liegt immer nur eine halbe Wahr­heit. Die andere Seite ist: Wie tickt eigent­lich der Junge? Was sind seine Stärken? Wann hat er Angst?“, sagt Tedesco. Er sitzt am Tisch eines Ede­l­ita­lie­ners in Gel­sen­kir­chen-Buer. Das Per­sonal hat ihn nach wenigen Augen­bli­cken ins Herz geschlossen, er bestellt in flie­ßendem Ita­lie­nisch. In der Ecke läuft ein Fern­seher, die U21-Natio­nal­mann­schaft spielt im EM-Halb­fi­nale gegen Eng­land. Thilo Kehrer und Max Meyer stehen in der Startelf.

Was hat er eigent­lich mit Schalke vor? Dazu muss Tedesco ein biss­chen aus­holen. Er unter­teilt das Fuß­ball­spiel in vier Phasen: Eigener Ball­be­sitz, Umschalt­spiel, Ball­be­sitz des Geg­ners und wieder das Umschalt­spiel – ein Kreis­lauf. Wer die Umschalt­mo­mente einer Partie kon­trol­liert, beherrscht das Spiel“, sagt er. In der Theorie müsse Schalke immer darauf abzielen, den Gegner auf dem fal­schen Fuß zu erwi­schen. Kein Moment bietet dazu bes­sere Gele­gen­heit als dieser kurze Augen­blick zwi­schen Unord­nung und der Suche nach Ord­nung – das Umschalt­spiel. In der Praxis sucht Tedesco nach Spie­lern, mit denen er diese Tech­no­kratie umsetzen kann. Auf seinem neuen Dienst­handy mit schwarzer Hülle und Schalker Wappen zeigt er eine App, die ihm poten­ti­elle Ver­stär­kungen anzeigt. Tedesco liebt diese Mög­lich­keiten, er kann bis zur Regio­nal­liga aus­sichts­rei­ches Per­sonal auf­zählen. Direkt neben der App: ein Mana­ger­spiel, das er mit seinen alten Freunden zockt. Muss sein“, lacht er. Da ist er für einen kurzen Moment nicht der kon­trol­lierte Profi.

Stolz auf seine“ Jungs

Auf dem Fern­seher des Restau­rants schießt der ein­ge­wech­selte Felix Platte den Aus­gleich. Einer von meinen“, sagt Tedesco mit Stolz. Er erzählt von der Jah­res­haupt­ver­samm­lung und den erwar­tungs­freu­digen Fans, die ihm in den Pausen auf die Schulter geklopft hätten. Du packst das“, haben sie gesagt. Dann pack ich das auch“, sagt er. Und wenn er ver­spricht, dass er mit dem vor­han­denen Kader arbeiten will, meint er das ernst: Hier sind Jungs, die per­formen können.“ Der viel geschol­tene Franco Di Santo ist ihm auf­ge­fallen: Das ist eine Maschine. Wenn ich einen Stürmer scouten würde, dann suche ich nach Größe, Schnel­lig­keit, Tor­ge­fahr. Und das findet sich alles in Di Santo wieder.“ In der Hin­runde wird der Argen­ti­nier in 15 von 17 Bun­des­li­ga­spielen ein­ge­setzt werden.

In Tychy gewinnt die U21 gegen Eng­land, natür­lich im Elf­me­ter­schießen. Tedesco schaut immer wieder inter­es­siert hoch, nebenher macht er ein Erin­ne­rungs­foto mit dem Restau­rant­be­sitzer, später geht es zurück ins Hotel. Für die kom­menden Tage will er sich noch vor­be­reiten. Zum Ein­zel­ge­spräch traf er sich schon mit Yevhen Kono­ply­anka, der aus dem Urlaub gegen Vor­gänger Wein­zierl nach­ge­treten hatte. So was sagt man nicht, aber wir haben da super­schnell einen Kon­sens gefunden“, wie­gelt Tedesco auf dem Park­platz ab, man kann seinen Schutz­schild jetzt fast sehen. Dann braust er im fabrik­neuen Dienst­wagen davon.

Am Anfang

Tedesco lernt Schalke kennen und Schalke ihn. Die ersten Spiele ver­laufen holprig. In der ersten DFB-Pokal­runde fahren die Gel­sen­kir­chener nach Berlin zum Regio­nal­li­gisten BFC Dynamo und schei­tern bei­nahe. Die Drei­er­ab­wehr­kette, wie in Aue das Herz­stück des Tedesco-Sys­tems, funk­tio­niert noch nicht. Mehr­fach spielt der Viert­li­gist Dia­go­nal­bälle in den Rücken der auf­ge­rückten Außen­ver­tei­diger, nur mit Glück gewinnt Schalke durch zwei späte Tore. Nach dem Spiel steht Tedesco mit sor­gen­voller Miene vor der Kabine und stellt fest: Wir sind am Anfang.“