Seite 3: „Wir kriegen immer auf die Fresse!“

An seinem zweiten Tag in Aue wartet Louis Samson vor dem Raum des Chef­trai­ners. Samson ist ein groß­ge­wach­senes, zwei­kampf­starkes Talent aus Berlin, es ist seine zweite Saison im Erz­ge­birge. Er hat schon ver­standen, dass andere Typen im defen­siven Mit­tel­feld gefragt sind, also wird ihm der neue Trainer wohl nur Kurz­ein­sätze in Aus­sicht stellen. Doch dann zeigt ihm Tedesco Szenen aus dem Spiel und dem Trai­ning. Er sagt: Louis, deine Ball­be­hand­lung ist für die Posi­tion nicht optimal. Auf der Sechs sehen wir dich nicht. Aber wärst du gern unser Abwehr­chef?“

Samson wird zu einem Eck­pfeiler des Auer Spiels mit Drei­er­ab­wehr­kette. 3−4−3 ist Tedescos Grund­system. Die Spieler sagen, er habe ihnen gezeigt, wie ein­fach Fuß­ball ist. Tedesco sagt, er lege Wert auf Ord­nung. Ich muss wissen, in wel­cher Zone ich bin, ansonsten ver­liere ich den Zwei­kampf und spiele Foul“. Aus Foul­spielen resul­tieren Frei­stöße. 17 von 40 Gegen­toren hat sich Aue nach Stan­dards gefangen. Aber anstatt das Stan­dard­ver­halten zu ver­bes­sern, will Tedesco Fouls ver­meiden. Das ver­lo­rene Kopf­ball­duell ist nur das Sym­ptom. Die Ursache liegt woan­ders.“ Das Spiel gegen den KSC gewinnt Aue mit 1:0.

Stress im Kopf

Ein paar Wochen später müssen die Erz­ge­birger nach Köpe­nick zum 1. FC Union. In der Gäs­te­ka­bine der Alten Förs­terei schwört Tedesco seine Mann­schaft ein. Auf Sebas­tian Polter sollen sie achten, der schwimme (ein beliebter Aus­druck des neuen Trai­ners) zwi­schen den Linien von Mit­tel­feld und Abwehr. Union erzeugt Stress im Kopf. Wir brau­chen einen kühlen Kopf und ein warmes Herz“, sagt der Coach und ruft seinen Jungs zu: Keine Ping­pong-Situa­tionen! Kein ver­ti­kales Spiel! Auf geht’s!

Aue, ange­führt vom neuen Abwehr­chef Louis Samson, bleibt ruhig. Die Außen­ver­tei­diger haben ein Mittel gefunden, das sie vom Stress des Geg­ners befreit. Kein Ping­pong, klare Bälle. An der Sei­ten­linie stehen zwei Trainer. Der eine, Tedesco, diri­giert pau­senlos, klatscht im Stak­kato in die Hände, kor­ri­giert For­ma­tionen. Der andere, Jens Keller, hat die Hände in den Hosen­ta­schen ver­graben. Am Ende gewinnt der Abstiegs­kan­didat, der längst nicht mehr Letzter ist. Keller ver­zieht ent­täuscht das Gesicht. Da gibt es für Helge Leon­hardt kein Halten mehr. Ich bin zum Trainer hin, habe ihn umarmt und am Kopf gepackt. Wir haben uns in die Augen geguckt und wussten: Wir steigen nicht ab!“ Auch die Lokal­re­porter sind eupho­risch. Ein Jour­na­list läuft auf Tedesco zu und umarmt ihn. Wir buchen jetzt unseren Som­mer­ur­laub“, ruft ihm der Reporter zur Ver­ab­schie­dung hin­terher. Gemeint ist das Trai­nings­lager. In Aue herrscht plötz­lich Zuver­sicht. Auch beim Prä­si­denten. Er hat in Tedesco seinen Gold­jungen gefunden. Fast schon eine Vater-Sohn-Bezie­hung“, findet Leon­hardt.

Tief im Schlamm

Es ist Mai geworden, der vor­letzte Spieltag steht an und Tedesco will end­lich nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben. Dafür steht er schon mal mitten im Schlamm, denn das Auer Sta­dion wird gerade umge­baut. Aue spielt gegen den direkten Kon­kur­renten Kai­sers­lau­tern. Die Mann­schaften müssen über einen pro­vi­so­ri­schen Sandweg laufen. Überall Pfützen auf dem unebenen Gelände, am Rand haben Bau­ar­beiter ihre Maschinen abge­stellt. Tedescos Sneaker färben sich an den Rän­dern hell­braun vom Schlamm; der lila­far­bene Pull­over und das Hemd haben sich mit Regen­wasser voll­ge­sogen; die kurzen, dünnen, ansonsten säu­ber­lich zurecht­ge­machten Haare kleben anein­ander. Der Trainer ist bereit für den Kampf. Wenn du dich gut vor­be­reitet hast, hast du alles getan, was mög­lich ist“, sagt er.

Die Vor­be­rei­tung auf Kai­sers­lau­tern hängt in Tedescos kleiner Trai­ner­ka­bine im Ver­eins­heim. Ein DIN-A1-Papier, das er sorg­fältig beschriftet hat. Darauf notiert sind drei ver­schie­dene Wege, den Gegner an diesem Nach­mittag zu schlagen. Varia­tionen eines Spiel­sys­tems, die der Trainer als Num­mern am Sei­ten­rand anzeigt. 1, 2 oder 3. Seine Spieler müssen höl­lisch auf­passen, häufig hält der Coach nur den Daumen hoch, um ein stummes Lob aus­zu­spre­chen. Am Ende steht es 1:0 für Aue, aber anstatt mit den Anhän­gern den Klas­sen­er­halt zu feiern, muss das Erz­ge­birge warten. Denn zeit­gleich hat auch Arminia Bie­le­feld Ein­tracht Braun­schweig mit 6:0 aus dem Sta­dion geschossen.

Immer auf die Fresse!“

Das nagt an Tedesco. Aber er will es sich nicht anmerken lassen. Auf dem Weg durch die Kata­komben suchen viele Fans und Jour­na­listen das Gespräch mit ihm. Tedesco bleibt immer wieder stehen, unter­hält sich mit jedem Anhänger, jedem Reporter. Das gehört sich so“, sagt er im Gang des Ver­eins­heims, der mit Wasch­be­ton­platten gefliest ist. Dann bittet er in den nächsten Raum, die Tür schlägt zu und Tedesco darf end­lich schlechte Laune zeigen. Immer auf die Fresse. Wir kriegen immer auf die Fresse!“ Jetzt bricht es aus ihm heraus. Dome­nico Tedesco hadert. Seit er den Klub trai­niert, hat der ehe­mals Tabel­len­letzte sechs Siege aus zehn Spielen geholt. Trotzdem kann die Elf am letzten Spieltag noch absteigen. Fuß­ball ist manchmal unge­recht.