Hin­weis: Dieser Text erschien erst­mals im Mai 2018 in 11FREUNDE #198. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich. 

Toten­still ist es in der Kabine des FC Schalke 04, tief in den Kata­komben des West­fa­len­sta­dions. Mit großen Erwar­tungen sind die Gel­sen­kir­chener an diesem 25. November 2017 zum Derby gefahren und wurden dann von einer ent­fes­selt auf­spie­lenden Dort­munder Mann­schaft über­rollt. Schon nach 25 Minuten stand es 4:0 für den BVB, und die Schalker hätten sich über wei­tere Tore nicht beklagen dürfen.

Zwei Mög­lich­keiten

Nichts ist so gelaufen, wie Schalkes Coach Dome­nico Tedesco sich das vor­ge­stellt hat. Kon­zen­triert und besonnen sollte seine Truppe die ersten Dort­munder Angriffs­wellen abfangen, statt­dessen regierte Hektik. Der 18-jäh­rige Weston McKennie stieg nach nur drei Minuten derart über­mo­ti­viert in einen Zwei­kampf, dass er froh sein kann, nur ver­warnt worden zu sein. Hane­bü­chene Abwehr­fehler, ein berauschter Gegner, vier Tore Rück­stand – nach nor­malen fuß­bal­le­ri­schen Maß­stäben ist dieses Spiel bereits ver­loren. In so einer Situa­tion hat ein Trainer zwei Mög­lich­keiten“, sagt Leon Goretzka später. Ers­tens: Er tritt auf die Mann­schaft ein. Unser Trainer hat sich für die zweite ent­schieden.“ Dome­nico Tedesco geht in die Hocke und spricht auf Augen­höhe mit den Spie­lern, die mit gesenkten Köpfen auf den Bänken hocken. Es ist ein ein­fa­cher Deal, den er anzu­bieten hat: Ihr spielt, als wäre nichts gewesen. Und ich coache euch bis zum Schluss.

Jeder Fuß­ballfan weiß, wie Schalke in der zweiten Halb­zeit aus einem 0:4 noch ein 4:4 machte. Plötz­lich sind es die Dort­munder, die über den Platz irren und nicht wissen, wie ihnen geschieht. Und es sind die Schalker, die sich an sich selbst berau­schen. In der Nach­spiel­zeit köpft Naldo mit seinem Eisen­schädel den Aus­gleich, der Schalker Block tau­melt vor Begeis­te­rung und Dome­nico Tedesco rennt los. Fünfzig Meter über das Spiel­feld, in die Arme seiner Spieler, sein Blick so irre, als wüsste er nicht, wohin mit sich und all dem Wahn­sinn. Goretzka schlingt die Arme um den Hals seines Trai­ners, alle schreien vor Glück und Erleich­te­rung.

Brief­mar­ken­samm­lung

Man kann im Leben Brief­marken oder sons­tige Sachen sam­meln. Ich glaube, dass es das Wich­tigste ist, Momente zu sam­meln“, sagt Tedesco direkt nach dem Spiel. In der Kabine fällt ihm Prä­si­dent Cle­mens Tön­nies glück­selig in die Arme. Und Chris­tian Heidel, der Sport­vor­stand, schwärmt: Er ist emo­tional ohne Ende und passt als Typ über­ra­gend in diese Region und zu Schalke“. Spät am Abend, nach all den Fei­er­lich­keiten, setzt sich Tedesco in seinem Büro in der Schalker Geschäfts­stelle auf einen Stuhl. Er kann eh nicht schlafen, also sichtet er das Video­ma­te­rial des Spiels.

Neun Monate zuvor, im März 2017, sitzt Dome­nico Tedesco auf der Haupt­tri­büne der Bie­le­felder Alm. In der Fuß­ball­szene ist der Trainer der A‑Jugend der TSG Hof­fen­heim bis dahin nur Spe­zia­listen ein Begriff. Zuvor hat er beim VfB Stutt­gart die ganz jungen Spieler trai­niert. Dass er nun den Lehr­gang zum DFB-Fuß­ball­lehrer als Jahr­gangs­bester mit der Note 1,0 abge­schlossen hat, war den Zei­tungen allen­falls eine Rand­notiz wert. Nie­mand ahnt, dass der junge Mann auf dem blauen Scha­len­sitz schon bald einen der größten deut­schen Klubs trai­nieren wird.

Intakte Truppe

Tedesco ist ins Ost­west­fä­li­sche gefahren, um die Mann­schaft zu beob­achten, die er dem­nächst betreuen will. Der Zweit­li­gist Erz­ge­birge Aue ist akut abstiegs­ge­fährdet und sucht hän­de­rin­gend einen Trainer, der dem Team eine wett­be­werbs­fä­hige Struktur gibt. Auf der Alm holt Aue immerhin einen Punkt. Die Truppe ist intakt“, sagt Tedesco opti­mis­tisch, weil sie einen 0:2‑Rückstand auf­ge­holt hat. Morgen wird er sich bei der Ver­eins­füh­rung vor­stellen und über den Fuß­ball spre­chen, den er spielen lassen will. Er wird ein­zelne Szenen vom Wochen­ende her­aus­greifen, Pro­bleme skiz­zieren, Lösungen prä­sen­tieren.

Was will er in Aue? Bei mir war es so ein Bauch­ge­fühl“, sagt Tedesco. Aues Prä­si­dent Helge Leon­hardt schmun­zelt heute, wenn er das hört. Bei ihm hat das gleiche Organ das Urteil gefällt. Dome­nico hat bei mir um den Posten gekämpft. Wir haben nie über Geld gespro­chen. Der wollte unbe­dingt in die bru­tale Män­ner­welt ein­treten“, sagt er. Leon­hardt war zunächst skep­tisch. Hat der junge Mann die Nerven für den Abstiegs­kampf? Aber er hat mich über­zeugt. Der wusste ganz genau, wo unsere Pro­bleme lagen. Da habe ich ihn zu meinem Offi­zier gemacht.“

Nach Aue zu gehen, ist für Tedesco nicht ohne Risiko. Denn junge Trainer im Pro­fi­fuß­ball werden gna­denlos taxiert. Haben sie bei der ersten Sta­tion keinen Erfolg, bekommen sie oft kein zweites Angebot. Gesagt hat das Stefan Effen­berg, als er noch wie Tedesco in der Sport­schule Hennef seinen Trai­ner­schein machte. Der erste Schuss muss sitzen, sagte er, und lie­ferte den Beweis gleich mit. Nach einem erfolg­losen Enga­ge­ment beim SC Pader­born wartet Effen­berg seit 2016 auf seine zweite Chance.

Nur drei Tage

Als neuem Trainer bleiben Tedesco vor dem Liga­spiel gegen den Karls­ruher SC nur drei Tage, um seine Mann­schaft ken­nen­zu­lernen und ihr die wich­tigsten Leit­sätze mit auf den Weg zu geben. Er spricht frei vor der Mann­schaft, seine Sätze sind knapp und prä­zise. Er weist jeder Posi­tion ein Kom­pe­tenz­profil zu. Inhalte müssen kurz­fristig umge­setzt werden. Ich will mit jedem Spieler ein Gespräch über min­des­tens 15 Minuten führen“, hat sich Tedesco in der ersten Woche vor­ge­nommen, und er will dabei nicht nur reden. Als Inge­nieur hat er früher für einen Dienst­leister von Mer­cedes Benz gear­beitet. Seine Abtei­lung beschäf­tigte sich mit dem Fahr­kom­fort. Vibra­tionen und Geräu­sche im Auto in Team­ar­beit zu ver­rin­gern, ohne das Gewicht oder den Ver­brauch des Fahr­zeugs erheb­lich zu ver­än­dern. In diesem Job hat Dome­nico Tedesco gelernt, genau hin­zu­hören.

An seinem zweiten Tag in Aue wartet Louis Samson vor dem Raum des Chef­trai­ners. Samson ist ein groß­ge­wach­senes, zwei­kampf­starkes Talent aus Berlin, es ist seine zweite Saison im Erz­ge­birge. Er hat schon ver­standen, dass andere Typen im defen­siven Mit­tel­feld gefragt sind, also wird ihm der neue Trainer wohl nur Kurz­ein­sätze in Aus­sicht stellen. Doch dann zeigt ihm Tedesco Szenen aus dem Spiel und dem Trai­ning. Er sagt: Louis, deine Ball­be­hand­lung ist für die Posi­tion nicht optimal. Auf der Sechs sehen wir dich nicht. Aber wärst du gern unser Abwehr­chef?“

Samson wird zu einem Eck­pfeiler des Auer Spiels mit Drei­er­ab­wehr­kette. 3−4−3 ist Tedescos Grund­system. Die Spieler sagen, er habe ihnen gezeigt, wie ein­fach Fuß­ball ist. Tedesco sagt, er lege Wert auf Ord­nung. Ich muss wissen, in wel­cher Zone ich bin, ansonsten ver­liere ich den Zwei­kampf und spiele Foul“. Aus Foul­spielen resul­tieren Frei­stöße. 17 von 40 Gegen­toren hat sich Aue nach Stan­dards gefangen. Aber anstatt das Stan­dard­ver­halten zu ver­bes­sern, will Tedesco Fouls ver­meiden. Das ver­lo­rene Kopf­ball­duell ist nur das Sym­ptom. Die Ursache liegt woan­ders.“ Das Spiel gegen den KSC gewinnt Aue mit 1:0.

Stress im Kopf

Ein paar Wochen später müssen die Erz­ge­birger nach Köpe­nick zum 1. FC Union. In der Gäs­te­ka­bine der Alten Förs­terei schwört Tedesco seine Mann­schaft ein. Auf Sebas­tian Polter sollen sie achten, der schwimme (ein beliebter Aus­druck des neuen Trai­ners) zwi­schen den Linien von Mit­tel­feld und Abwehr. Union erzeugt Stress im Kopf. Wir brau­chen einen kühlen Kopf und ein warmes Herz“, sagt der Coach und ruft seinen Jungs zu: Keine Ping­pong-Situa­tionen! Kein ver­ti­kales Spiel! Auf geht’s!

Aue, ange­führt vom neuen Abwehr­chef Louis Samson, bleibt ruhig. Die Außen­ver­tei­diger haben ein Mittel gefunden, das sie vom Stress des Geg­ners befreit. Kein Ping­pong, klare Bälle. An der Sei­ten­linie stehen zwei Trainer. Der eine, Tedesco, diri­giert pau­senlos, klatscht im Stak­kato in die Hände, kor­ri­giert For­ma­tionen. Der andere, Jens Keller, hat die Hände in den Hosen­ta­schen ver­graben. Am Ende gewinnt der Abstiegs­kan­didat, der längst nicht mehr Letzter ist. Keller ver­zieht ent­täuscht das Gesicht. Da gibt es für Helge Leon­hardt kein Halten mehr. Ich bin zum Trainer hin, habe ihn umarmt und am Kopf gepackt. Wir haben uns in die Augen geguckt und wussten: Wir steigen nicht ab!“ Auch die Lokal­re­porter sind eupho­risch. Ein Jour­na­list läuft auf Tedesco zu und umarmt ihn. Wir buchen jetzt unseren Som­mer­ur­laub“, ruft ihm der Reporter zur Ver­ab­schie­dung hin­terher. Gemeint ist das Trai­nings­lager. In Aue herrscht plötz­lich Zuver­sicht. Auch beim Prä­si­denten. Er hat in Tedesco seinen Gold­jungen gefunden. Fast schon eine Vater-Sohn-Bezie­hung“, findet Leon­hardt.

Tief im Schlamm

Es ist Mai geworden, der vor­letzte Spieltag steht an und Tedesco will end­lich nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben. Dafür steht er schon mal mitten im Schlamm, denn das Auer Sta­dion wird gerade umge­baut. Aue spielt gegen den direkten Kon­kur­renten Kai­sers­lau­tern. Die Mann­schaften müssen über einen pro­vi­so­ri­schen Sandweg laufen. Überall Pfützen auf dem unebenen Gelände, am Rand haben Bau­ar­beiter ihre Maschinen abge­stellt. Tedescos Sneaker färben sich an den Rän­dern hell­braun vom Schlamm; der lila­far­bene Pull­over und das Hemd haben sich mit Regen­wasser voll­ge­sogen; die kurzen, dünnen, ansonsten säu­ber­lich zurecht­ge­machten Haare kleben anein­ander. Der Trainer ist bereit für den Kampf. Wenn du dich gut vor­be­reitet hast, hast du alles getan, was mög­lich ist“, sagt er.

Die Vor­be­rei­tung auf Kai­sers­lau­tern hängt in Tedescos kleiner Trai­ner­ka­bine im Ver­eins­heim. Ein DIN-A1-Papier, das er sorg­fältig beschriftet hat. Darauf notiert sind drei ver­schie­dene Wege, den Gegner an diesem Nach­mittag zu schlagen. Varia­tionen eines Spiel­sys­tems, die der Trainer als Num­mern am Sei­ten­rand anzeigt. 1, 2 oder 3. Seine Spieler müssen höl­lisch auf­passen, häufig hält der Coach nur den Daumen hoch, um ein stummes Lob aus­zu­spre­chen. Am Ende steht es 1:0 für Aue, aber anstatt mit den Anhän­gern den Klas­sen­er­halt zu feiern, muss das Erz­ge­birge warten. Denn zeit­gleich hat auch Arminia Bie­le­feld Ein­tracht Braun­schweig mit 6:0 aus dem Sta­dion geschossen.

Immer auf die Fresse!“

Das nagt an Tedesco. Aber er will es sich nicht anmerken lassen. Auf dem Weg durch die Kata­komben suchen viele Fans und Jour­na­listen das Gespräch mit ihm. Tedesco bleibt immer wieder stehen, unter­hält sich mit jedem Anhänger, jedem Reporter. Das gehört sich so“, sagt er im Gang des Ver­eins­heims, der mit Wasch­be­ton­platten gefliest ist. Dann bittet er in den nächsten Raum, die Tür schlägt zu und Tedesco darf end­lich schlechte Laune zeigen. Immer auf die Fresse. Wir kriegen immer auf die Fresse!“ Jetzt bricht es aus ihm heraus. Dome­nico Tedesco hadert. Seit er den Klub trai­niert, hat der ehe­mals Tabel­len­letzte sechs Siege aus zehn Spielen geholt. Trotzdem kann die Elf am letzten Spieltag noch absteigen. Fuß­ball ist manchmal unge­recht.

In der Som­mer­pause geht alles plötz­lich sehr schnell. Der Fuß­ball ist manchmal auch gerecht, und so ist Aue in der Liga geblieben, obwohl das letzte Spiel ver­lo­ren­ging. Und Dome­nico Tedesco ist nicht mehr Trainer im Erz­ge­birge, son­dern wird als neuer Coach des FC Schalke 04 vor­ge­stellt. Ja, zunächst einmal: Glück auf!“ So stellt er sich in Gel­sen­kir­chen der Presse vor, der­weil sich vor ihm ein Wald aus Mikro­fonen türmt und unzäh­lige Objek­tive kli­cken, neben ihm sitzt Schalkes Manager Chris­tian Heidel und freut sich.

Wende zum Bes­seren

Die Ver­pflich­tung des Trai­ner­ta­lents soll auch für ihn die Wende zum Bes­seren bedeuten. Der Manager von Schalke 04 hat keine ein­fache Saison hinter sich. Der Klub wollte in die Cham­pions League, hat die Saison aber auf Rang elf abge­schlossen. Also hat sich Heidel beim letzten Spiel der Auer in Düs­sel­dorf auf die Tri­büne gesetzt und Tedesco beob­achtet. Ihm fällt auf, wie eng das Ver­hältnis zwi­schen Tedesco und seiner Mann­schaft ist, wie er vor dem Spiel zu den Spie­lern geht und ihnen Klei­nig­keiten erklärt.

Der ist ja wie Tuchel, denkt Chris­tian Heidel und lädt Tedesco zu sich in die Mainzer Woh­nung ein. Auf dem Sofa im Wohn­zimmer haben viele Anwärter gesessen und dem sen­dungs­be­wussten Heidel viel zu oft recht gegeben. Wenn ich gesagt habe, dass der Ball eckig ist, haben mich darin viele unter­stützt, weil sie den Job haben wollten. Dome­nico hat darauf bestanden, dass der Ball immer noch rund ist“, erin­nert sich Heidel. Stun­den­lang reden sie an diesem Nach­mittag über Fuß­ball im All­ge­meinen, Schalke im Spe­zi­ellen. Tedesco hat in den letzten Wochen eine Schalker Mann­schaft beob­achtet, die Extra­va­ganz ver­missen lässt und durch oft uner­klär­liche Aktionen ihre Spiele ver­loren hat.

Heidel braucht Rück­halt

Heidel will Tedesco als neuen Coach. Aber was löst ein 32-jäh­riger Trainer aus Aue bei Schalke 04 und seinen Fans aus? Kann er mit den Erwar­tungen, dem Druck und den oft über­schäu­menden Reak­tionen umgehen? Seit Huub Ste­vens im Jahr 2002 demis­sio­nierte, hat der FC Schalke 18 Trainer ein­ge­stellt und oft rasch wieder raus­ge­worfen, zuletzt Jens Keller, Roberto di Matteo, André Brei­ten­reiter und Markus Wein­zierl. Heidel braucht des­halb schon vor der Ver­kün­dung Rück­halt im Verein.

In Berlin treffen sie Geschäfts­führer Peter Peters und Vor­stands­mit­glied Alex­ander Jobst. Anschlie­ßend stellt Heidel in der Fleisch­fa­brik von Cle­mens Tön­nies in Rheda-Wie­den­brück Tedesco vor. Der Prä­si­dent ist begeis­tert. Noch am glei­chen Tag orga­ni­siert er eine Tele­fon­kon­fe­renz mit dem Auf­sichtsrat – das Urteil ist ein­stimmig.

Jetzt steht Dome­nico Tedesco zum ersten Mal auf der großen Bühne. Alle Schein­werfer zeigen auf ihn, er muss sich ein Lächeln ver­kneifen. Glück auf“, hatte er auch schon in Aue gesagt, wenn die Pres­se­kon­fe­renzen begannen. Ich habe mit­be­kommen, wie sich die Leute in Aue begrüßen, als ich durch die Gänge lief. Da habe ich es auf­ge­griffen“, erklärt der Trainer. Tedesco kann durch eine unge­wohnte Situa­tion gleiten, als hätte er sie im Vor­feld schon tau­send­fach durch­ex­er­ziert. Das beruht auf schneller Auf­fas­sungs­gabe, läuft aber bis­weilen Gefahr, beflissen zu wirken. Auch auf Schalke: Glück auf!“ Iden­ti­fi­ziert sich ein Mensch, dessen Eltern aus Ita­lien stammen, der in Aich­wald bei Stutt­gart auf­ge­wachsen ist und in Sins­heim gear­beitet hat, inner­halb weniger Wochen mit einer Region? Oder ist das nur die Fas­sade eines gelernten Inge­nieurs, die den Zweck erfüllen soll, Neben­ge­räu­sche zu mini­mieren?

Von der Natio­nalelf bis zur Regio­nal­liga

Schalke kann auf jeden Fall sehr anstren­gend sein. In seinen ersten Wochen in Gel­sen­kir­chen kehrt Tedesco in die Beob­ach­ter­rolle zurück. Wenige Tage vor dem Trai­nings­start sieht er müde aus, die Augen sind etwas ange­schwollen, auch das fri­sche hell­blaue Hemd ändert nichts am Ein­druck. Er, der so viel Wert auf eine akkurat vor­be­rei­tete Video­ana­lyse legt, hat sich Tera­bytes an Daten der ver­gan­genen Saison in sein Hotel­zimmer bringen lassen und arbeitet nachts durch. In den Videos liegt immer nur eine halbe Wahr­heit. Die andere Seite ist: Wie tickt eigent­lich der Junge? Was sind seine Stärken? Wann hat er Angst?“, sagt Tedesco. Er sitzt am Tisch eines Ede­l­ita­lie­ners in Gel­sen­kir­chen-Buer. Das Per­sonal hat ihn nach wenigen Augen­bli­cken ins Herz geschlossen, er bestellt in flie­ßendem Ita­lie­nisch. In der Ecke läuft ein Fern­seher, die U21-Natio­nal­mann­schaft spielt im EM-Halb­fi­nale gegen Eng­land. Thilo Kehrer und Max Meyer stehen in der Startelf.

Was hat er eigent­lich mit Schalke vor? Dazu muss Tedesco ein biss­chen aus­holen. Er unter­teilt das Fuß­ball­spiel in vier Phasen: Eigener Ball­be­sitz, Umschalt­spiel, Ball­be­sitz des Geg­ners und wieder das Umschalt­spiel – ein Kreis­lauf. Wer die Umschalt­mo­mente einer Partie kon­trol­liert, beherrscht das Spiel“, sagt er. In der Theorie müsse Schalke immer darauf abzielen, den Gegner auf dem fal­schen Fuß zu erwi­schen. Kein Moment bietet dazu bes­sere Gele­gen­heit als dieser kurze Augen­blick zwi­schen Unord­nung und der Suche nach Ord­nung – das Umschalt­spiel. In der Praxis sucht Tedesco nach Spie­lern, mit denen er diese Tech­no­kratie umsetzen kann. Auf seinem neuen Dienst­handy mit schwarzer Hülle und Schalker Wappen zeigt er eine App, die ihm poten­ti­elle Ver­stär­kungen anzeigt. Tedesco liebt diese Mög­lich­keiten, er kann bis zur Regio­nal­liga aus­sichts­rei­ches Per­sonal auf­zählen. Direkt neben der App: ein Mana­ger­spiel, das er mit seinen alten Freunden zockt. Muss sein“, lacht er. Da ist er für einen kurzen Moment nicht der kon­trol­lierte Profi.

Stolz auf seine“ Jungs

Auf dem Fern­seher des Restau­rants schießt der ein­ge­wech­selte Felix Platte den Aus­gleich. Einer von meinen“, sagt Tedesco mit Stolz. Er erzählt von der Jah­res­haupt­ver­samm­lung und den erwar­tungs­freu­digen Fans, die ihm in den Pausen auf die Schulter geklopft hätten. Du packst das“, haben sie gesagt. Dann pack ich das auch“, sagt er. Und wenn er ver­spricht, dass er mit dem vor­han­denen Kader arbeiten will, meint er das ernst: Hier sind Jungs, die per­formen können.“ Der viel geschol­tene Franco Di Santo ist ihm auf­ge­fallen: Das ist eine Maschine. Wenn ich einen Stürmer scouten würde, dann suche ich nach Größe, Schnel­lig­keit, Tor­ge­fahr. Und das findet sich alles in Di Santo wieder.“ In der Hin­runde wird der Argen­ti­nier in 15 von 17 Bun­des­li­ga­spielen ein­ge­setzt werden.

In Tychy gewinnt die U21 gegen Eng­land, natür­lich im Elf­me­ter­schießen. Tedesco schaut immer wieder inter­es­siert hoch, nebenher macht er ein Erin­ne­rungs­foto mit dem Restau­rant­be­sitzer, später geht es zurück ins Hotel. Für die kom­menden Tage will er sich noch vor­be­reiten. Zum Ein­zel­ge­spräch traf er sich schon mit Yevhen Kono­ply­anka, der aus dem Urlaub gegen Vor­gänger Wein­zierl nach­ge­treten hatte. So was sagt man nicht, aber wir haben da super­schnell einen Kon­sens gefunden“, wie­gelt Tedesco auf dem Park­platz ab, man kann seinen Schutz­schild jetzt fast sehen. Dann braust er im fabrik­neuen Dienst­wagen davon.

Am Anfang

Tedesco lernt Schalke kennen und Schalke ihn. Die ersten Spiele ver­laufen holprig. In der ersten DFB-Pokal­runde fahren die Gel­sen­kir­chener nach Berlin zum Regio­nal­li­gisten BFC Dynamo und schei­tern bei­nahe. Die Drei­er­ab­wehr­kette, wie in Aue das Herz­stück des Tedesco-Sys­tems, funk­tio­niert noch nicht. Mehr­fach spielt der Viert­li­gist Dia­go­nal­bälle in den Rücken der auf­ge­rückten Außen­ver­tei­diger, nur mit Glück gewinnt Schalke durch zwei späte Tore. Nach dem Spiel steht Tedesco mit sor­gen­voller Miene vor der Kabine und stellt fest: Wir sind am Anfang.“

Es ver­geht aber nur wenig Zeit, dann kann der Trainer schon tri­viale Cha­rak­ter­ei­gen­schaften seiner Spieler vor­tragen. Max Meyer, zählt er auf, duscht schnell, isst in Ruhe, ernährt sich sehr gesund. Der feine Humor von Franco Di Santo ist ihm nicht ent­gangen. Für den Trainer ist so etwas keine Spie­lerei, er zieht daraus Rück­schlüsse auf die Ansprache, mit der er jedem Ein­zelnen begegnen kann. Einen Natio­nal­spieler wird er im Laufe der Saison zum Kaffee ins Büro bitten, bevor er ihm erklärt, dass er in den kom­menden Wochen nicht im Kader stehen wird. Amine Harit brüll ich ein­fach auf dem Platz an, dass ich mehr erwarte. Dann rennt der schon los“, sagt Tedesco.

Men­schen­kenntnis und Didaktik sind ganz wichtig für Tedesco. Sein System soll den Akteuren dienen, nicht umge­kehrt. Und er will des­halb loben, auch wenn er kri­ti­siert. Die Mann­schaft spielt nicht zu oft Foul, sie ist zu hungrig nach Bällen“. Lösungen erar­beitet das gesamte Team. Wenn die Spieler betei­ligt sind, glauben sie an den Plan“, sagt er. In Aue waren die Außen­ver­tei­diger von einem Posi­ti­ons­tausch nicht über­zeugt. Gut“, meinte Tedesco, dann machen wir es eben anders.“

Bene­dikt Höwedes – zwei Sicht­weisen

Aber da ist die Sache mit Bene­dikt Höwedes. Zu wenig ken­nen­ge­lernt“, sagt Tedesco, was aber den Kon­flikt mit dem Natio­nal­spieler nur unge­nü­gend beschreibt. Früh­zeitig hat er dem Abwehr­chef die Kapi­täns­binde weg­ge­nommen, ihn aber immer wieder auf­ge­for­dert, dran­zu­bleiben. Seine Chance werde kommen, bitte etwas Geduld. Was ein Trainer eben so sagt, wenn er einen Reser­visten moti­vieren will. Höwedes ver­si­chert ihm im Gegenzug, dass er nicht wech­seln wolle.

Und doch hat sich schnell einer jener Kon­flikte ent­wi­ckelt, die typisch sind für Über­gangs­zeiten. Alte und neue Macht­struk­turen prallen auf­ein­ander wie Kon­ti­nen­tal­platten, es ent­stehen Risse und Ver­wer­fungen. Tedesco demons­triert seine Ent­schluss­kraft und seinen Macht­willen, not­falls auch gegen die Medien und die öffent­liche Mei­nung. Höwedes spürt das. Vor dem ersten Sai­son­spiel gegen Leipzig nimmt ihn der Trainer vor den Augen aller Zuschauer demons­trativ in den Arm. Doch der Schul­ter­schluss gerät arg sym­bo­lisch, und der Natio­nal­spieler schaut ihm nicht in die Augen, son­dern hoch zu den Fans in der Nord­kurve. Gegen Leipzig und Han­nover sitzt Höwedes über die volle Spiel­zeit auf der Bank.

Tedesco ent­gleitet kurz­zeitig der Kon­flikt. Auf einer Pres­se­kon­fe­renz pras­seln die Fragen auf den Trainer ein. Sport­jour­na­listen wissen, wie sie Trainer quälen können. Ob es für den Fall, dass Höwedes sich mit Juventus einig werde, ein Veto vom Trainer geben würde, wird er gefragt. Ihm ent­fährt die flap­sige Ant­wort: Grund­sätz­lich sollte man Rei­sende nicht auf­halten.“ Ist dem Coach etwa egal, ob die lang­jäh­rige Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur den Klub ver­lässt? Ein Steil­vor­lage für die Medien – und für den Spieler. Rei­sende kann man auf­halten, wenn man will“, schreibt Höwedes in einem Brief an die Fans vor seinem Wechsel nach Ita­lien. Und: Ich gehe als Spieler, ich bleibe als Fan.“ Dann ist er weg, und Tedesco wirkt plötz­lich wie einer, der Schalke nicht ver­standen hat. Ich war der Buh­mann“, sagt er wenige Wochen nach dem Wechsel. Der unter­drückte Zorn ist ihm anzu­merken. Wäh­rend­dessen sitzt Helge Leon­hardt in Aue und leidet mit. Als der Streit mit Höwedes aufkam, saß ich mit krib­belndem Bauch zu Hause und habe gesagt: Du musst jetzt durch­halten, Dome.“

Der Zorn der Anhänger erreicht Tedesco rasch. Aus den schul­ter­klop­fenden Fans werden schrei­bende Kri­tiker. In einem Brief, den er im Büro am Trai­nings­zen­trum öffnet, weist ihn ein Anhänger zurecht: So ein arro­gantes Ver­halten gehöre nicht zu Schalke. Tedesco liest die Briefe, Nach­richten, Schlag­zeilen – alles. Er will ja zuhören. Aber er muss sich auch schützen vor zu viel Druck und nega­tiver Energie. Und so trifft er eine Ent­schei­dung. Seit diesem Tag liest er keine Nach­richten mehr über sich und Schalke 04.

Match­plan

Zumal es viel zu tun gibt. Es geht wieder nach Berlin, diesmal zur Hertha. Ein Sieg wäre hilf­reich, Schalke ist Tabel­len­neunter – drei Siege, drei Nie­der­lagen, ein Unent­schieden. Tedesco ist vor dem Spiel trotzdem zufrieden, er hat seine Defen­sive erheb­lich gestärkt. Auch in Gesprä­chen. Wie sieht er mit einigem Abstand den Kon­flikt mit Höwedes? Die Geschichte ist wirk­lich aus­er­zählt.“ Nur mit einem Thema fängt man ihn immer ein: Fuß­ball. Wenn er die Nie­der­lage eine Woche zuvor in Han­nover ana­ly­siert, dann stellt er sich im Hotel­flur zwi­schen zent­ner­schwere Blu­men­kübel, um die undurch­dring­liche Mann­de­ckung zu ver­deut­li­chen. Er misst die Abstände zwi­schen den Ter­ra­kott­a­pötten ab: keine Lücke. Aber jetzt will er es wissen. Die Schwach­stellen im Ber­liner Spiel sind gefunden: Wir warten, bis ihre Außen­ver­tei­diger raus­rü­cken, dann greifen wir an.“

Doch die Ver­tei­diger tun Tedesco den Gefallen nicht, stur halten sie ihre Posi­tionen. Max Meyer spielt auf der Sechs. Schon in Aue beor­derte der Trainer den drib­bel­starken Mario Kvesic von der Außen­bahn ins defen­sive Zen­trum, um Ball­si­cher­heit zu bekommen. Am Ende gewinnt Schalke mit 2:0. Ein Elf­meter, eine Unauf­merk­sam­keit des Geg­ners, Fuß­ball kann bis­weilen so ein­fach sein. Das beste Spiel unserer Saison“, findet Tedesco noch Monate später. Weil seine Mann­schaft die Ruhe bewahrt und heikle Situa­tionen spie­le­risch gelöst hat. Es ist der Auf­takt zu einer Serie. Schalke bleibt bis zum Jah­res­ende in zwölf Pflicht­spielen unge­schlagen, über­win­tert auf dem zweiten Platz und im DFB-Pokal.

Am Leis­tungs­limit

Für das Win­ter­trai­nings­lager reist das Team nach Ben­i­dorm, Spa­nien. Dort schaut auch Helge Leon­hardt vorbei, der Prä­si­dent aus Aue. Er will mit Heidel klären, dass Schalke tat­säch­lich zur Sta­di­on­ein­wei­hung kommt. Gleich­zeitig bereiten sich die Olym­pio­niken auf die Win­ter­spiele in Pye­ong­chang vor. Die New York Times“ titelt, die Welt werde in Süd­korea das Ende der Leis­tungs­stei­ge­rungen erleben. Denn ath­le­ti­sche Sport­arten ent­wi­ckeln sich seit der Jahr­tau­send­wende nicht mehr weiter. Welt­re­korde von Eis­schnell­läu­fern, Sprin­tern oder Weit­sprin­gern sta­gnieren. Gelangt auch der Fuß­ball langsam an seine Leis­tungs­grenzen? Noch nicht, aber bis zur nächsten Welt­meis­ter­schaft könnte es schon so weit sein“, sagt Tedesco. Im Bereich der Trai­nings­op­ti­mie­rung ließe sich noch an Schrauben drehen. Aber bald werden sich die kör­per­li­chen Fähig­keiten aller Bun­des­li­ga­spieler ange­gli­chen haben. Dann machen andere Fak­toren den Unter­schied aus. Die Taktik wird immer ent­schei­dender. Aber auch Ein­satz und Wille“, sagt Tedesco. Schon jetzt ist in der Bun­des­liga ein ath­le­ti­scher Vor­teil schwer aus­zu­ma­chen.

Eines eint ohnehin fast alle Bun­des­li­gisten: Den Ball will kaum noch jemand haben. Auch Schalke hat in der Hin­runde auf die Umschalt­mo­mente gesetzt. Darauf, den Gegner im Augen­blick des Ball­ver­lustes in Unord­nung zu bringen. Zur Rück­runde soll sich das ändern, in Spa­nien legt das Trai­ner­team daher den Fokus auf Ball­be­sitz. Es endet mit einer Ernüch­te­rung: Aus den ersten vier Spielen nach der Win­ter­pause holt Schalke nur vier Punkte. Eine kleine Krise, doch nicht zu ver­glei­chen mit den Unge­wiss­heiten zu Sai­son­be­ginn.

Nach den Spielen schneidet Tedesco nun nicht mehr hek­tisch die Auf­zeich­nungen zusammen, um ein wenig mehr Zeit daheim zu ver­bringen. Auch wenn er mor­gens noch immer einer der ersten auf dem Ver­eins­ge­lände ist, kann er inzwi­schen auch bei der Familie Ruhe finden. Sie ist, wenn man das nach einem halben Jahr sagen kann, im Kreis Reck­ling­hausen hei­misch geworden. Sein liebster Raum im neuen Haus ist das Gäs­te­zimmer, das die Familie für die Tochter zum Spielen frei­ge­geben hat. Dort sitzt Dome­nico Tedesco, wäh­rend die Ein­jäh­rige um seine Füße herum freudig ihre ersten Schritte macht. Er schaut durch das Fenster in den Garten. Laufen lernen, das war auch das Ziel, das Schalke 04 zur Rück­serie hatte. Nicht immer nur auf den Gegner ein­stellen, son­dern selbst die Rich­tung vor­geben.

Öko­no­mi­scher Fuß­ball

Die Idee dahinter ist ein­fach und bestechend zugleich. Der Gegner kann durch geschickte Pass­folgen in die fal­sche Rich­tung gelockt und blitz­schnell aus­ge­he­belt werden, ein wich­tiger Glau­bens­satz der würt­tem­ber­gi­schen Fuß­ball­schule. Tedesco, der wie am Reiß­brett ent­worfen durch dieses System klet­terte, ist die Theorie geläufig. Öko­no­mi­scher Fuß­ball, den Gegner laufen lassen, im rich­tigen Moment zuste­chen – das klingt schön. Aber es funk­tio­niert nicht. Vor dem Spiel gegen Bayern ent­schließt er sich zu einem radi­kalen Schnitt: Das Team soll sich wieder am Gegner ori­en­tieren. Zur alten, neuen Taktik kommen Per­so­nal­ro­chaden. Breel Embolo, über die gesamte Saison nur Ergän­zungs­spieler, steht in der Startelf. Sein Coach ver­traut der Trai­nings­woche. Schalke ver­liert in Mün­chen 1:2, für Tedesco aber keine Kata­strophe. Das hat mich trotzdem darin bestä­tigt, dass wir wieder auf dem rich­tigen Weg sind“, sagt er.

Der rich­tige Weg. Das sind in den nächsten Wochen Spiele, in denen der FC Schalke wenig spek­ta­ku­lären Fuß­ball spielt und trotzdem meis­tens gewinnt. Beim abstiegs­ge­fähr­deten FSV Mainz 05 ist aus dem schönen Spiel mal wieder eine Schlacht um Umschalt­mo­mente geworden. Wir mussten das so annehmen. Mainz ist kör­per­lich so stark, die hätten uns sonst auf­ge­fressen“, sagt der Trainer. Schalke gewinnt mit 1:0.

Was der Neu­gier gewi­chen ist

Tedesco ist nach einem Drei­vier­tel­jahr auf Schalke auch abseits des Platzes vor­sich­tiger geworden. Er hat seine Erfah­rungen gemacht. Jeder Coach muss sich die Frage stellen, wie viel Pri­vates er preis­geben will. Manche Trainer sind da sehr rigoros, etwa Jens Keller, der wäh­rend seiner Ber­liner Zeit beim emo­ti­ons­ge­sät­tigten 1. FC Union stets betonte, nur einen Job zu machen. Und auch Tedesco ist ver­schlos­sener geworden. Beim Gespräch bleibt zum ersten Mal ein Ange­stellter der Pres­se­ab­tei­lung neben ihm sitzen, schneidet die Unter­hal­tung mit. Das ist üblich in der Bun­des­liga, aber trotzdem neu. Die Neu­gier ist etwas der pro­fes­sio­nellen Rou­tine gewi­chen. Wahr­schein­lich muss das so sein.

Im Februar 2018 wird langsam absehbar, dass Schalke den Sprung in die Cham­pions League schaffen kann. Was nichts daran ändert, dass Königs­blau auf inter­na­tio­nalem Par­kett nicht satis­fak­ti­ons­fähig ist. Julian Draxler, Leroy Sané, Leon Goretzka – wer Titel holen und in der euro­päi­schen Spitze spielen will, muss den Klub ver­lassen. Kann sich das ändern? Ich kann dem Trainer nicht jedes Jahr drei neue Stars auf den Platz stellen“, ent­schul­digt sich Manager Heidel im Atrium der Schalker Arena. Fragen Sie Leon!“, for­dert er. Der liebt den Trainer. Es gibt andere Gründe, warum er sich für Bayern ent­schieden hat.“

Geho­bener Aus­bil­dungs­verein

Und es ist eben nicht nur Goretzka. Schalke ist der­zeit ein geho­bener Aus­bil­dungs­verein, auch der junge Max Meyer, der unter dem neuen Trainer seine Rolle auf den Leib geschnitten bekam, lässt im Früh­jahr eine Frist zur Ver­trags­ver­län­ge­rung kom­men­tarlos ver­strei­chen und sein Berater ätzt in Rich­tung Heidel: Zwei E‑Mails rei­chen nicht, um einen Schalker Jungen vom Ver­bleib zu über­zeugen.“ Es wird also im Sommer von vorne los­gehen. Neue Talente in die Bun­des­liga bringen, die nächsten Drax­lers, Meyers, Goretzkas. Tedesco sagt: Wir brau­chen Füh­rungs­spieler. Wir werden auch wei­terhin welche haben. Und Men­schen können auch in eine Rolle hin­ein­wachsen.“ Wer wüsste das besser als er?

Im März spielt Schalke gegen Frei­burg. Vor gerade einem Jahr hat Tedesco bei Erz­ge­birge Aue ange­heuert. Wie lange das schon her ist! Aus einem Jugend­coach in der Pro­vinz ist ein fast schon gesetzter Bun­des­li­ga­trainer geworden. Am Spiel­feld­rand geben sich Tedesco und Chris­tian Streich die Hand. Der Frei­burger Trainer ähnelt dem Schalker Kol­legen in seiner Begeis­te­rung und Beses­sen­heit für die Details des Fuß­ball­spiels und ist trotzdem eine Art Gegen­ent­wurf.

Ein Schlag reicht

Auf dem Platz der alte Abnut­zungs­kampf. Wieder passt sich Tedescos Elf den Gege­ben­heiten an, es ist kein schönes Spiel. Zur Pause pfeifen die Fans, im Pres­se­raum murren die Jour­na­listen. Das muss ja angeb­lich jetzt so sein, aber mir wurde Fuß­ball anders bei­gebracht“, mosern die mit­ge­reisten Reporter. Schalke wartet auf die eine Gele­gen­heit. Die dann kommt, als Elf­meter. Tedesco boxt in die Luft. Ein Schlag reicht, um den Gegner aus­zu­kno­cken. Wieder mal.

Hat er sich sehr ver­än­dert in diesem Jahr? Hat er sich zu Herzen genommen, was ihm Helge Leon­hardt bei dem Besuch in Ben­i­dorm ins Ohr geflüs­tert hat? Das sind Wölfe da draußen, die dich fressen wollen. Du musst selbst zum Wolf werden!“ Aber das ist nicht Tedescos Welt. Wie hat er es nach dem Derby for­mu­liert? Er will Momente sam­meln. Und sich das Glück des Augen­blicks in Erin­ne­rung rufen, wenn es mal nicht gut läuft. Zum Bei­spiel diesen Moment nach dem 4:4 im Derby. Da hat Tedesco bis spät abends im Büro gesessen. Trotzdem waren immer noch Fans auf dem Ver­eins­ge­lände, die ihn mit Sprech­chören auf­for­derten, her­aus­zu­kommen. Also griffen Dome­nico Tedesco und Zeug­wart Enrico Heil um 23 Uhr die Platten mit dem übrig geblie­benen Mann­schafts­essen und ser­vierten es im Dun­keln den Anhän­gern. Es war eine Begeg­nung voller Freude über die bis­weilen wun­der­baren Wen­dungen des Fuß­balls. Ein Umschalt­mo­ment, sozu­sagen.