Mit vier Punkten Rück­stand reist Rekord­meister Bayern Mün­chen am Wochen­ende nach Dort­mund. Zeit für eine Kampf­an­sage von Uli Hoeneß! Schließ­lich scheute der Bayern-Prä­si­dent in der Ver­gan­gen­heit nie ein ver­bales Duell mit einem Kon­kur­renz­verein. Doch selbst Hoeneß gibt sich dieser Tage unge­wohnt klein­laut. Ange­sichts der zuletzt eher mauen Leis­tungen seiner Mün­chener erklärte er: Wir fahren zum ersten Mal seit langer Zeit als Außen­seiter nach Dort­mund.“

Ja, wenn selbst Hoeneß die Bayern vor dem Spit­zen­spiel als Außen­seiter sieht – geht dann Borussia Dort­mund nicht wirk­lich als Favorit ins Spit­zen­spiel? Können die Dort­munder am Wochen­ende ihren Vor­sprung auf sieben Punkte aus­bauen? Fünf Gründe, warum am Samstag fast alles für den BVB spricht.

1. Favre kann Bayern
Lucien Favre ist ein Bayern-Schreck – oder zumin­dest das, was man nach Jahren der Mün­chener Domi­nanz einen Bayern-Schreck nennen kann. Vier Siege gelangen dem Schweizer gegen die Bayern in seiner Kar­riere bereits, hinzu kommen drei Unent­schieden und sieben Nie­der­lagen. Eine veri­table Bilanz gegen eine Bayern-Mann­schaft, die in diesem Jahr­zehnt von 265 Bun­des­liga-Spielen nur 31 ver­loren hat.

In der Ver­gan­gen­heit ärgerte Favre die Mün­chener stets mit einem ultra­kom­pakten System. Seine Glad­ba­cher zogen sich im Mit­tel­feld eng zusammen, ließen im 4 – 4‑2-System prak­tisch keine Abstände zwi­schen den Ketten. Die Bayern hatten zwar viel Ball­be­sitz, liefen aber stets Gefahr, sich aus­kon­tern zu lassen. Kaum ein Trainer kann eine derart gut ver­schie­bende Defen­sive auf den Platz zau­bern wie Favre. Und das ist auch im Jahr 2018 gefragt gegen die Bayern.

2. Dort­mund kann kon­tern
In Dort­mund ließ Favre zuletzt offen­si­veren Fuß­ball spielen. Seine Dort­munder atta­ckierten teils früh aus einem 4 – 2‑3 – 1‑System, vier Spieler beklei­deten offen­sive Rollen. Auch die Außen­ver­tei­diger schossen meist nach vorne. Dass Dort­mund diese Seite auch gegen die Bayern aus­leben wird, ist eher zwei­fel­haft. Hier könnte Favre zu einem defen­si­verem 4 – 1‑4 – 1‑System zurück­kehren.

Dass die Dort­munder auch das Favre-typi­sche Ver­schieben im Raum beherr­schen, bewiesen sie zuletzt beim 4:0‑Erfolg über Atle­tico Madrid. Auch bei der 0:2‑Niederlage im Rück­spiel agierten sie äußerst kom­pakt, ließen sich von Atle­ticos starkem Pres­sing jedoch den Schneid abkaufen. Den­noch: Favre kann auch in Dort­mund auf eine starke Defen­sive bauen.

Zudem besitzt Dort­mund mit Marco Reus, Jadon Sancho, Brun Larsen und Chris­tian Pulisic gleich meh­rere Optionen, um ein schnelles Kon­ter­spiel aus einer starken Defen­sive zu for­cieren. Gut mög­lich, dass wir am Sams­tag­abend ein typi­sches Favre-Team mit den typi­schen Favre-Stärken zu Gesicht bekommen.

3. Die Bayern ste­cken in einer Ideen-Krise
Borussia wird höchst­wahr­schein­lich aus einer kom­pakten Defen­sive heraus agieren. Das ist keine beson­ders gute Nach­richt für die Bayern. Sie sind es zwar gewohnt, auf defen­sive Boll­werke zu treffen. Aller­dings fiel es ihnen zuletzt schwer, aus dem eigenen Spiel­aufbau Chancen zu kre­ieren. Zu häufig suchen sie den Weg über die Flügel. Hierbei lassen sie jeg­li­ches Tempo ver­missen.

Ein großes Manko ist das Mit­tel­feld-Zen­trum. Seit der Ver­let­zung von Thiago fehlt Kovac für sein favo­ri­siertes 4 – 3‑3-System ein spiel­starker Sechser. Javi Mar­tinez über­zeugt hier zwar defensiv, ihm geht jedoch der Spiel­witz ab. Joshua Kim­mich wie­derum offen­barte auf dieser Posi­tion defen­sive Schwä­chen. Das Spiel durch das Zen­trum ist eine Schwach­stelle der Mün­chener. Das dürfte gerade gegen die im Zen­trum äußerst kom­pakt agie­renden Dort­munder zum Pro­blem werden.

4. Dort­mund ist besser in Form
Erschwe­rend hinzu kommt für die Bayern, dass ihre Schlüs­sel­spieler nicht in Form sind. Das trifft gerade auf die Außen­stürmer zu. Egal, welche Vari­ante Kovac zuletzt aus­pro­bierte: Zu selten gelang es den Außen­stür­mern, sich im Eins-gegen-Eins durch­zu­setzen. Somit erscheint es unwahr­schein­lich, dass Bay­erns Außen­stürmer die man­gelnde defen­sive Robust­heit von BVB-Außen­ver­tei­diger Achraf Hakimi wirk­lich testen können.

Im Gegenzug wie­derum sind die Dort­munder an den Schlüs­sel­stellen gut besetzt. Sechser Axel Witsel befindet sich seit Wochen in her­aus­ra­gender Form. Der Bel­gier gestaltet das Spiel vor der Abwehr. Die Angreifer wie­derum zeigen sich beweg­lich. Sancho dürfte die defen­sive Stand­fes­tig­keit von Außen­ver­tei­diger Kim­mich testen, wäh­rend Reus sich gerne in die Hal­b­räume fallen lässt; Räume, welche die Bayern zuletzt wenig bis gar nicht absi­cherten.

5. Das West­fa­len­sta­dion ist ein Boll­werk
Acht Pflicht­spiele absol­vierte Dort­mund in dieser Saison im hei­mi­schen West­fa­len­sta­dion. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Sieben Siege, ein Unent­schieden, 30:9 Tore. Bei der Hälfte ihrer Heim­spiele erzielten sie vier oder mehr Tore. Sobald Dort­mund in Füh­rung liegt und sie ihr enormes Tempo aus­spielen können, gibt es für sie kein Halten mehr.

Inso­fern hat Uli Hoeneß Recht mit seiner Aus­sage: Man kann ja nicht nach Dort­mund fahren und sagen, ich will einen Dreier ein­fahren.“ Den­noch: Es sind ganz neue Töne aus Mün­chen, die belegen, wie gut der BVB in diese Saison gestartet ist. Sie sind nun der Favorit.