Mit der Benut­zung des Wortes Gas“ ist das hier­zu­lande bekannt­lich so eine Sache. Das wurde mir schon bewusst, als mein Opa noch lebte und bei der gedie­genen Kon­ver­sa­tion zu den Kuchen­schlachten im groß­el­ter­li­chen Hause immer wieder die Phrase bis zur Ver­ga­sung“ bemühte, um einen Vor­gang zu beschreiben, der offenbar eine große Aus­dauer vor­aus­setzte. Opa erin­nerte sich: Wir mussten ´Oh du schöner Wes­ter­wald´ in der Schule bis zur Ver­ga­sung singen.“ Er urteilte: Der Herr Joswig nebenan, der ist bis zur Ver­ga­sung geschäfts­tüchtig.“

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Oder berich­tete aus der Zeit vor der Pen­sio­nie­rung: Als das bekannt wurde, haben wir die bis zur Ver­ga­sung in die Mangel genommen.“ Jedes Mal, wenn meinem Opa ein sol­cher Satz ent­wich, sog mein Vater auf­fal­lend laut die Luft ein und setzte mit einem unmerk­li­chen Kopf­schüt­teln eine kurze, aber prä­gnante Pause im Gespräch. Schon als Sie­ben­jäh­riger schwante mir, dass es gene­rell nicht so übel ist, wenn man sich bei etwas aus­dau­ernd Mühe gibt. Bis zur Ver­ga­sung aber sollte man es offenbar nicht betreiben. 

Die Strahl­kraft des Schrift­zugs

Als Erst­klässler wun­derte ich mich des­halb nicht schlecht, als ich auf den bis dato blü­ten­weißen Hemden der Glad­ba­cher Spieler den Schriftzug erdgas“ ent­zif­ferte. Seit ich bei einem E‑Ju­gend-Tur­nier ein Shirt mit der Wer­be­auf­schrift Ytong“ abge­staubt hatte, lief ich in der Schule zu jeder Jah­res­zeit kurz­ärmlig auf. Wer­bung für Bau­stoffe, Wär­me­iso­lie­rung und Heiz­ma­te­ria­lien stand ich als Sohn eine unver­bes­ser­li­chen Ama­teur­heim­wer­kers grund­sätz­lich positiv gegen­über. Ich wusste nicht, ob das mit dem Erdgas“ wirk­lich okay geht, aber schon bald konnte ich mich der Strahl­kraft des Schrifts­zugs auf der Brust von Allan Simonsen, Rainer Bonhof und Jupp Heynckes nicht mehr wider­setzen. Da kam ich mit dem straffen Ytong“-Logo auf meinem stetig schrump­fenden Rekla­me­hemd – ich befand mich noch im Wachstum – nicht ansatz­weise an.

Erdgas“, das klang nach dem Gegner Feuer unterm Hinter machen, ihm ordent­lich ein­zu­heizen. Ich stellte mir vor, dass der grelle Schweif, den die Enter­prise“ hin­ter­ließ, wenn Scotty auf Licht­ge­schwin­dig­keit umschal­tete, aus Erdgas bestand. Schließ­lich spielten die Glad­ba­cher damals, als hätten sie eine ganz eigene Form von Trieb­kraft. Wenn Simonsen den Ball im Mit­tel­feld annahm und mit seinen jun­gen­haften Streich­holz­bein­chen stak­sige Abwehr­re­cken wie Bernd Cull­mann oder Kat­sche Schwar­zen­beck zu Sla­lom­stangen degra­dierte, konnte es doch nur eine Erklä­rung für diese beson­dere Form des Antriebs geben: Erdgas, was sonst?

Erdgas – die Ursache für Bon­hofs bra­chiale Dynamik

Wenn Bonhof am Sech­zehner sich kurz vor Abpfiff den Ball zum Frei­stoß hin­legte, wussten auch die Gegner in der Mauer, dass es gleich unglaub­lich wehtun wird, wenn sie den Kopf nicht ein­ziehen. Ursache für Bon­hofs bra­chiale Dynamik: Erdgas. So reimte ich es mir zumin­dest zusammen. Schließ­lich musste doch ein Zusam­men­hang zwi­schen dem Wer­be­partner – der sich seiner außer­or­dent­li­chen Power nur allzu gewiss auf den Tri­kots bescheiden in Klein­schrei­bung prä­sen­tierte – und dem unwi­der­steh­li­chen Verve der Borussia-Elf bestehen.

Als Erwach­sener habe ich Allan Simonsen und Rainer Bonhof mal ken­nen­ge­lernt. Es soll nicht über­heb­lich klingen – denn fuß­bal­le­risch war, ist und bleibt er ein Riese – aber der Däne war inzwi­schen nur noch unge­fähr halb so groß wie ich (und ich bin deut­lich unter zwei Meter groß). Außerdem trug er eine gol­dene Kra­watte, die mehr breit als lang war und ihn aus­sehen ließ, als sei er auf dem Weg zum Cas­ting eines Mär­chen­films vom Weg abge­kommen. Neben ihm stand Rainer Bonhof wie ein tief­ge­fro­rener Body­guard mit schmaler Spie­gel­son­nen­brille und in einem schwarzen Anzug. Die beiden flachsten über alte Zeiten und Bonhof sagte mit dem Timbre des Auf­trags­kil­lers: Als der Allan damals nach Glad­bach kam, habe ich den Kurzen im Trai­ning zum Welt­star getreten.“

Ich stellte mir vor, wie die beiden in den späten Sieb­zi­gern auf einem regen­nassen Glad­ba­cher Asche­platz im schum­me­rigen Licht des Flut­lichts stehen und Bonhof den schmäch­tigen Nord­länder wieder und wieder mit seiner ganzen Erdgas-Power in den Aller­wer­testen tritt, was diesen zuneh­mend trick­rei­cher und flinker macht, bis er ihm schließ­lich ganz ent­kommt. So wie er bei den Spielen irgend­wann auch jedem Gegner ent­eilte. Am 29. April 1978 besiegten die Glad­ba­cher im Düs­sel­dorfer Rhein­sta­dion Borussia Dort­mund mit 12:0. Gerüchte machten die Runde, das Spiel sei ver­schoben worden. Voll­kom­mener Quatsch. Denn die Glad­ba­cher wollten Deut­scher Meister werden und mussten eine Tor­dif­fe­renz von zehn Tref­fern auf den Tabel­len­führer aus Köln auf­holen. Was machten Sie also? Sie schal­teten auf Licht­ge­schwin­dig­keit um.

12:0 gegen Dort­mund – wegen Erdgas!

Auf den Jer­seys der hoch­mo­ti­vierten Borussen prangte das Erdgas-Logo, sie schwärmten aus wie die Par­tikel einer bers­tenden Revol­ver­kugel und stürmten hoch­tou­riger als je zuvor. Sie spielten den BVB in Grund und Boden. Als wir tags drauf bei meinen Groß­el­tern am Mit­tags­tisch saßen und schüch­tern die Nudel­suppe löf­felten, kam mein Opa auf das Spiel zu spre­chen, denn er wusste, dass ich Glad­bach mochte. Er sagte: Das war ja toll, die haben Tore geschossen…bis zur Ver­ga­sung.“ Ich gab ihm recht, denn ich wusste, wie er es meinte. Irgendwie hatte der Kan­ter­sieg doch auch mit Gas zu tun, oder?

Mein Vater blickte stumm in seine Suppe und deu­tete ein Kopf­schüt­teln an.