Seite 2: „Es war der höchste Wert, den wir bis dahin gemessen hatten“

Wie funk­tio­nierte die Ana­lyse einer Haar­probe damals?
Zunächst wird ein Anteil des Haar­strangs mit einem Lösungs­mittel gewa­schen, um etwa außen anhän­gende Sub­stanzen zu ent­fernen. Es soll ja nach­ge­wiesen werden, was ins Haar auf­grund eines Kon­sums ein­ge­wachsen ist. Nicht das, was etwa aus der Umge­bungs­luft auf das Haar gelangt sein könnte. Dann wird die Probe mit einer Pul­ver­mühle gemahlen.

Kann man sich das als eine Art Kaf­fee­mühle vor­stellen?
Genau. Das Pulver wird anschlie­ßend gewogen und in eine Lösung gegeben. Es kommen defi­nierte Mengen deu­te­rierten Cocains und des Haupt­stoff­wech­sel­pro­dukts Ben­zoylec­gonin als soge­nannte Innere Stan­dards“ dazu, die weit­ge­hend iden­tisch mit dem sind, was im Haar ver­mutet wird, im Rahmen der Chro­ma­to­grafie aber unter­schieden werden können. In diesem Fall Kokain und sein Stoff­wech­sel­pro­dukt. Man ver­gleicht die Werte und weiß im posi­tiven Fall, wie hoch die Kon­zen­tra­tion in der Probe ist.

Sie saßen im Labor, zer­klei­nerten das Haar des mög­li­chen Natio­nal­trai­ners. Das muss Ihnen doch sur­real vor­ge­kommen sein.
Das Zer­klei­nern und die wei­tere Auf­ar­bei­tung und Ana­lyse haben – so wie in jedem Unter­su­chungs­auf­trag – meine Mit­ar­beiter gemacht. Und ganz ehr­lich, für mich als Foren­si­schen Toxi­ko­logen war das nur eine Probe von vielen. In meinem Beruf muss man Ein­zel­schick­sale von den zu unter­su­chenden Proben abtrennen können. Sonst könnte man den Job nicht machen, wenn es um tote Kinder oder Ver­kehrs­un­fälle geht. Das ist ein Schutz­me­cha­nismus. Die Probe heißt dann nicht mehr Chris­toph Daum“, son­dern mei­net­wegen 5200/10. So wird sie unter­sucht.

Und ergab einen Wert von 72 Nano­gramm pro Mil­li­gramm Haar. Was bedeutet das?
Es war in unserem Unter­su­chungsgut der höchste Wert, den wir bis dahin gemessen hatten. Eine Kon­zen­tra­tion von 72 Nano­gramm pro Mil­li­gramm Haar! Da lässt sich sehr sicher sagen: Es han­delt sich um regel­mä­ßigen Konsum. Bei ein­ma­ligem Konsum ergeben sich Werte von 0,2 Nano­gramm, viel­leicht 0,5.

Sie waren der Erste, der diese Zahl gesehen hat. Was dachten Sie da?
Ich habe eine zweite Unter­su­chung ange­ordnet. Das haben wir immer gemacht, wenn ein unge­wöhn­li­ches Ergebnis her­auskam. Die zweite Unter­su­chung hat das erste Ana­lysen­er­gebnis bestä­tigt.

Reiner Cal­mund hatte Bayers Pres­se­spre­cher Uli Dost mit zur Rechts­me­dizin genommen, damit dieser die Nach­richt von Daums Unschuld sofort nach Erhalt des Unter­su­chungs­er­geb­nisses per Pres­se­mit­tei­lung ver­breiten konnte. Wie reagierte Cal­mund, als Sie ihm ein Ergebnis mit­teilten, das er nicht erwartet hatte?
Herr Cal­mund kam zu mir ins Institut, hat sich das Gut­achten erst von mir vor­lesen lassen, es selbst gelesen und Nach­fragen gestellt. Er wollte genau wissen, was der Wert bedeutet. Und ich habe es ihm erklärt, wie es ist: Herr Cal­mund, das ist ein unge­wöhn­lich hoher Wert.

Nachdem er das Ergebnis der Probe erfahren hatte, rief Reiner Cal­mund einen Kri­sen­stab im Haus von Lever­ku­sens Co-Trainer Roland Koch zusammen. Cal­mund ver­kün­dete das Ergebnis, Chris­toph Daum wit­terte eine Ver­schwö­rung. Er behaup­tete, das Haar stamme nicht von ihm, es müsse ver­tauscht worden sein. Erst um zwei Uhr nachts über­zeugte Cal­mund Daum, in die Geschäfts­stelle zu fahren, seinen Spind zu leeren und sich in einen Flieger in die USA zu setzen. Auf Cal­munds Bitte über­nahm Rudi Völler für knapp einen Monat die Mann­schaft als Inte­rims­trainer. Auf ihn folgte Mitte November Berti Vogts.