11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­tages-Sto­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.
Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Das Inter­view mit dem Mann, der Chris­toph Daum über­führte, aus unserem 11FREUNDE SPE­ZIAL Skan­dale“.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Dr. Her­bert Käfer­stein, 74 Jahre alt und mit einem Schnauz­bart ver­sehen, wie ihn nur Männer am Rhein mit Würde tragen können, hat für das Treffen ein Restau­rant in der Nähe des Kölner Doms vor­ge­schlagen. Zu Fuß erreichbar ist von dort das Hyatt Hotel, wo Chris­toph Daum im Januar 2001 spitz­bü­bisch zugab, er habe womög­lich doch mal ein Näs­chen Kokain ein­ge­nommen. Die Haar­probe, die Daum über­führte, hat Dr. Käfer­stein damals unter­sucht. Ein Rück­blick auf den ver­rück­testen Herbst der Bun­des­li­ga­ge­schichte.

Dr. Her­bert Käfer­stein, sind Sie Fuß­ballfan?
Ich bin in Lever­kusen auf­ge­wachsen, und in fast 70 Jahren habe ich als Fan des Ver­eins alles mit­be­kommen, die Auf- und Abstiege, das Cham­pions-League-Finale.

Als Chris­toph Daum Bayer Lever­kusen im Jahr 1996 über­nahm, formte er die Mann­schaft von einem Abstiegs­kan­di­daten zu einem Titel­an­wärter.
Ich habe ihn für einen sehr guten Trainer gehalten. Im Herbst, bevor die ganze Sache los­ging, war schon klar, dass er ab Juli 2001 Bun­des­trainer werden sollte. Aber er wollte noch viel mit Bayer errei­chen. Das habe ich mir auch gewünscht.

Nach dem pein­li­chen Vor­run­denaus bei der EM 2000 wurde Daum aus­er­koren, den deut­schen Fuß­ball zu retten. Er sollte Bun­des­trainer werden. Die Presse durch­leuch­tete seine Ver­gan­gen­heit. Am 2. Oktober 2000 erschien in der Mün­chener Abend­zei­tung“ ein Artikel über angeb­li­chen Koka­in­konsum. Uli Hoeneß zitiert darin die Gerüchte um den ver­schnupften Herrn Daum”. Diese Gerüchte um Daums Dro­gen­konsum gab es schon vorher.
Getu­schelt wurde seit Daums Zeit in Stutt­gart, Anfang der Neun­ziger. Das waren Gerüchte, sozu­sagen das Hin­ter­grund­rau­schen zur Person. In Stutt­gart habe er – so gingen die unbe­stä­tigten Gerüchte – etwa mit Frau Mayer-Vor­felder gekokst, wäh­rend Ger­hard Mayer-Vor­felder, damals Prä­si­dent des VfB Stutt­gart, daneben erheb­lich dem Alkohol zuge­spro­chen habe.

Nachdem ihn Fritz Scherer, dama­liger Vize­prä­si­dent des FC Bayern, öffent­lich zu einer Haar­probe gedrängt hatte, gab Daum nach und sagte am 9. Oktober, eine Woche nach dem Artikel, in einer legen­dären Pres­se­kon­fe­renz: Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“ An dieser Stelle kamen Sie ins Spiel.
Ich lei­tete damals den Arbeits­be­reich Foren­si­sche Toxi­ko­logie des Insti­tuts für Rechts­me­dizin Köln, wir waren das zustän­dige Institut für die Haar­probe. Ich weiß noch, dass ein ver­sie­gelter Brief mit der Probe am Emp­fang abge­geben wurde. Chris­toph Daum“ stand drauf. Das Haar hatte er vorher unter nota­ri­eller Auf­sicht ent­nehmen lassen. Orga­ni­siert hatte das aber Reiner Cal­mund, der Manager von Bayer 04. Daum hatte ihm eine Voll­macht gegeben.

Was war da genau in diesem Brief?
Ein Haar­strang, blei­stift­dick viel­leicht.

Daum muss geglaubt haben, die Ana­lyse könne ihn tat­säch­lich ent­lasten.
Ich kann mir nicht erklären, warum er der Probe zustimmte. Kopf­haar lagert Drogen ein, selbst über Monate lässt sich ein Konsum nach­weisen.

Wie funk­tio­nierte die Ana­lyse einer Haar­probe damals?
Zunächst wird ein Anteil des Haar­strangs mit einem Lösungs­mittel gewa­schen, um etwa außen anhän­gende Sub­stanzen zu ent­fernen. Es soll ja nach­ge­wiesen werden, was ins Haar auf­grund eines Kon­sums ein­ge­wachsen ist. Nicht das, was etwa aus der Umge­bungs­luft auf das Haar gelangt sein könnte. Dann wird die Probe mit einer Pul­ver­mühle gemahlen.

Kann man sich das als eine Art Kaf­fee­mühle vor­stellen?
Genau. Das Pulver wird anschlie­ßend gewogen und in eine Lösung gegeben. Es kommen defi­nierte Mengen deu­te­rierten Cocains und des Haupt­stoff­wech­sel­pro­dukts Ben­zoylec­gonin als soge­nannte Innere Stan­dards“ dazu, die weit­ge­hend iden­tisch mit dem sind, was im Haar ver­mutet wird, im Rahmen der Chro­ma­to­grafie aber unter­schieden werden können. In diesem Fall Kokain und sein Stoff­wech­sel­pro­dukt. Man ver­gleicht die Werte und weiß im posi­tiven Fall, wie hoch die Kon­zen­tra­tion in der Probe ist.

Sie saßen im Labor, zer­klei­nerten das Haar des mög­li­chen Natio­nal­trai­ners. Das muss Ihnen doch sur­real vor­ge­kommen sein.
Das Zer­klei­nern und die wei­tere Auf­ar­bei­tung und Ana­lyse haben – so wie in jedem Unter­su­chungs­auf­trag – meine Mit­ar­beiter gemacht. Und ganz ehr­lich, für mich als Foren­si­schen Toxi­ko­logen war das nur eine Probe von vielen. In meinem Beruf muss man Ein­zel­schick­sale von den zu unter­su­chenden Proben abtrennen können. Sonst könnte man den Job nicht machen, wenn es um tote Kinder oder Ver­kehrs­un­fälle geht. Das ist ein Schutz­me­cha­nismus. Die Probe heißt dann nicht mehr Chris­toph Daum“, son­dern mei­net­wegen 5200/10. So wird sie unter­sucht.

Und ergab einen Wert von 72 Nano­gramm pro Mil­li­gramm Haar. Was bedeutet das?
Es war in unserem Unter­su­chungsgut der höchste Wert, den wir bis dahin gemessen hatten. Eine Kon­zen­tra­tion von 72 Nano­gramm pro Mil­li­gramm Haar! Da lässt sich sehr sicher sagen: Es han­delt sich um regel­mä­ßigen Konsum. Bei ein­ma­ligem Konsum ergeben sich Werte von 0,2 Nano­gramm, viel­leicht 0,5.

Sie waren der Erste, der diese Zahl gesehen hat. Was dachten Sie da?
Ich habe eine zweite Unter­su­chung ange­ordnet. Das haben wir immer gemacht, wenn ein unge­wöhn­li­ches Ergebnis her­auskam. Die zweite Unter­su­chung hat das erste Ana­lysen­er­gebnis bestä­tigt.

Reiner Cal­mund hatte Bayers Pres­se­spre­cher Uli Dost mit zur Rechts­me­dizin genommen, damit dieser die Nach­richt von Daums Unschuld sofort nach Erhalt des Unter­su­chungs­er­geb­nisses per Pres­se­mit­tei­lung ver­breiten konnte. Wie reagierte Cal­mund, als Sie ihm ein Ergebnis mit­teilten, das er nicht erwartet hatte?
Herr Cal­mund kam zu mir ins Institut, hat sich das Gut­achten erst von mir vor­lesen lassen, es selbst gelesen und Nach­fragen gestellt. Er wollte genau wissen, was der Wert bedeutet. Und ich habe es ihm erklärt, wie es ist: Herr Cal­mund, das ist ein unge­wöhn­lich hoher Wert.

Nachdem er das Ergebnis der Probe erfahren hatte, rief Reiner Cal­mund einen Kri­sen­stab im Haus von Lever­ku­sens Co-Trainer Roland Koch zusammen. Cal­mund ver­kün­dete das Ergebnis, Chris­toph Daum wit­terte eine Ver­schwö­rung. Er behaup­tete, das Haar stamme nicht von ihm, es müsse ver­tauscht worden sein. Erst um zwei Uhr nachts über­zeugte Cal­mund Daum, in die Geschäfts­stelle zu fahren, seinen Spind zu leeren und sich in einen Flieger in die USA zu setzen. Auf Cal­munds Bitte über­nahm Rudi Völler für knapp einen Monat die Mann­schaft als Inte­rims­trainer. Auf ihn folgte Mitte November Berti Vogts.

Am 11. Januar 2001 kehrte Daum aus den USA zurück. Er gab zu, er habe doch Kokain genommen.
Es war ein Rie­sen­thema in Deutsch­land. Es gibt natür­lich viele Men­schen in Deutsch­land, die Can­nabis, Kokain oder Alkohol miss­brau­chen. Aller­dings sollte der Konsum ille­galer Drogen nicht ver­harm­lost werden. Da ist ein Chris­toph Daum nicht mehr als ein Ein­zel­fall.

Er war immerhin Trainer Ihres Lieb­lings­ver­eins.
Das hat mir als Fan nicht gefallen, klar. Vor allem, dass er danach nicht mehr Trainer war. Aber es war die not­wen­dige Kon­se­quenz.

Viele Men­schen berau­schen sich. Wir haben auch schon zwei Kölsch getrunken, seit wir hier sitzen. Macht sich eine öffent­liche Person wie Daum als zukünf­tiger Natio­nal­trainer wirk­lich unmög­lich, weil er Drogen nimmt?
Ein Trainer macht sich unmög­lich, weil er ein Vor­bild für die Spieler ist, die er trai­niert, aber auch für die Fans. Und bei ille­galen Drogen wie Kokain macht er sich nun einmal strafbar, wenn er sie kauft. Zudem hat er sowohl seinen Verein als auch die Öffent­lich­keit schamlos belogen.

Die Staats­an­walt­schaft Koblenz ermit­telte dar­aufhin gegen Daum. Am 23. Oktober 2001 wurde die Ver­hand­lung vor dem Land­ge­richt Koblenz eröffnet. Zum Pro­zess­auf­takt mel­deten sich mehr als hun­dert Jour­na­listen an. Daum wurde vor­ge­worfen, er habe zum Dro­gen­handel ange­sta­chelt, indem er ein­hun­dert Gramm Kokain bei seinem Dealer bestellte. Es gab Gerüchte über Orgien mit Pro­sti­tu­ierten, über angeb­liche Kon­takte zur Mafia. Daum las im Gerichts­saal Asterix-Comics und behaup­tete, das gal­li­sche Dorf stehe sym­bo­lisch für ihn und seine Anwälte, umzin­gelt von Feinden. Im Lauf des Pro­zesses tauchten außerdem omi­nöse Gut­achten auf, prä­sen­tiert von Daums Anwälten, in denen Käfer­steins Haar­probe in Zweifel gezogen wurde.

Daums Ver­tei­diger sagte, Sie hätten ein­deutig par­tei­ische Aus­sagen zu Lasten des Man­danten“ abge­geben. Wie erin­nern Sie sich an den Pro­zess?
Ich war als Zeuge geladen und wurde von Daums Anwälten ange­griffen: Ich hätte die Haare in einer Kokain-Lösung gebadet, daher käme der hohe Wert. Es stand in Rede, dass Daum nur dabei war, als andere Kokain geraucht haben, so soll es in sein Kopf­haar gekommen sein. Ich durfte mich wegen meiner Schwei­ge­pflicht nicht ver­tei­digen. Die Schwei­ge­pflicht gilt aller­dings unver­än­dert weiter, so dass ich nach wie vor keine Tat­sa­chen offen­baren darf, die nicht bereits durch andere in die Öffent­lich­keit gelangt sind.

Die Staats­an­walt­schaft hat auf­grund Ihres Gut­ach­tens die Mengen geschätzt, die Daum an Kokain gekauft haben muss.
Zu errechnen oder auch nur abzu­schätzen, wie viel jemand wann gekauft haben muss, um auf einen Ana­ly­se­wert zu kommen, erscheint mir aus­ge­schlossen.

Am 6. Mai 2002 endete der Pro­zess gegen Chris­toph Daum nach 30 Ver­hand­lungs­tagen. Keiner der ursprüng­li­chen Vor­würfe – die ver­tauschten Haare, die Orgien, der Handel mit Kokain – konnten in der Ver­hand­lung bestä­tigt werden. Gegen eine Zah­lung von 10 000 Euro an Sucht­hilfe-Orga­ni­sa­tionen wurde der Pro­zess ein­ge­stellt.

Wo ist die Haar­probe eigent­lich heute?
Unser Institut bewahrt Proben übli­cher­weise drei Jahre auf. Bei Daums Haar­probe war es so, dass wir den noch vor­han­denen Rest an die Rechts­me­dizin Bonn über­geben mussten. Wir haben da nichts zurück­be­halten.

Sie haben nie den Gedanken gehabt, sich einen kleinen Teil abzu­zweigen?
Asser­vate haben das Institut nie in Rich­tung meines Hauses ver­lassen. Der­ar­tige Dinge gehören weder dem Institut noch mir.

Um das mal fest­zu­halten: Das Beweis­stück eines der größten Skan­dale der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte, die koka­in­hal­tigen Haare von Chris­toph Daum, ist ein­fach im Müll gelandet?
Der Beweis liegt ja auf­grund der Gut­achten vor. Es könnte sein, dass Herr Daum den Rest seiner Probe zurück­ver­langt hat. Bekannt ist mir dies­be­züg­lich aber nichts. Die Rechts­me­dizin Bonn wird die Probe ver­mut­lich nicht dau­er­haft auf­be­wahrt haben – von daher: Wahr­schein­lich wurde sie fach­ge­recht ent­sorgt.