Herr Rösler, in der ver­gan­genen Saison haben Sie noch bei Ale­mannia Aachen gespielt. Erin­nern wir uns noch einmal an den vor­letzten Spieltag. Nach der Partie gegen Wolfs­burg gaben Sie fas­sungslos zu Pro­to­koll: Wenn ich den erwi­sche, der dieses Dreh­buch geschrieben hat, dem hau ich auf die Fresse.“ Warum musste die Ale­mannia absteigen?

Schwer zu sagen. Acht Spiel­tage vor Schluss hatten wir bereits 33 Punkte, alles sah nach dem gesi­cherten Klas­sen­er­halt aus. Dann begann diese Nega­tiv­serie und es wurde zur Kopf­sache, wo wir am Ende dem Druck ein­fach nicht Stand hielten, unglück­lich die Spiele Preis gaben. An das Wolfs­burg-Spiel möchte ich gar nicht mehr denken. Wir haben es in den vor­he­rigen Spielen ver­passt, den Sack ein­fach zu zuma­chen. Das war sehr traurig. Sicher­lich hatten wir oben­drein Ver­let­zungs­pech, was wir ein­fach nicht aus­glei­chen konnten wie andere Ver­eine.



Jetzt stehen Sie bei Borussia Mön­chen­glad­bach unter Ver­trag. Ist Ihnen der Abschied aus Aachen schwer gefallen?


Der Abschied fiel mir sehr schwer, denn es waren zwei sehr schöne Jahre. Die Leute in Aachen konnten sich mit meiner Spiel­weise iden­ti­fi­zieren. Ich habe mich auf jedes Heim­spiel irr­sinnig gefreut. Der Tivoli ist ein Kult­sta­dion. Im Fuß­ball muss man jedoch auch ein­fach Ent­schei­dungen treffen, mit denen die Fans nicht ein­ver­standen sind. Ich muss auch schauen, was nach der Kar­riere mit mir geschieht, da konnte Aachen finan­ziell ein­fach nicht mit­halten.

Man ist aber nicht im Streit aus­ein­ander gegangen?

Nein, über­haupt nicht. Ich habe Jörg Schmadtke meine Ent­schei­dung sehr früh mit­ge­teilt. Unser Ver­hältnis ist auch wei­terhin ein sehr gutes, und er ver­steht mich. Natür­lich waren einige Fans sauer, dass ich nach Glad­bach gegangen bin, und ich kann sie ver­stehen. Dann gilt man natür­lich als Ver­räter. Damit muss ich leben. Jedoch war ein Wechsel unum­gäng­lich, als wir abstiegen.

Sie sind mit bald 200 Spielen ein sehr erfah­rener Zweit­li­ga­spieler, Borussia Mön­chen­glad­bach möchte unbe­dingt zurück in die 1. Liga. Haben sich die Borussia und Sascha Rösler also zum rich­tigen Zeit­punkt gesucht und gefunden?

Es war schon ein guter Zeit­punkt, den Schritt zu gehen. Aber ich hätte auch nichts dagegen gehabt, zu Glad­bach in die erste Liga zu wech­seln. Jos Luhukay und Chris­tian Ziege haben einen erfah­renen Spieler gesucht. Und auch für mich war die Borussia ein­fach die beste Adresse.

Ange­bote aus der Bun­des­liga gab es keine?

Es gab zwei, drei Ver­eine. Nur, das Pro­blem ist, dass ich ziem­lich schnell auf die 30 zugehe. Aus diesem Grund musste ich an gewissen Punkten auch den finan­zi­ellen Aspekt in den Vor­der­grund stellen. Hof­fen­heim legte die Mess­latte zwar sehr hoch, doch Glad­bach wollte mich unbe­dingt, und ich bin sehr froh, mich dafür ent­schieden zu haben.

Hof­fen­heim hatte nicht nur das meiste Geld, auch Ihr alter Weg­be­gleiter Ralf Rang­nick ist dort als Trainer beschäf­tigt. Wie schwer ist Ihnen die Ent­schei­dung gegen Hof­fen­heim wirk­lich gefallen?

Ralf Rang­nick war in Ulm mein erster Trainer, eine Art Zieh­vater, dem ich sehr viel zu ver­danken habe. Die Ent­schei­dung ist mir nicht leicht gefallen. In meiner Situa­tion war die Absage an Hof­fen­heim eine Bauch­ent­schei­dung. Ich ent­scheide immer aus dem Bauch heraus. Es war ein­fach kein gutes Gefühl dabei, ich weiß beim besten Willen auch nicht warum.

Und was hat letzt­lich den Aus­schlag für Glad­bach gegeben?

Ich habe mich bei Ver­trags­ge­sprä­chen selten so lange mit einem Trainer unter­halten wie mit Jos Luhukay. Das war sehr ange­nehm. Es ist mir wichtig, die Phi­lo­so­phie des Trai­ners zu teilen. Auch im tollen Glad­ba­cher Nord­park vor 45000 Zuschauern bei einem Tra­di­ti­ons­verein zu spielen. Dar­über hinaus konnte ich in Aachen bei meiner Freundin wohnen bleiben. Das sind ebenso alles Aus­schlag gebende Klei­nig­keiten, warum ich nach Glad­bach wollte.

Welche Phi­lo­so­phie teilen Jos Luhukay und Sascha Rösler?

Er ist ein Trainer, der in jeder Sekunde den Spaß am Fuß­ball ver­mit­teln will. Erfolg kommt von Freude. Seine Phi­lo­so­phie ist der Offensiv-Fuß­ball. Wir wollen Chancen kre­ieren, den Gegner durch ein 4−3−3 oder 4−4−2 vorne atta­ckieren. Agieren, nicht reagieren. Das ist genau das, was ich mir unter Fuß­ball vor­stelle.

In Ihrer ersten Saison sind Sie gleich zum stell­ver­tre­tenden Kapitän gewählt worden. Wie erklären Sie sich als Neu­zu­gang dieses Ver­trauen der Mann­schaft?

Nach etwa einem Monat Vor­be­rei­tung berief Jos Luhukay die Kapi­täne sowie zusätz­lich Patrick Paauwe und Kasper Böge­lund in den Mann­schaftsrat. Auf­grund der vielen Ab- und Neu­zu­gänge waren wir vor Trai­nings­be­ginn eine tüchtig zusammen gewür­felte Mann­schaft, in der sich natür­lich dieses Jahr unum­gäng­lich eine neue Hier­ar­chie bilden sollte und musste. Ich konnte mich in den ersten Wochen super inte­grieren, die Mann­schaft hat mich toll auf­ge­nommen. Durch meine Leis­tungen im Trai­ning und bei den Test­spielen, merkte man, dass ich vor­an­gehe und in das Profil eines Füh­rungs­spie­lers passe. Mit 29 Jahren bringe ich außerdem ein gewisses Alter und die Erfah­rung mit.

Sehen Sie sich als Bin­de­glied zwi­schen den vielen Jung­spunden und den eta­blierten Profis im Kader?

Wir haben unheim­lich talen­tierte Jungs. Ein paar kannte ich vorher noch gar nicht, aber schon nach den ersten Wochen sah man, dass sie sehr viel Poten­tial mit­bringen. Es ist natür­lich wichtig, den Talenten Unter­stüt­zung zu geben. In diesen jungen Jahren fallen sie immer wieder in ein Loch, sie können auch kör­per­lich noch gar nicht in der Ver­fas­sung sein, beständig Höchst­leis­tung zu bringen. Das ist ja ganz normal.

Schleicht sich bei diesen Jungs zu früh eine gewisse Selbst­zu­frie­den­heit ein?

Wenn es gut läuft, ten­dieren junge Spieler ja immer mal dazu, schnell abzu­heben, vieles ein biss­chen lässig und locker zu nehmen, und unbe­wusst einiges schleifen zu lassen. Ihnen muss ehr­lich ins Gesicht gesagt werden, was Sache ist, und worauf es ankommt. Wobei Sie dabei jeder­zeit zu den Erfah­renen kommen können.

Müssen Sie in Glad­bach viele sol­cher Gespräche führen?

In anderen Mann­schaften habe ich erlebt, dass junge Spieler denken, schon irgend­etwas erreicht zu haben. Bei­spiels­weise wenn es darum geht, im Trai­ning Sachen zu tragen. Aber bei uns benehmen sich die Jungs derart vor­bild­lich. Da gibt es über­haupt keine Reiz­punkte.

In einer anderen Fuß­ball­zeit­rech­nung beherrschten die Fohlen“ die Bun­des­liga mit fan­tas­ti­schem Fuß­ball. Der Geist dieser Ära umweht wei­terhin den Nie­der­rhein. Geblieben sind Erin­ne­rungen, Pokale und die Fans.

In den 70er war Glad­bach, mit dem Fuß­ball, den sie spielten, ein Vor­bild in Europa. Aber wir sind jetzt in der Zweiten Liga, da kommt es auf andere Sachen an. Hier herr­schen viel Kampf und Ein­satz, solche Grund­ele­mente sind wichtig.

Was erwarten die Fans in diesen Zeiten von der Mann­schaft?

Die große Erwar­tungs­hal­tung in Glad­bach, die teil­weise größer ist, als die Wirk­lich­keit bringen kann, bekommst du als neuer Spieler zuerst mit. Gerade das letzte Jahr war für alle hier ziem­lich bitter, die Ent­täu­schungen groß. Die Mann­schaft verlor unheim­li­chen Kredit, den wir uns jetzt erstmal zurück­er­ar­beiten müssen. Wir tragen die Alt­lasten, mit denen die Neu­zu­gänge gar nichts zu tun haben, was extrem unan­ge­nehm war.

Ist die neue Mann­schaft denn mit den alten Fans im Reinen?

Ja. Es war umso wich­tiger, dass wir schnell die Kurve bekommen haben, auch Kredit zurück­ge­winnen konnten. Ich habe das Gefühl, sie iden­ti­fi­zieren sich jetzt wieder mit der Mann­schaft, stehen zu uns, und freuen sich, dass wir solche Jungs in der Mann­schaft haben.

Zu Sai­son­be­ginn lief es für Glad­bach sehr schlep­pend an. Mussten gestan­dene Zweit­liga-Spieler wie Alex­ander Voigt oder Sie der Mann­schaft erst einmal klar machen, wie es im grauen Zweit­liga-Alltag zugeht?

Nein, das mussten wir nicht. Natür­lich sind wir Spie­ler­typen, die vor­an­gehen. Aber durch die vielen Neu­zu­gänge, von denen einige erst am Ende der Vor­be­rei­tung und mit Trai­nings­rück­stand dazu­kamen, bestand das Pro­blem darin, uns als Mann­schaft erst sehr spät finden zu können. Aber es ist auch klar, dass wir nicht in die Spiele gehen können, und denken, alles spie­le­risch zu lösen. Erst wer Zwei­kämpfe sucht, findet und gewinnt, kann dann über das Spie­le­ri­sche kommen.

Die Quit­tung dafür gab es am dritten Spieltag.

In Mainz ging dann gar nichts und wir bekamen eine 1:4‑Klatsche ein­ge­schenkt.

Welche Reak­tionen bedarf es danach inner­halb einer Mann­schaft?

Bereits in der Kabine schworen wir uns, dass jetzt etwas pas­sieren muss. Wir wollten gemeinsam da raus. In der Woche nach dem Spiel wurde im Trai­ning richtig dazwi­schen gehauen, und Gas gegeben, um die Aggres­si­vität, die es ein­fach benö­tigt, zurück­zu­be­kommen. Besagte Woche war unheim­lich wichtig. Ein kleiner Wen­de­punkt, der zeigte, dass die Jungs Cha­rakter haben.

Der­zeit hat die Mann­schaft einen Lauf von sechs Siegen in Serie. Wird die 2.Liga wei­terhin über­rannt?

So ein­fach wie in der Theorie dürfen wir es uns natür­lich nicht machen. Uns fällt nichts in den Schoß, und keine Mann­schaft ver­schenkt Punkte. Vor allem die anste­henden Spiele gegen Köln, Fürth, Jena und 1860 Mün­chen ent­scheiden, wohin der Weg geht. Fakt ist, wenn wir unsere Leis­tung abrufen, stehen wir bis zur Win­ter­pause weiter oben.

Wenige Mann­schaften gehen ohne Rück­schläge durch eine Saison. Was muss in diesen Zeiten getan werden, in erster Linie von den Füh­rungs­spie­lern, um ohne blei­bende Narben aus einem Loch her­aus­zu­kommen?

Fuß­ball ist eine Ach­ter­bahn­fahrt, wenn du gewinnst ist alles him­mel­blau, bei Nie­der­lagen raben­schwarz. Irgend­wann werden wieder Nie­der­lagen kommen, ohne Zweifel. Es ist wichtig, die Ruhe zu bewahren, und sich auf seine Stärken zu besinnen. Im Trai­ning müssen diese Spieler voran gehen, die Jungs mit­ziehen. Andere können sich an denen hoch­ziehen.

Wo liegen die Stärken der neuen Borussia?

Wir besitzen eine richtig gute indi­vi­du­elle Klasse, die sich sogar in die Breite zieht. Die haben nicht viele in der zweiten Liga. In dieser großen Leis­tungs­dichte stehen Jungs hinten dran, die nicht schlechter sind.
Wir haben auch die rich­tigen Cha­rak­tere in der Mann­schaft, die sich gegen­seitig unter­stützen und den Respekt unter­ein­ander för­dern. Wir funk­tio­nieren als Mann­schaft schon so gut, dass ich mir für die Zukunft keine Sorgen mache.

Ihr Ziel ist es sicher­lich mal länger als ledig­lich ein Jahr Bun­des­liga zu spielen?

Wir wollen wieder in die Bun­des­liga, und danach natür­lich mit Glad­bach so lange wie mög­lich in der Bun­des­liga bleiben. Ewig werde ich ja auch nicht mehr Fuß­ball spielen können. In der ersten Liga beendet man seine Kar­riere natür­lich viel lieber.

Sie haben es bei zwei Ver­einen selbst erlebt, in wel­cher Schnelle die Sei­fen­blase eines erfüllten Bun­des­li­gatraums wieder zer­platzen kann. Gerade bei Tra­di­ti­ons­ver­einen bricht oft leicht Euphorie aus.

Man steigt auf und nach drei Siegen schielen einige in Rich­tung UEFA-Cup. Eine Art von Euphorie, der die Mann­schaft am Ende noch nicht gewachsen sein kann. Anspruch und Wirk­lich­keit klaffen zu weit aus­ein­ander, irgend­wann ver­liert man Nerven und Ruhe. Das geht ganz schnell nach hinten los. Sofern der Auf­stieg gelingt, darf man sich im ersten Jahr nur auf den Klas­sen­er­halt kon­zen­trieren.

Die 2.Liga ist für Sie alles andere als eine Unbe­kannte. In wel­chem Ausmaß hat sich die Liga im Ver­gleich vor noch acht Jahren ver­än­dert?

Sie hat ohne Zweifel an Attrak­ti­vität gewonnen, für die Zuschauer und genauso für die Spieler. Vor allem tech­nisch ist die 2.Liga viel stärker. Das Niveau steigt kon­ti­nu­ier­lich, viele Tra­di­ti­ons­ver­eine tum­meln sich hier, und dank der Zuschauer boomt sie gerade diese Saison regel­recht wie nie zuvor. Das ist nicht mehr mit der Situa­tion vor acht, neun Jahren zu ver­glei­chen.

Das Leis­tungs­ge­fälle ist nied­riger?

Hier kann jeder jeden schlagen. Von vorn­herein gibt es keine Garan­tien, die Leis­tungs­dichte ist eng. Natür­lich fallen irgend­wann Mann­schaften beim Punk­te­sam­meln nach oben und unten ab, was der Unbe­re­chen­bar­keit der 2.Liga aber keinen Abbruch tut.

In der letzten Saison gerieten Sie in einen emo­tio­nalen Disput mit Oliver Kahn, der nach dem Spiel ver­gessen war. Kahn ist im Begriff, seine Kar­riere zu beenden. Sterben die Typen der Bun­des­liga langsam aber sicher aus?

(lacht) Diese Emo­tionen gehören ein­fach zum Spiel dazu und sind nach Abpfiff ver­gessen. Aber, nein, die Typen sterben nicht aus. Da rücken wieder neue nach. Wobei Oliver Kahn natür­lich ein außer­ge­wöhn­li­cher Typ und Welt­klasse-Spieler ist, der von seinen Emo­tionen und der Psyche lebt. Der im Laufe seiner Kar­riere viele außer­ge­wöhn­liche Aktionen hatte, die natür­lich zuweilen grenz­wertig waren, der aber ein­fach den unbän­digen Willen ver­kör­pert.

Was zeichnet diese beson­dere Spe­zies der Profis aus?

Wichtig ist, dass du einer bist, der auf und neben dem Platz Zei­chen setzt, der den Mund auf­macht, der sich in schlechten Zeiten stellt, oder unan­ge­nehme Dinge anspricht.

Wollen Ver­eine aal­glatte Profis ohne Ecken und Kanten?

Im Gegen­teil. Uli Hoe­ness wird froh gewesen sein, Spieler wie Kahn und Effen­berg in der Mann­schaft gehabt zu haben. Spieler, die zuweilen öffent­lich anecken, um den Druck von der Mann­schaft zu nehmen. Aal­glatt ist immer so ein pau­scha­li­sie­render Begriff, der in den wenigsten Fällen zutrifft. Viel­leicht zeigen sich einige vor der Kamera ruhig und besonnen, aber dahinter haben wir alle unsere Ecken und Kanten. In der Kabine können Spieler laut werden, von denen es die Öffent­lich­keit nie erwarten würde. Das dringt nicht nach außen, was auch gut so ist.

Wird dabei von den Medien zu viel dra­ma­ti­siert?

Das steht ja außer Frage. Jedoch, nehmen wir Stefan Effen­berg. Er hat sich mit seiner Art und Per­sön­lich­keit auch viel Ärger ein­ge­han­delt, war aber am Ende erfolg­reich wie nur Wenige.

Mit der Saison 2008/09 findet die Rele­ga­tion Ihre Reak­ti­vie­rung. Was hat das Ihrer Mei­nung nach für Aus­wir­kungen?

Das sind beson­dere Spiele, wo es teil­weise um Exis­tenzen geht. Der Druck für die Spieler ist sehr hoch. Als Dritter der 2.Liga würde ich mich natür­lich über die Regel ärgern, als Dritt­letzter der Bun­des­liga bekomme ich eine zweite Chance. Für den neu­tralen Fan bedeutet das Hoch­span­nung und zwei geile Spiele, in denen es um alles geht.

Ein Bei­spiel: Der SSV Ulm wird Dritter der 2.Liga, und muss gegen den Bun­des­liga-16. Borussia Dort­mund antreten. Die retten sich in letzter Sekunde nach einer grot­ten­schlechten Saison und Ulm steht mit leeren Händen da. Wird von oberster Stelle nicht im Auge von Pla­nungs­si­cher­heit und Mil­lionen nur ein wei­terer Keil zwi­schen Klein und Groß getrieben?


Sicher­lich kann man es so sehen, dass das unge­recht ist. Aber die 2.Liga-Dritten sind ja nicht von vorn­herein chan­cenlos. Wer in einer starken zweiten Liga Dritter wird, und einen Lauf hat, kann sich genauso durch­setzen. Gerade wenn der Bun­des­li­gist ein Seu­chen­jahr hat. Aber wie schon gesagt, wenn meine Mann­schaft Dritter wäre, würde es mich auch ankotzen, in die Rele­ga­tion zu gehen.

Der SSV Ulm. Ein sehr beson­derer Abschnitt Ihrer Kar­riere.

Ich bin damals als B‑Jugendlicher vom SC Tett­nang am Bodensee nach Ulm gewech­selt. In unserer Region war dort die ein­zige Mög­lich­keit, den Traum vom Fuß­ball-Profi zu ver­wirk­li­chen. Für einen jungen Spieler wie mich war es unbe­schreib­lich, in der Regio­nal­liga sofort Stamm­spieler zu werden, und aktiv am Durch­marsch betei­ligt gewesen zu sein. Ralf Rang­nick war ein beson­derer Trainer, der aus einer Mann­schaft voller Ober­liga- und Regio­nal­liga-Akteure eine Pro­fi­mann­schaft formte. Er hat mich auf den rich­tigen Weg gebracht.

Ver­folgen Sie noch die Wege der Spatzen?

Wenn man fast zehn Jahre in Ulm gespielt hat, ver­liert man so einen Verein nie aus den Augen. Oliver Unsöld (Ehe­ma­liger SSV-Abwehr­spieler, die Red.) wohnt noch in Ulm und hält mich auf dem Lau­fenden. Der rich­tige Kon­takt zum Verein ist natür­lich nicht mehr so eng, da aus meiner dama­ligen Mann­schaft keiner mehr da ist.

Sie haben doch mit Miguel Couli­baly, dem Schützen des ent­schei­denden Tor zum Bun­des­liga-Auf­stieg, zusam­men­ge­spielt.

Der Miguel ist wieder da? Das ist ja toll. Wir waren Nach­barn, haben früher ja fast zusammen gewohnt.

Beim mitt­ler­weile legen­dären Spiel 1999 in Ros­tock waren Sie am Ende einer der letzten Ulmer Mohi­kaner auf dem Spiel­feld. Wie beur­teilen Sie die gegen­wär­tigen Leis­tungen der Unpar­tei­ischen im deut­schen Profi-Fuß­ball?

Die Schieds­richter machen gerade in Deutsch­land einen richtig guten Job. Ent­schei­dungen, die falsch getroffen werden, und man sich auch an den Kopf fasst, wird es immer geben. Das ist mensch­lich und in gewisser Weise auch das Schöne am Fuß­ball. Wor­über sollen wir denn sonst in den nächsten Tagen dis­ku­tieren? Sehr gut ist, dass Schiris in der Bun­des­liga immer mehr ver­su­chen, mit den Spie­lern zu spre­chen, in Ruhe Ein­fluss zu nehmen, anstatt aggressiv mit Karten um sich zu werfen. Dieses Fin­ger­spit­zen­ge­fühl ist eine schöne Ent­wick­lung.

Ist das Ver­hältnis zwi­schen Schieds­rich­tern und Spie­lern auf dem Platz von gegen­sei­tigem Respekt geprägt?

Natür­lich herrscht Respekt. Und natür­lich gibt es Schiris, mit denen man besser und schlechter klar­kommt. Oft regst du dich in Spielen, in denen es für die Mann­schaft oder dich per­sön­lich nicht läuft, ein­fach über Sachen auf, wo es eigent­lich gar nichts auf­zu­regen gibt. Die Schiris halten dann unge­recht­fer­tigt als Ventil her. Für sie ist es bei­spiels­weise ebenso ein Nach­teil, wenn du dich wild ges­ti­ku­lie­rend vor den Fans auf­baust und sie dadurch gegen den Schieds­richter auf­bringst. Das kann nie­mand gebrau­chen. Manchmal gerät man mal mit einem anein­ander. Auf Schieds­rich­tern und Spie­lern lastet ein hoher Druck, und beide Seiten wissen, um was es geht.

Die Schau­spie­lerei auf dem Spiel­feld hält wei­terhin Einzug. Wie ist ein gewisser Selbst­rei­ni­gungs­pro­zess zu beschleu­nigen?

Schau­spie­lerei gab es schon immer, ist keine neu­ar­tige Mode­er­schei­nung. Nichts­des­to­trotz ist das eine Unart. Es ist wichtig, dass die Schiris das direkt ahnden und bestrafen. Eine gute Maß­nahme ist zum Bei­spiel, dass der Kicker rigoros Note 6 bei Unsport­lich­keiten ver­gibt. Meiner Mei­nung nach zeichnet sich auch schon eine Bes­se­rung ab. Auch die Hilfe des Fern­se­hens, das seine Augen überall hat, lässt viele Schwalben sofort wieder auf­stehen. Die zeigen im Wissen der vielen wach­samen Kameras dann sogar direkt an, dass es gar nichts war.

Ehe­ma­lige Ulmer Volks­helden wie Dragan Trkulja, Janusz Gora und jetzt eben Miguel Couli­baly ver­bringen den Abend Ihrer Kar­riere an alter Wir­kungs­stätte. Auch Sascha Rösler?

Das ist natür­lich abhängig von der Zukunfts­pla­nung, und wo ich später meine Wur­zeln schlagen will. Meine Freundin und ich fühlen uns in Aachen sehr wohl. Ich kann mir auch gut vor­stellen, in Aachen zu bleiben. Gott sei Dank stehen noch ein paar Jähr­chen vor mir.
Wer weiß, wo mich der Fuß­ball später einmal noch hin­führen wird. Viel­leicht in eine ganz andere Ecke.

Würden Sie sich denn einen Topklub‑, viel­leicht sogar den Schritt ins Aus­land zutrauen?

Ich bin in Glad­bach sehr zufrieden und glück­lich. Wenn wir auf­steigen sollten, spiele ich bei einem vom Pres­tige und Namen her immer noch Top­klub, also warum woan­ders hin­gehen? Aber natür­lich, wenn mich ein ganz großer holen wollte, würde ich hin­laufen. Aber mit meinen 30 Jahren muss man Rea­list sein. Sicher­lich, wie bei so vielen anderen Profis auch, komme ich beim Gedanken an Eng­land ins Grü­beln. Wenn über­haupt ins Aus­land, dann reizt Eng­land. Aber man muss zwi­schen Traum und Rea­lität unter­scheiden können.