Herr Unsöld, Sie haben inner­halb von vier Jahren Auf- und Abstieg des SSV Ulm mit­ge­macht. Wel­ches Gefühl über­wiegt heute, wenn Sie daran zurück­denken?

Ganz klar der Auf­stieg. Ich bin ja gebür­tiger Ulmer und das war ein Erlebnis, das man in meiner Hei­mat­stadt bestimmt nicht so schnell wieder erleben wird. Die Euphorie in Ulm war schon fan­tas­tisch.

Wie haben Sie den Durch­marsch des SSV Ulm erlebt? War in der kurzen Zeit eigent­lich rea­li­sierbar, was da gerade pas­siert?

Im ersten Moment sagt man sich: Oh, jetzt bin ich Bun­des­liga-Profi.“ Eigent­lich waren wir Abstiegs­kan­didat Nummer eins in der Zweiten Liga, sind dann aber trotzdem auf­ge­stiegen, obwohl keiner damit gerechnet hatte. Mit ein biss­chen Abstand sieht man ein paar Sachen sicher anders und würde auch ein paar Sachen anders machen. Aber damals ging alles zu schnell.

Was hätte man denn anders machen müssen?

Tja, das ist eine gute Frage. Viel­leicht hätten wir nicht sagen dürfen: Jetzt sind wir Profis und in der ersten Liga, jetzt haben wir alles erreicht.“ Statt­dessen hätten wir noch mehr tun müssen, um die erste Liga auch zu halten. Ich glaube, wenn man zehn Spiel­tage vor Schluss dreißig Punkte hat und dann am 34. Spieltag fünf­und­dreißig, dann hat man schon irgend­etwas falsch gemacht. Viel­leicht haben wir uns zu früh zu sicher gefühlt und schon über andere Ziele gespro­chen, ohne das rea­lis­ti­sche Ziel im Auge zu behalten und alles dafür zu geben.

Welche Ziele wurden denn aus­ge­geben?


Der Knack­punkt war meiner Mei­nung nach das Spiel gegen den HSV. Wir hatten in Ham­burg 2:1 gewonnen und somit unsere dreißig Punkte sicher. Und dann kamen Inter­views zustande – ich weiß nicht mehr wer das war, ich jeden­falls nicht – in denen es hieß: Wenn es so wei­ter­läuft, dann können wir auf den UI-Cup schauen.“ Und da haben wir das wahre Ziel, näm­lich den Klas­sen­er­halt, aus den Augen ver­loren und haben nur nach oben geschaut. Das hätte so nie pas­sieren dürfen. Aber der Fuß­ball bestraft einen relativ schnell. Zuerst die 1:9‑Klatsche gegen Lever­kusen, dann haben wir unglück­lich in Unter­ha­ching ver­loren, in Mün­chen wieder eine 0:4‑Packung und dann kam Duis­burg nach Ulm und jeder hat gedacht: Wenn wir das Spiel gewinnen, dann sind wir unten weg“, aber wir haben wieder 0:3 ver­loren. Das sind so Klei­nig­keiten, von denen ich mir im Nach­hinein gewünscht hätte, dass sie anders ver­laufen wären. Gerade die Sache mit den Inter­views.

War es in diesem kon­kreten Fall ein Vor­teil für sie, dass Sie aus der Regio­nal­liga kamen und den Blick für das Wesent­liche nicht ver­loren haben?


Ich war immer eher der Typ, der sich auf das Wesent­liche kon­zen­triert hat. Ich war immer sehr rea­lis­tisch und habe mich an sol­chen Inter­views nie betei­ligt. Klar wollte ich auch noch länger in der Liga bleiben, aber mir war klar, dass es hart wird. Ich habe mich eher mit einem Lehr­ling ver­gli­chen, der zwar Kar­riere macht, aber nie so viel zu sagen hat, wie jemand, der ein­ge­kauft wird.

In jeder Ecke ein VIP-Zelt“ – Ulmer Euphorie nach dem Bun­des­liga-Auf­stieg »

Es gab wäh­rend der ganzen Bun­des­liga-Saison eine große Euphorie in der ganzen Stadt. Haben Sie das Gefühl irgend­welche Erwar­tungen nicht erfüllt zu haben?

Wenn man das Resultat sieht, dann haben wir die Erwar­tungen nicht erfüllt. Aber ich glaube, wir haben unser Gesicht immer gewahrt und auf dem Platz ehr­liche Arbeit geleistet. Wir haben immer das Maximum raus­ge­holt und bis zum letzten Schweiß­tropfen alles gegeben. Des­halb kann man uns eigent­lich nichts vor­werfen.

Können Sie beschreiben, was damals im Verein los war, als der Auf­stieg in die erste Liga fest­stand?

So viele Ände­rungen gab es gar nicht. Genauso wie in den Jahren zuvor sind wir ganz normal ins Trai­nings­lager gefahren. Was dann natür­lich hin­zukam, war der Ausbau des Sta­dions. Die Zusatz­tri­bünen wurden ange­baut und die Steh­plätze wurden erhöht, damit das Sta­dion ein grö­ßeres Fas­sungs­ver­mögen hat. In einer Ecke wurde eine Art Zelt auf­ge­baut, das als VIP-Raum diente. Alles nur Klei­nig­keiten.

Gab es den Glauben, dass sich der Verein lang­fristig in der Bun­des­liga eta­blieren könnte?

Wir waren alle so rea­lis­tisch, dass wir uns den Klas­sen­er­halt vor­ge­nommen haben. Ich würde den Verein von damals mit Mainz 05 von heute ver­glei­chen. Die haben es natür­lich geschafft, länger in der ersten Liga zu bleiben und spielen jetzt – nach dem Abstieg – wieder um den Auf­stieg mit. Das hätte ich uns auch zuge­traut. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga, aber nicht auf Dauer in der ersten Liga.

Sie waren einer der wenigen, der in zwei Jahren vom Regio­nal­li­ga­spieler zum Bun­des­li­ga­profi wurde. Haben Sie an ihre eigene Stärke geglaubt?

(lacht) Naja, es ging schon alles sehr schnell und ich hatte auf einmal viele Freunde, die ich vorher nicht hatte. Ich denke die Mann­schaft war bun­des­li­ga­taug­lich. Gewisse Spieler – und da zähle ich mich auch dazu – haben an ihrem Maximum gespielt. Aber man passt sich dem Niveau immer an, wie man so schön sagt. Wären wir nicht bun­des­li­ga­taug­lich gewesen, hätten wir sicher nicht zehn Spiel­tage vor Schluss dreißig Punkte gehabt. Aber: bei wahren Bun­des­li­ga­profis zeigt sich das dann auch über meh­rere Jahre. Und das haben wir eben nicht geschafft.

War es am Ende auch eine Frage der Erfah­rung?

Richtig. Wenn Sie sich unsere Mann­schaft anschauen, sehen Sie, dass da nicht viele vorher in der Bun­des­liga gespielt haben.

Haben Sie keine Angst gehabt, dass man ihnen irgend­wann erfah­rene Spieler vor­setzen würde?

Die Angst ist bestimmt manchmal da gewesen. Aber wenn ich vor so etwas immer Angst hätte, dann wäre ich kein Profi geworden. Wir hatten einen Trainer, der jedem ein­zelnen Spieler seine Stärken auf­ge­zeigt hat und mich auch in meinem Glauben bestärkt hat. Wären wir da zu ängst­lich gewesen, dann hätten wir es sicher auch nicht von der Regio­nal­liga in die Bun­des­liga geschafft. Es war schon ein gewisses Selbst­ver­trauen da. Ich war da recht positiv ein­ge­stimmt und habe mir gedacht: Die können holen, wen Sie wollen, ich werde mich auf jeden Fall wieder durch­setzen.“ Es kam ja auch so. Es wurden mit Vragel da Silva, Hans van der Haar, Leandro und so weiter erfah­rene Spieler geholt. Aber im End­ef­fekt konnte ich mich doch durch­setzen. Ich habe schließ­lich 33 von 34 Spielen gemacht.

Gab es auch viele Leute, die auf die Eupho­rie­bremse traten oder gar pes­si­mis­tisch waren?

Auf die Eupho­rie­bremse hat eigent­lich nie­mand getreten. Aber meine Frau oder die Familie hat mich schon wieder auf den Boden zurück­ge­holt. Die hat mir klar gemacht, dass das auch ganz schnell wieder vorbei sein kann. Gerade weil ich Ulmer bin, musste ich da ein biss­chen auf­passen. Die Leute sagen schnell, dass man arro­gant geworden sei. Aber ich glaube ich kann von mir sagen, dass ich nie groß abge­hoben bin oder den starken Mann raus­hängen lassen habe.

Aggres­si­vität war ein pro­bates Mittel“ – Oliver Unsöld über vier Rote Karten und gesunde Härte im Fuß­ball »

Es gab ein Spiel in Ros­tock, bei dem vier Ulmer vom Platz gestellt wurden. War Kampf und Härte das Mittel, mit dem Sie in der Liga über­leben wollten?

So schlimm war das alles gar nicht. Da war eine Not­bremse dabei, das war aber kein böses Foul. Dann hat Hans van der Haar Gelb-Rot gekriegt. Der ist zweimal hart ein­ge­stiegen, aber wenn man die Fouls im Ver­gleich sieht, kann man nicht sagen, dass wir eine über­harte Mann­schaft waren.

Kann man vier rote Karten auch wieder mit man­gelnder Erfah­rung erklären?

Beim Hans van der Haar war es so, dass er nach einigen Wochen das erste mal wieder gespielt hat. Der war wahr­schein­lich beson­ders moti­viert, hat zwei dumme Fouls gemacht und ist gleich runter geflogen. Herr Fandel (Schieds­richter bei besagtem Spiel, d. Red.) ist ein her­vor­ra­gender Kla­vier­spieler und ich denke, er hätte in dem Spiel ein biss­chen mehr Fin­ger­spit­zen­ge­fühl beweisen können. Dann wären nicht vier Leute runter geflogen.

Stimmen Sie denn zu, dass Kampf und gesunde Härte die ein­zigen Mittel sind, die kleine Ver­eine heut­zu­tage haben?

Klar hatten wir nicht so tech­nisch ver­sierte Spieler in der Mann­schaft wie Bayern Mün­chen oder Werder Bremen. Aber es kommt vor allem darauf an, dass man im Kol­lektiv stark ist. Ich zähle zur Kampf­kraft auch, wenn die Abwehr­kette eng zusammen steht, wenn man Druck auf den Ball ausübt, aber es ist nicht mit über­trie­bener Härte gleich­zu­setzen. Da waren wir relativ stark, sonst wären wir auch nicht in die erste Liga auf­ge­stiegen. Und ja, für eine Mann­schaft wie unsere dama­lige war Aggres­si­vität ein pro­bates Mittel.

Der SSV Ulm hatte schon in der letzten Regio­nal­liga-Saison (1997÷98) finan­zi­elle Pro­bleme. Nach dem Abstieg aus der zweiten Liga hat der Verein keine Lizenz mehr bekommen und musste in die Ver­bands­liga. Was ist schief gelaufen?

Da muss ich ganz vor­sichtig sein, mit dem was ich sage. Ich denke schon, dass Fehler gemacht worden sind. Aber als Spieler hat man da leider zu wenig Ein­sicht. Man muss nur mal schauen, wie viel Fern­seh­gelder in den Jahren ein­ge­nommen wurden. Dann hatten wir 17 Spiele ein aus­ver­kauftes Sta­dion und wir waren mit Sicher­heit eine der bil­ligsten Mann­schaften sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Liga. Und dann ist plötz­lich kein Geld mehr vor­handen. Da frag ich mich schon, wohin das ganze Geld geflossen ist.

Die Fuß­ball­ab­tei­lung wurde sogar vom Verein gelöst.

Richtig. Es war aller­dings eine Pro­fi­sport­ab­tei­lung. Bas­ket­ball und Vol­ley­ball waren auch dabei.

Finden Sie, dass das Fuß­ball­ge­schäft zu sehr von Geld und Finanzen geprägt ist?

Das ist eine schwie­rige Frage. Aber ich gebe Ihnen schon Recht. Es gibt mitt­ler­weile keine Fuß­ball­ver­eine mehr, son­dern nur noch Wirt­schafts­un­ter­nehmen. Sport allein ist nicht mehr aus­schlag­ge­bend. Der Verein muss, um lang­fristig Erfolg zu haben, richtig gut struk­tu­riert sein.

Was wissen Sie über den Spon­so­ring-Ver­trag mit der Kino­welt GmbH?

Ja, das kam auch noch dazu. Der kam ja nicht zu Stande und es gab großen juris­ti­schen Ärger. Da ist sicher viel Geld ver­loren gegangen. Viel­mehr kann ich Ihnen aber zu der wirt­schaft­li­chen Situa­tion nicht sagen, weil ich ein­fach nicht den Ein­blick hatte, wie es wün­schens­wert gewesen wäre. Es ist jeden­falls traurig, dass es so weit gekommen ist.

Die hatten nur den Gedanken, Geld zu ver­dienen“ – Der SSV Ulm im freien Fall in die Regio­nal­liga »

Die Zweit­li­ga­saison ver­lief auch sport­lich nicht nach den Vor­stel­lungen. Woran hat’s gelegen?

Die Mann­schaft ist aus­ein­ander gefallen nach dem Abstieg. Philipp Laux, unser Kapitän, ist gegangen, da Silva und Leandro sind gegangen, Sascha Rösler war weg, Dragan Trkulja hat auf einmal nicht mehr die Form der Vor­saison gehabt und van der Haar hatte psy­chi­sche Pro­bleme. Neue Spieler kamen und viel­leicht wurde zu sehr nach Namen ein­ge­kauft, statt auch Wert auf den Cha­rakter zu legen. Vorher waren wir eine funk­tio­nie­rende Mann­schaft. Wenn der Trainer gesagt hat, das ist rot, es war aber grün, dann haben wir trotzdem gesagt: Ok der Trainer hat Recht, es ist rot.“ Wir haben damals alle an einem Strang gezogen. Es wurden dann aber Spieler gekauft, die den Verein nicht so ins Herz geschlossen hatten, wie die Spieler zuvor. Die hatten nur den Gedanken, Geld zu ver­dienen.

Nach dem Abstieg haben Sie auf Wie­der­auf­stieg gesetzt?

Ob Sie es glauben oder nicht, ich war einer der ganz wenigen, der in Ulm auf der Geschäfts­stelle stand und gesagt hat: Wir müssen auf­passen, dass wir nicht auch aus der Zweiten Liga absteigen.“ Jeder hat nur vom Wie­der­auf­stieg gespro­chen, ich habe vor zu viel Opti­mismus gewarnt. Und leider habe ich auch Recht bekommen.

Was hat Ihnen das Gefühl gegeben, dass es auch in der zweiten Liga schwer werden könnte?

Ich kann nicht genau sagen, woher das kam. Wir kamen ja jetzt nicht mehr von unten nach oben, wir waren jetzt schon wer. Es gab im Umfeld die Ein­stel­lung, dass alles von allein liefe, dass wir eine gute Mann­schaft und uns gut ver­stärkt hätten. Aber dass man dafür wieder genauso hart arbeiten muss, war in Ver­ges­sen­heit geraten. Auch der Trainer Martin Ander­matt hat sofort von Wie­der­auf­stieg gespro­chen. Und wenn man das immer wieder hört, dann glaubt man auch daran, ver­gisst dar­über hinaus aber die täg­liche Arbeit.

Es wurden auch zwei Trainer ent­lassen.

Das ist ein­fach so. Wenn man einmal in so einem Nega­tiv­strudel drin ist, dann ist es unheim­lich schwer, da wieder raus zu kommen. Wir hatten ja mit dem Inte­rims­trainer Assion (vorher Co-Trainer, d. Red.) eigent­lich wieder Erfolg, aber der war auch gleich­zeitig Mar­ke­ting­leiter und die Ver­eins­füh­rung wollte ihn ein­fach nicht länger als Trainer. Dann wurde Her­mann Ger­land geholt, der ein ganz anderer Trai­nertyp ist und auch keinen Erfolg brachte, dann kam wieder Peter Assion. Aber da war es schon zu spät. Es war ein ziem­li­ches Chaos.

Mitt­ler­weile sind Sie selber Trainer beim Ver­bands­li­gisten Olympia Laub­heim. Bereiten Sie sich auf Ihre Zukunft vor?

(lacht) Ich mache das jetzt erst ein paar Wochen als Chef­trainer. Vorher war ich nur Co-Trainer, dann habe ich noch mal wieder gespielt und seit der Win­ter­pause bin ich Trainer. Mir macht es auf jeden Fall Spaß, aber ob das jetzt meine neue Kar­riere wird, das weiß ich nicht. Aber dem Fuß­ball werde ich sicher immer ver­bunden bleiben.

Ver­folgen Sie denn noch den Weg des SSV Ulm?

Ja, klar. Ich habe mit fünf Jahren dort ange­fangen Fuß­ball zu spielen, habe dort meine schönste Zeit erlebt und die kann ich nicht ein­fach weg­ra­dieren. Ulm wird immer in meinem Herzen bleiben. Und ich hoffe, der Verein wird irgend­wann wieder nach oben kommen, denn der Verein gehört in die zweite Liga.