Über ein ganzes Leben als Manchester-City-Fan

»Es gibt Anmut und Menschlichkeit«

Cyril Mintz ist das, was man sich unter einem englischen Gentleman vorstellt. Er fragt höflich, ob sein Gegenüber zu Ende gesprochen habe, bevor er eine Geschichte erzählt. Damen lässt er immer den Vortritt, er entschuldigt sich für jedes noch so kurze Räuspern.

Er arbeitete als Lehrer in einer Grundschule, in einem Bezirk von Manchester, der als »Slum« bezeichnet wird. Als er beauftragt wurde, einen Fußballspieler zu suchen, der zu den Kindern sprechen sollte, entschied er sich gegen George Best und Francis Lee. Statt der beiden Legenden mit dem etwas unsteten Lebenswandel fragte er Alan Oakes an. »Ein Spieler, der während seiner gesamten Karriere nur ein einziges Mal die Gelbe Karte sah und nie vom Platz geschickt wurde. Das ist wirklich ehrenhaft«, sagt Mintz und blickt gedankenverloren auf den Rasen des neuen City-Stadions.

In dem Sitz des Trainers, direkt am Spielfeldrand, kommt er nur knapp mit den Füßen auf den Boden. Cyril Mintz ist klein, zieht das Bein etwas nach, doch mit seinen 85 Jahren hat er immer noch ein enzyklopädisches Gedächtnis. Jede Anekdote belegt er mit Jahreszahlen, zu jedem Spiel fallen ihm direkt Ergebnis und Torschützen ein. Allein die Erwähnung einzelner Namen hellt sein Gesicht auf, er macht dann Kunstpausen und betont jede Silbe. So auch bei Bert Trautmann, dem deutschen Torwart, der in englischer Kriegsgefangenschaft war und zur Legende von City wurde.

Was dachten die Fans, als mit Bert Trautmann kurz nach dem Krieg ein Deutscher im City-Tor stand?
Sie waren natürlich sehr, sehr skeptisch. »Es darf doch nicht sein, dass ein Deutscher in unserem Tor steht«, haben sie gesagt. Ich selbst hatte sehr viele Gespräche mit meinen Freunden darüber, ich habe ihn verteidigt. Und wenig später hat Trautmann so gehalten, dass man ihn einfach nur lieben musste. Seine Reflexe waren einmalig. Ich sage eins: Bert Trautmann war der großartigste Torwart, den ich gesehen habe – nicht nur von City, nicht nur in England, sondern in der Geschichte des Fußballs.

Wie kam es, dass Sie Trautmann von Anfang an verteidigt haben?
Es gibt Anmut und Menschlichkeit – auch bei den Deutschen und selbst während der Kriegsjahre. Diese Erfahrung habe ich persönlich gemacht. Mein Bruder war drei Jahre älter als ich, er wurde zur Infanterie einberufen und kämpfte in Italien. Eines Tages bekamen wir einen Brief zugesandt, in dem stand, dass mein Bruder vermisst werde, was zu dieser Zeit meistens nichts anderes hieß als: Er ist tot. Meinem Vater hat das sehr zugesetzt, er ist nächtelang ziellos durch die Straßen gelaufen, bis ihn ein Polizist stoppte. Knapp zwei Monate später erfuhr ich in einem weiteren Brief, dass mein Bruder noch lebte. Er befand sich in einem Lazarett, weil er angeschossen worden war. Es war ein deutscher Soldat gewesen, der meinen Bruder auf dem Rücken zu einem Arzt getragen hatte. Der Deutsche hat ihn gerettet.

Auch Martin Allweis schwärmt von Trautmann, er und Cyril besuchten 1964 das Abschiedsspiel des legendären Keepers. Die beiden lernten sich 1970 kennen, als sie sich für die Labour Party engagierten. Heute fahren sie gemeinsam zu den Spielen von Manchester City. Allweis ist 64 Jahre alt, arbeitet als Anwalt, ein in sich ruhender Mann, der bedächtig spricht.

Er liest aus einem alten Programmheft vor: »Trautmann zeigte wieder jene Paraden, die ihn zu einem der herausragenden Torhüter in Großbritannien werden ließen und wegen derer ihm selbst der Gegner applaudierte.« Allweis hat ganze Regale voller solcher Programmhefte. Sein größter Schatz ist jenes vom Spiel gegen Swindon 1965, dem Spiel mit der geringsten Zuschauerzahl in der Geschichte von City: 8015. »Und ich war dabei«, sagt er stolz.

Als Martin 1952 sein erstes Spiel von City sah, wurde United zum ersten Mal Meister. Auch in der Folgezeit dominierte der Rivale die Liga. United, von Matt Busby trainiert, beeindruckte mit jungen und dynamischen Spielern, die als die »Busby babes« firmierten. Im Februar 1958 starben acht Spieler und drei Offizielle von United bei einem Flugzeugabsturz in München.

Wie haben Sie die Tragödie von München mitbekommen?
Martin: Ich hörte es im Radio. Eine schlimme Geschichte. Ich glaube, und das sage ich, ohne böse klingen zu wollen, dass United durch die Tragödie von München zu einer Art Mythos geworden ist. Sie wären in den nächsten Jahren vielleicht erfolgreich gewesen, doch nie zu so einer internationalen Institution geworden. Nach München wurden sie in ganz Europa unterstützt.
Cyril: Ich war wie versteinert. Ich habe geweint. Es war entsetzlich. United hat mit der offensiven Spielweise zu dieser Zeit selbst Menschen begeistert, die sich nicht für Fußball interessiert haben.

Stimmt es, dass manche Anhänger von City bei Spielen gegen United immer noch »Munich, Munich« rufen?
Martin: Es gibt eine geringe Anzahl, auch wenn jeder, der so etwas ruft, einer zu viel ist. Man nennt diese Leute »the Munichs«. Es sind überwiegend auch junge Leute, die gar nicht wissen, was sie da singen.
Cyril: Ich frage mich manchmal, wie Leute überhaupt so denken können. Ich erzähle Ihnen mal von meiner mutigsten Aktion im Stadion. Ich bin mit jeder Faser meines Seins gegen Rassismus. Bei einem Auswärtsspiel Ende der siebziger Jahre bei West Bromwich Albion beleidigte ein echter Schrank von einem Mann hinter mir Albions Flügelspieler Laurie Cunningham. Mein Blut kochte. Da bin ich aufgestanden und habe gesagt: »Machst du das auch, wenn er für City spielt? Sei still!« Cunningham wurde später der erste dunkelhäutige Spieler der englischen Nationalmannschaft. Ich kann nicht verstehen, wie manche Leute derart viel Hass und Aggressionen in den Fußball bringen.

In den achtziger Jahren bestimmten Hooligans das Bild des englischen Fußballs. Gerieten Sie auch einmal in eine Prügelei?
Cyril:Nein, in all den Jahren mit City ist mir nichts Schlimmes passiert. Einmal bei einem Auswärtsspiel wurde ich von rennenden Fans zur Seite geschubst, weil sie vor der Polizei flüchteten. Das war alles.
Martin: Ich erinnere mich an ein Spiel in den neunziger Jahren. City spielte bei Millwall – ein Verein, der eine der schlimmsten Hooligangruppen des Landes hatte. Zu diesem Spiel wurden keine Auswärtsfans zugelassen, und auch keine Offiziellen fuhren hin. Doch da ich zu dieser Zeit beruflich in London weilte, ging ich ins Stadion – natürlich ohne Schal. Ich habe in meinem Leben einige Flüche gehört, doch noch nie in so einer obszönen und ekligen Sprache wie in Millwall. Sie haben alle Schimpfwörter unter der Sonne gerufen – und das waren nur die Frauen.
Cyril: Meiner Meinung nach wurde das Gewaltproblem durch die Einführung der All Seater (Stadien nur mit Sitzplätzen, die Red.) eingedämmt.

Nach der Stadionkatastrophe von Hillsborough, bei der 96 Menschen starben, sorgte der Taylor-Report für die Abschaffung von Stehplätzen.
Martin: Da gab es anfangs natürlich einen enormen Aufschrei. Es ist viel aufregender, ein Spiel im Stehen zu verfolgen. Doch wenn man sich die Situation heute in den Stadien anschaut, dann gibt es immer noch Stehplätze. Bei Auswärtsspielen stehen die Gästefans ausnahmslos, und auch bei Heimspielen erheben sich die Fans viel häufiger. Früher war das nur bei Elfmetern der Fall, heute schon wenn der Ball in die Nähe des Strafraums kommt.
Cyril: Wenn alle aufstehen, stehe ich auch auf. Aber dann kann ich immer noch nichts sehen.
Martin: Das Problem ist, dass durch die Sitzplätze die Eintrittskartenpreise ständig erhöht werden. Es gibt keine günstigen Karten, so wie es früher in der Stehkurve war. Bei City ist es noch human, wir zahlen für unsere Jahreskarte 300 Pfund, bei Chelsea beispielsweise muss man über 1000 Pfund ausgeben.
Cyril: Mit der Konsequenz, dass sich der normale Arbeiter keine Karten mehr leisten kann und dessen Kinder auch nicht zum Fußball gehen. Da wird einer ganzen Generation von Arbeiterkindern der Zutritt verwehrt.