Über die Neuausrichtung in Palermo

Zu den Dilettanti

Im Mai 2019 kaufte Arkus Network, ein italienisches Unternehmen aus der Tourismusbranche, den inzwischen mit fast 50 Millionen Euro verschuldeten Verein. Doch während die Spieler mit guten Chancen noch um den Aufstieg in die Serie A kämpften, wurde das Schicksal des Vereins am Grünen Tisch besiegelt. Der italienische Fußballverband warf der US Palermo diverse Vergehen vor, darunter Bilanzfälschung über mehrere Spielzeiten. Der Zwangsabstieg in die Serie C drohte, doch es sollte noch schlimmer kommen. Weil Arkus Network aus bis heute nicht geklärten Gründen eine Bürgschaft nicht vorlegen konnte, verschärfte der Fußballverband die Strafe noch und schickt Palermo in die viertklassige Serie D, zu den Dilettanti, den Amateuren.

Dadurch gab es zudem die US Palermo nicht mehr, und es kam der Moment, in dem sich Bürgermeister Orlando der Sache annahm. Es ist eine Besonderheit des italienischen Fußballs, dass der Verband sich an die Bürgermeister der Städte wendet, die einen Verein verloren haben. Sie können die Lizenz dann an einen neuen Klub vergeben. Orlando tat das auf ungewöhnliche Weise, nämlich in Form einer öffentlichen Ausschreibung. Er erhielt mehrere Angebote, unter anderem von finanzstarken Investoren aus Asien und der Schweiz, entschied sich aber für das Projekt jenes Unternehmers aus Palermo, den die Fans bereits kannten, weil er im Februar die 2,8 Millionen Euro zugeschossen hatte, um letztlich erfolglos die Pleite abzuwenden: Dario Mirri. Während Orlando per Livestream verkündete, wer die Besitzer des neuen Vereins waren, standen auf der Piazza Pretoria unten am Rathaus die Ultras von Palermo, zündeten Bengalos und feierten, als hätte Orlando soeben verkündet, dass ein Wunder geschehen sei und Palermo doch an den Playoffs für die Serie A teilnehmen könne.

Ein 2,8 Millionen schwerer Rettungsversuch

Drei Monate nach der Entscheidung des Bürgermeisters kommt Dario Mirri, 50 Jahre alt, kurze, grau-schwarz melierte Haare, sportlicher Typ, auf seiner Vespa angefahren, lächelt breit und setzt sich in den Büroraum des Stadions, oder besser gesagt, in das, was davon übriggeblieben ist: ein Tisch und ein schiefes Regal. Im Treppenhaus prangt an den Türen das alte Logo mit dem Adler und dem vergoldeten Schriftzug »US Citta di Palermo«. Die 2,8 Millionen Euro hat Mirri höchstwahrscheinlich verloren, durch seinen Rettungsversuch aber auch etwas Wichtiges erlangt: das Vertrauen der Fans. »Sie wissen, dass ich mich persönlich verantwortlich fühle«, sagt er. »Weil ich früher im Stadion saß und dachte, dass der Verein mir gehört, will ich jetzt, dass das alle fühlen. Denn so ist es doch auch.« Schließlich sei das Stadio Renzo Barbera nicht zufällig nach demjenigen benannt, der früher schon mal ein ähnliches Gefühl geweckt hat: Renzo Barbera, Mirris Großonkel.

Barbera, genannt »Il Presidentissimo« war von 1970 bis 1980 Präsident Palermos, galt als großer Sportsmann, weil er Spielern der gegnerischen Mannschaft nach dem Spiel schon gratulierte, als man noch nicht von hunderten Kameras beobachtet wurde. Mit ihm, dem Bruder seiner Oma, ging Mirri als Kind ins Stadion. Barbera brachte Palermo damals Moral bei. Und was will Mirri mit dem Klub erreichen? Er lehnt sich zurück, faltet seine Hände und sagt feierlich: »Eine kulturelle Revolution.« Überall auf der Welt entgleite der Fußball den Fans gerade, deshalb werde er sie in seinen Verein einbinden, so sehr es geht. Und welcher Moment ist besser dafür geeignet, als der, wenn man ganz unten ist und ganz neu anfangen muss?