Mehdi Bal­a­missa, Gabriel Martin, von Paris nach Doha sind es 6370 Kilo­meter Luft­linie. Wie kommt man darauf, diese Strecke mit dem Fahrrad zu fahren?
Gabriel Martin: Die Idee ist uns gekommen, als wir im ver­gan­genen Jahr bei der Nations-League-End­runde in Ita­lien die fran­zö­si­sche Natio­nal­mann­schaft begleitet haben. Frank­reich hat damals im Halb­fi­nale in Turin gespielt und ein paar Tage später im Finale in Mai­land. Die Strecke von Turin nach Mai­land sind wir mit dem Fahrrad gefahren. Ein tolles Erlebnis, das aller­dings viel zu schnell vorbei war. Also habe ich zu Mehdi gesagt: Lass uns doch nächstes Jahr mit dem Fahrrad zur WM fahren, das wäre ein ver­rücktes Aben­teuer!“ Eigent­lich habe ich das nicht ganz ernst gemeint, aber die Idee ist uns nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und Ende August haben wir uns dann tat­säch­lich auf den Weg gemacht.

Seitdem ver­lief die Route unter anderem über den Balkan, Istanbul, Zypern, Israel und Jor­da­nien. Musstet ihr unter­wegs auch mal auf andere Ver­kehrs­mittel zurück­greifen?
Martin: Den Groß­teil der fast 7000 Kilo­meter haben wir mit dem Fahrrad zurück­ge­legt. Nur zweimal blieb uns nichts anderes übrig, als eine Fähre zu nehmen bzw. zu fliegen: Auf dem Weg von Istanbul nach Zypern und weiter nach Israel. Dort war eigent­lich der Plan, durch Paläs­tina zu fahren. Aber leider hat das die Sicher­heits­lage nicht zuge­lassen.
Mehdi Bal­a­missa: In Istanbul haben wir einen halben Tag lang mit der Polizei ver­han­delt, um mit dem Fahrrad die Bos­porus-Brücke über­queren zu dürfen. Nor­ma­ler­weise ist das nur Autos gestattet, aber wir waren wohl so hart­nä­ckig, dass wir am Ende sogar eskor­tiert wurden. (Lacht.)

Im Moment fahrt ihr durch Saudi-Ara­bien. Gab es im Vor­feld eurer Reise Sicher­heits­be­denken oder Visa-Pro­bleme?
Bal­a­missa: Ursprüng­lich wollten wir über den Iran fahren, aber leider hat Gabriel dort kein Visum bekommen. Also mussten wir die Route etwas anpassen. Bei der Ein­reise nach Israel wurde ich ziem­lich lange befragt. Ähn­lich war das beim Grenz­über­gang zwi­schen Jor­da­nien und Saudi-Ara­bien, was wohl daran lag, dass wir dort die ersten Tou­risten in diesem Jahr waren. Nach einer gefühlten Ewig­keit durften wir die Grenze zwar end­lich pas­sieren, aber dum­mer­weise ist kurz darauf mein linkes Pedal kaputt gegangen. Mitten in der Wüste im Norden Saudi-Ara­biens gibt es natür­lich keine Fahr­rad­werk­statt, also sind wir mit dem Bus 1200 Kilo­meter in die Haupt­stadt Riad gefahren – und am nächsten Tag wieder zurück, um die Etappe an der selben Stelle fort­zu­setzen.
Martin: Wenn es klei­nere Pro­bleme gibt, kommen uns häufig Ein­hei­mi­sche zur Hilfe. Leider ist der Nahe Osten eine Region, über die im Westen sehr negativ berichtet wird. Nach dem Motto: Da gibt es nur Scheichs und Wüste. Aber die Gast­freund­schaft, die wir etwa in Saudi-Ara­bien erfahren, hat uns sehr beein­druckt. Oft halten Auto­fahrer an, um uns mit Wasser und Essen zu ver­sorgen, oder weil sie uns zu sich nach Hause ein­laden wollen, um bei ihnen zu über­nachten.
Bal­a­missa:
Sogar Poli­zisten erkun­digen sich regel­mäßig, ob alles in Ord­nung ist oder ob sie etwas für uns tun können. Wäh­rend der ersten Etappen im Land wurden wir fast durch­ge­hend begleitet, weil sie sich Sorgen gemacht haben, dass uns auf den Schnell­straßen etwas pas­siert.
Martin: Zumin­dest war das die offi­zi­elle Erklä­rung. Viel­leicht hat man uns auch für Spione gehalten und wollte des­halb mal genauer hin­schauen. (Lacht.)

Ein Vor­run­denaus nach drei Monaten auf den Rad wäre schwer zu akzep­tieren“

Ist es für Tou­risten erlaubt, mit ein­hei­mi­schen Frauen in Kon­takt zu treten?
Martin: In länd­li­chen Gebieten und Klein­städten ist das sehr schwierig. Aber Metro­polen wie Riad oder Dschidda am Roten Meer haben sich in den letzten Jahren ein wenig libe­ra­li­siert.

Am Sonntag geht die WM los. Wann wollt in Katar ankommen?
Bal­a­missa: Wenn alles nach Plan ver­läuft, wollen wir am Don­nerstag in Doha ankommen. Vor dem Final­sta­dion Lusail wird uns dann der fran­zö­si­sche Bot­schafter in Katar in Emp­fang nehmen. Dazu hat die Bot­schaft Rad­fahrer aus Frank­reich und Katar ein­ge­laden, die uns auf der letzten Etappe begleiten werden. Das wird wie bei der Tour de France auf den Champs-Ély­sées… nur ohne Cham­pa­gner.
Martin: Von Anfang an hat uns sowohl die Bot­schaft als auch der fran­zö­si­sche Fuß­ball­ver­band in unserem Vor­haben unter­stützt. Die FFF hat uns als kleine Beloh­nung sogar Frei­karten für die Spiele von Les Bleus ver­spro­chen.

Men­schen­rechts­ver­let­zungen, kata­stro­phale Bedin­gungen für Arbeits­mi­granten, Kor­rup­tion: An Katar gibt es viel Kritik.
Martin: Natür­lich ist uns bewusst, dass das keine WM wie jede andere ist. Ob das Tur­nier im Land für nach­hal­tige Ver­än­de­rungen sorgen kann, muss man abwarten. Viel­leicht können wir aber mit unserer Anreise den einen oder anderen davon über­zeugen, in Zukunft nach­haltig zu reisen.

Und was ist bei der WM sport­lich mög­lich? Ent­geht Frank­reich dem Fluch des Titel­ver­tei­di­gers?
Bal­a­missa:
Vor vier Jahren waren wir in Moskau beim End­spiel live dabei. Das war eine unver­gess­liche Erfah­rung, und natür­lich hoffe ich, so etwas wieder zu erleben. Zumin­dest bis ins Halb­fi­nale sollte die Reise schon gehen. Ein Vor­run­denaus nach drei Monaten auf den Fahrrad wäre hin­gegen schwer zu akzep­tieren.