Über den Versuch, Vereinsliebe zu vererben

Es geht um mehr als Fußball

Sarahs Vater war nicht nur Spieler, sondern auch selbst Fan eines Vereins. Als Kind hatte er seine Mutter mal gebeten, ihm ein Trikot des Dortmunder Nationalspielers Siggi Held zu besorgen. So etwas gab es in den sechziger Jahren in München natürlich nicht zu kaufen, und daher stand die unschlüssige Mutter vor der Wahl zwischen einem Löwen-Leibchen und einem Bayern- Hemd.

Das Blau-Weiß von 1860 gefiel ihr besser, und so kam es, dass Sarahs Vater seine Tochter eines Tages nicht nur zu seinen eigenen Spielen mitnahm, sondern auch an die Grünwalder Straße, zu den Sechzigern. »Ich war fünf, als ich da mein erstes Spiel sah. Wir gingen erst sporadisch hin und dann immer öfter. Schließlich besorgten wir uns Dauerkarten, das war schon im Olympiastadion. So kam es, dass wir zwei immer zum Fußball fuhren.«

Es geht um mehr als Fußball

Zwölf Jahre lang gingen die beiden zusammen ins Stadion, später auch zum Eishockey, und wurden dabei nicht selten für ein Paar gehalten - was Sarahs Vater schmeichelte, ihr aber eher missfiel. »Ich gehe mädchenuntypisch nicht wegen irgendwelcher Spieler zum Fußball raus, sondern weil ich tatsächlich das Spiel interessant finde«, sagt Sarah. »Und das kommt definitiv daher, dass mein Papa gesagt hat: ›Mir ist das wurscht, ob es ein Sohn oder eine Tochter ist, ich nehm die jetzt einfach mal mit.‹ Ich bin dann auch zu Auswärtsspielen gefahren. Das aber ohne meinen Vater, da hatte ich schon Jungs kennengelernt, die auch Sechzig-Fans waren.«

Etwa zur Zeit, als die Löwen in die Allianz Arena zogen, musste Sarahs Vater sich, nicht zuletzt auf sanften Druck seiner Frau, zwischen Fußball und Eishockey entscheiden. Da es um 1860 gerade mal wieder eher trostlos stand, wählte er Letzteres. Und auch dorthin folgte ihm seine Tochter einige Jahre später, denn sie geht inzwischen nicht mehr so häufig ins Fußballstadion, hat aber eine Eishockey-Dauerkarte. 

Von Umwegen in Sackgassen

Es geht nicht nur um Fußball, nicht nur um einen Verein, nicht nur um den Stadionbesuch - sondern um den Aufbau und die Pflege einer persönlichen Beziehung zwischen zwei Menschen. Bei Hornby ist das sogar des Pudels Kern, denn seine Eltern leben getrennt, und sein erster Stadionbesuch ist so etwas wie der letzte, verzweifelte Versuch des Vaters, eine Ebene zu finden, auf der er mit dem ihm inzwischen fast fremden Sohn kommunizieren kann.

Solche verzwickten Geschichten sind nicht selten, im Gegenteil: Im Zeitalter der Patchworkfamilie findet die Fußball-Sozialisation immer öfter auf Umwegen statt. Und manchmal landet sie dabei in Sackgassen. »Mein erster Stadionbesuch war 1992 oder 1993 in Gera, mit meinem Vater zusammen «, sagt Christian Janson aus Leipzig. Er ist Fan eines Vereins, den es nicht mehr gibt. »Aber daran habe ich nur bruchstückhafte Erinnerungen. Eigentlich fing es an, als ich einige Jahre später begann, mich richtig für Fußball zu interessieren. Ich mochte Dortmund, weil die da gerade zweimal Meister geworden waren. Als mein Vater das merkte, dachte er, er könnte mich mal wieder mit zum Fußball nehmen.«