Johannes Thie­mann, wäh­rend der Vor­be­rei­tung auf die Bas­ket­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft waren sie mit dem deut­schen Natio­nal­team auch für ein Spiel in Stock­holm – und haben nebenbei einem Heim­spiel von Hamm­arby IF einen Besuch abge­stattet. Wie war es denn?
Das hat sehr viel Spaß gemacht. Hamm­arby hat in der Con­fe­rence-League-Qua­li­fi­ka­tion gegen FK Cuka­ricki aus Ser­bien gespielt. Im Sta­dion herrschte eine super Stim­mung und in der ersten Halb­zeit sind auch direkt zwei Tore gefallen. Es war ein Spiel, das man sich gut angu­cken konnte. Das Sta­dion ist ja auch relativ groß und bis auf den Gäs­te­block war alles voll. Für mich war es dazu der erste Sta­di­on­be­such seit langem. Früher war ich recht häufig bei Hertha, als Pascal Köpke dort noch gespielt hat, den kenne ich ganz gut. Die Eltern meiner Frau sind gut mit seinen Eltern befreundet.

Sie kommen selbst aus Franken. Club-Fan?
Als Fan würde ich mich nicht mehr bezeichnen, weil ich das alles in den letzten Jahren nur noch wenig ver­folgen konnte. Ich könnte zur­zeit auch kaum einen Spieler aus dem Kader nennen. Also, bis auf Pascal. Aber wenn ich mich für einen Verein ent­scheiden müsste, wäre es immer der Club.

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Johannes Thie­mann (Kör­per­größe: 2,05 Meter) ist deut­scher Bas­ket­ball-Natio­nal­spieler bei ALBA Berlin und gewann mit dem Klub dreimal die deut­sche Meis­ter­schaft und zweimal den Pokal­wett­be­werb.

Sie haben in Ihrer Jugend lange beim TSV Neun­kir­chen gekickt. Wie kamen Sie zum Fuß­ball?
Tat­säch­lich beginnen meine Erin­ne­rungen ab dem Moment, in dem ich schon auf dem Platz stand. Weil ich von kleinauf immer schon Fuß­ball gespielt habe. Rück­bli­ckend würde ich sagen, dass ich auch ein ganz brauch­barer Jugend­spieler war. Ich habe im Mit­tel­feld gespielt, hatte immer gerne den Ball am Fuß und hatte meine Stärken im Dribb­ling und im Kre­ieren von Tor­chancen. In Neun­kir­chen habe ich alle Jugend­teams durch­laufen und habe es sogar bis in die Regio­nal­aus­wahl geschafft. Dort habe ich ein, zwei Runden mit­ge­nommen, bis ich plötz­lich ein Pro­blem hatte.

Wel­ches denn?
Ich wurde zu groß! Als ich mit 13 oder 14 Jahren zur SpVgg Erlangen wech­selte, legten die Trainer mir nahe, vom Mit­tel­feld in die Innen­ver­tei­di­gung zu wech­seln. Da hatte ich aber nicht so wirk­lich Lust drauf, dafür hatte ich ein­fach zu gerne den Ball am Fuß. Hinten drin stehen, Bälle abgrät­schen und ein­fach nur mög­lichst sicher nach vorne spielen, das war nicht mein Ding. Ich war schon eher der Typ Über­steiger (lacht). So habe ich nach und nach die Lust daran ver­loren – und bin schluss­end­lich zum Bas­ket­ball gewech­selt.

Haben Sie ein per­sön­li­ches Lieb­lings­spiel aus dieser Zeit im Kopf?
Ich erin­nere mich an eine Partie, in der ich wie immer als Feld­spieler ange­fangen habe. In der ersten Halb­zeit habe ich acht Tore geschossen, da hat alles funk­tio­niert. In der Halb­zeit­pause habe ich dann ange­boten, dass ich ins Tor gehe – und wir haben die Partie noch ver­loren (lacht). Das war so wild. Und das ein­zige Mal, dass ich mich im Tor ver­sucht habe.

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Ener­gizer: Beim EM-Auf­takt­sieg gegen Frank­reich steu­erte Thie­mann starke 14 Punkte und sechs Rebounds bei.

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Haben Sie aus Ihrer Zeit als Jugend­fuß­baller etwas für Ihre Pro­fi­lauf­bahn im Bas­ket­ball mit­nehmen können?
Oh ja, auf jeden Fall! Mir wird von vielen Men­schen eine gute Fuß­ar­beit nach­ge­sagt. Spe­ziell beim Spiel unter dem Korb, wenn ich mich gegen die großen Spieler der Gegner durch­setzen muss. Da habe ich in Sachen Koor­di­na­tion auf jeden Fall vom Fuß­ball pro­fi­tiert. Und gene­rell die Fähig­keit, sich mit einem Ball bewegen zu können. Natür­lich macht es einen Unter­schied, ob man den Ball mit dem Fuß oder mit der Hand spielt, aber ich glaube schon, dass für beides das Gefühl für den eigenen Körper wichtig ist. Nehmen wir alleine sowas wie den Über­steiger. So etwas zu üben, ist für die Koor­di­na­tion sehr hilf­reich.

Im Fuß­ball beklagen sich Ver­eine gerne und oft über die Belas­tung von eng­li­schen Wochen. Mit ALBA Berlin erleben Sie die ganze Saison über nichts anderes. Sie spielen neben der Bas­ket­ball­bun­des­liga auch in der Euro­league, in der eben­falls 18 Teams in Hin- und Rück­spiel gegen­ein­ander antreten. Ins­ge­samt standen für Sie so wäh­rend der letzten Jahre oft mehr als 80 Spiele pro Saison an. Inwie­fern unter­scheiden sich die Belas­tungen der beiden Sport­arten?
Ich glaube schon, das die Belas­tung in unserem Fall eine höhere ist. Wir spielen mehr, wir reisen mehr. Und: Wir spielen in einer Halle. Das ist für die Gelenke auf Dauer nicht ohne. Ich glaube, dass der Ver­schleiß im Bas­ket­ball höher ist. Bei einem Bun­des­li­ga­team, das nicht euro­pä­isch spielt, ist es sicher­lich noch in Ord­nung. Aber der Mix aus natio­naler Liga und Euro­league ist in unserem Fall wirk­lich heftig. Und da merkt man dann auch, dass es an den Körper geht. Aber klar ist natür­lich, dass jede Sportart einen gewissen Ver­schleiß mit sich bringt. Fuß­baller haben gefühlt mehr mit Mus­kel­ver­let­zungen und Zer­rungen zu kämpfen.

Heute Abend treffen Sie bei der Bas­ket­ball-EM auf die Slo­wenen mit ihrem Super­star Luka Doncic von den Dallas Mave­ricks. Sie haben bereits mehr­fach mit der Natio­nal­mann­schaft gegen Ihn gespielt und ihn Mann-zu-Mann ver­tei­digt. Wenn Doncic ein Fuß­baller wäre, wel­cher Typ Kicker wäre er?
Von seiner spie­le­ri­schen Anlage her wäre er auf jeden Fall im zen­tral­of­fen­siven Mit­tel­feld zuhause. Ein Bäl­le­ver­teiler, der aber auch mal aus der zweiten Reihe knipsen kann. Wobei er von seinem Kör­perbau her natür­lich gar nicht so gut dorthin passen würde. Er ist schon sehr kräftig und auch nicht gerade der Schnellste. Aber dafür ist seine Technik natür­lich über­ra­gend. Die würde es wett­ma­chen.

Wie ist das denn, gegen so einen Spieler mit über­ra­genden indi­vi­du­ellen Fähig­keiten zu ver­tei­digen?
Grund­sätz­lich gibt es nichts coo­leres, als gegen die besten Spieler der Welt anzu­treten. Und zu denen gehört er mit Sicher­heit. Es ist wirk­lich fas­zi­nie­rend, gegen ihn zu spielen. Weil er es manchmal so leicht aus­sehen lässt und immer Punkte erzielen kann. So einen Spieler kann man nicht kom­plett aus der Partie nehmen, irgend­einen ver­rückten Wurf trifft der immer. Aber umso mehr Spaß macht es, wenn man sein Bestes gibt und ihm das Leben schwer macht. Und im Ide­al­fall auch sieht, dass ihm nicht alles gelingt. Wenn man dann, wie wir zuletzt in der WM-Qua­li­fi­ka­tion Ende August, das Spiel gegen ihn gewinnt, ist es natür­lich super.

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Johannes Thie­mann im Duell mit Slo­we­niens Super­star Luka Doncic.

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Sie haben mit ALBA Berlin in den letzten Jahren immer wieder eine Sache geschafft, auf die 17 Fuß­ball­bun­des­li­gisten sehr nei­disch sein dürfen: Den FC Bayern Bas­ket­ball in wich­tigen Spielen geschlagen und so dessen totale Vor­herr­schaft ver­hin­dert. Wel­chen Stel­len­wert nimmt der Klub im Bas­ket­ball im Ver­gleich zum Fuß­ball ein?
Es ist schon ähn­lich wie im Fuß­ball. Die Bayern sind das Team, das das meiste Geld in der Liga zur Ver­fü­gung hat, das dadurch natür­lich auch viele hoch­ka­rä­tige Spieler unter Ver­trag hat. Und seit Jahren eben auch immer um die Meis­ter­schaft spielt. Wir bei ALBA sind jedes Jahr der Underdog. Aber wir haben es die letzten Jahre geschafft, eine Phi­lo­so­phie zu ent­wi­ckeln. Wir spielen gerne Team­bas­ket­ball, geben vielen Spie­lern die Chance, sich zu prä­sen­tieren und schenken uns gegen­seitig viel Ver­trauen und bekommen es auch vom Verein. Das unter­scheidet uns meiner Mei­nung nach von den Münch­nern. Aber auch, wenn wir jetzt drei Mal hin­ter­ein­ander die Meis­ter­schaft gewonnen haben, wissen wir: es hätte auch ganz anders laufen können. Bis 2020 haben wir gegen Mün­chen eigent­lich immer im Finale ver­loren. Von daher ist es schön zu sehen, dass sich das Blatt etwas gewendet hat.

Was können Zuschauer, die wenig mit Bas­ket­ball zu tun haben, von Ihrem Team bei der EM erwarten?
Wir sind wirk­lich eine Mann­schaft. Wir kämpfen und spielen mit sehr viel Energie, wir ver­tei­digen sehr hart. Das hat beim Auf­takt­sieg gegen Frank­reich und auch am Sonntag gegen Litauen bei­spiels­weise sehr gut geklappt. Und natür­lich, und das dürfte auch viele Leute anlo­cken, sorgen wir im Spiel mit Sicher­heit auch für das ein oder andere High­light.

Und: Sie spielen eine Heim-EM. Die Vor­runde bestreiten sie in Köln, ab dem Ach­tel­fi­nale würden Sie dann in Berlin antreten.

Und ist ein Traum! Es ist ein sehr gutes Gefühl, so eine Euro­pa­meis­ter­schaft vor den eigenen Fans spielen zu dürfen. Das erlebt man nicht alle Tage und wir alle im Team wissen das extrem zu schätzen. Allein dafür hat es sich damals gelohnt, dass ich mich gegen die Innen­ver­tei­di­gung und für den Bas­ket­ball ent­schieden habe (lacht).