Seite 3: 20.000 Menschen begleiteten den Sarg

Er war ein leiser Mensch und schüch­tern bei aller Exzen­trik. Nie äußerte er sich zur Politik, jene Welt war ihm zu laut. Erschro­cken nahm er zur Kenntnis, dass ein Angebot des Lokal­ri­valen Juventus fast zu einem Volks­auf­stand geführt hätte. Gianni Agnelli, der Fiat-Patron, Lebe­mann und legen­däre Avvo­cato, bot für den Spieler Meroni 700 Mil­lionen Lire. Und die Toro-Tifosi unter den Fiat-Arbei­tern drohten mit Sabo­tage. Sie ließen Flug­blätter dru­cken, sie ritzten angeb­lich sogar Schrammen in die Fiat-Autos, wenn die an ihre Fließ­band­sta­tionen kamen. Am Ende musste der Avvo­cato auf Meroni ver­zichten. Und Gigi blieb zu Hause, beim Toro.

Als Meroni starb

Bis zum 15. Oktober 1967. Ein Heim­spiel gegen Sam­pdoria Genua, der Schmet­ter­ling tanzte wie immer, sein argen­ti­ni­scher Freund Nestor Combin machte drei Tore, der Toro gewann 4:2. Am Abend wurde gefeiert, bis sich Meroni und sein Mann­schafts­ka­merad Fabrizio Poletti ver­ab­schie­deten: Sie wollten heim, als Nach­barn am zen­tralen Corso Re Umberto. Beide standen auf der Mitte der viel­be­fah­renen Straße, als sie von einem Auto erfasst wurden, Poletti ver­letzte sich nur am Bein, Meroni wurde über­fahren. Wenig später starb er im Kran­ken­haus, die Stadt erfuhr es am nächsten Morgen. Turin stand unter Schock – der Schmet­ter­ling hatte für immer seine Flügel geschlossen. Mit 24 Jahren. Mehr als 20 000 Men­schen beglei­teten den Sarg durch die Straßen der Stadt, es war eine herz­zer­rei­ßende, bewe­gende Trau­er­feier, fast ein zweites Superga.

Der Fahrer des Unfall­wa­gens war 19 Jahre alt. Ein Super-Tifoso des Toro, ein glü­hender Ver­ehrer von Gigi Meroni. Er klei­dete sich wie sein Idol, er ließ sich die Haare wachsen wie der Schmet­ter­ling, manchmal wurde Attilio Romero sogar mit Meroni ver­wech­selt und gab dann in dessen Namen Auto­gramme. Im Jahr 2000, 33 Jahre nach dem Unfall auf dem Corso Re Umberto, wurde Attilio Romero Prä­si­dent des Toro. Die Tifosi waren ent­setzt. Und noch empörter waren sie, als Romero, der Prä­si­dent, der die Toro-Legende Meroni getötet hatte, den Klub 2005 in die Pleite trieb. Als Bank­rot­teur wurde er vor Gericht gestellt und zu zwei­ein­halb Jahren Haft ver­ur­teilt. Die Strafe wurde aus­ge­setzt. Er hätte lebens­läng­lich ver­dient, weil er den Toro zwei Mal getötet hat“, urteilten die Fans. Offenbar konnten Romero und Torino Calcio ein­ander nicht ent­kommen: Kein anderer Klub Europas hat in seiner Geschichte so viel Schicksal.

Die Sehn­sucht nach dem Beatnik des Calcio

Inzwi­schen spielt der Toro nach vielen Jahren der Absti­nenz wieder im Euro­pa­pokal – die Turiner gelangten in die Europa League, weil der eigent­lich qua­li­fi­zierte FC Parma keine Lizenz dafür bekam. Für Gigi Meroni wurde auf dem Corso Re Umberto ein Denkmal errichtet. Der Staats­sender RAI zeigte 2013 einen Spiel­film mit dem Titel La far­falla gra­nata.“ Es war der pure Kitsch. Denn Ita­lien hat Sehn­sucht nach dem Beatnik des Calcio, aber das Land ist kon­for­mis­ti­scher denn je. Und sein Fuß­ball sei ster­bens­krank, klagt Andrea Agnelli. Der Neffe des Avvo­cato und Fiat-Erbe ist Prä­si­dent von Juve. Der Toro aber gehört Urbano Cairo, einem Medi­en­un­ter­nehmer auf Ber­lus­conis Spuren. Als Meroni starb, war Cairo zehn Jahre alt. Cairo sagt, es war das Ende seiner Kind­heit.

Schmet­ter­linge weiter ver­zwei­felt gesucht.