Schmet­ter­ling. So nannten sie ihn, weil er seine Gegen­spieler umflat­terte und umtän­zelte, weil er an ihnen vorbei schwebte. Unhaltbar, unfassbar, schwe­relos. Schmet­ter­ling, wegen der Leich­tig­keit, ja Luf­tig­keit seines Spiels, ein Falter im Gra­nat­apfel-roten Hemd mit der Nummer Sieben: La far­falla gra­nata. 103 Ein­sätze für Torino Calcio, sechs Auf­tritte für die Squadra Azzurra. Ein halbes Jahr­hun­dert ist ver­gangen und doch ist Luigi, alias Lui­gino, alias Gigi Meroni bis heute einer der popu­lärsten Fuß­baller Ita­liens. Was nicht an den 22 Toren liegt, die er von 1964 bis 1967 für Toro erzielte, erst recht nicht an den mageren zwei Tref­fern für die Natio­nal­mann­schaft. Der Schmet­ter­ling fliegt höher als jede Sta­tistik.

Keine ein­zige Tro­phäe holte Meroni in seiner über­schau­baren Kar­riere; eigent­lich ist er der schla­gende Beweis dafür, dass Siege im Fuß­ball nicht unbe­dingt der Stoff für Legenden sind. Unab­dingbar aller­dings ist eine Aus­nah­me­be­ga­bung, die unver­gess­liche Szenen schafft. Szenen, die Väter ihren Söhnen aus­malen, die geträumt werden und immer wieder nach­ge­spielt. Wie dieses Tor in San Siro gegen Inter, der Schmet­ter­lings­flug vorbei an einem stak­sigen Gia­c­into Fac­chetti, das leicht­fü­ßige Tän­deln zurück, die halbe Dre­hung, der Lupfer in die rechte Ecke: der Anfang vom Ende der Grande Inter“ des Catenaccio-Magiers Helenio Her­rera. Nach drei unbe­siegten Jahren musste Inter sich am 12. März 1967 dem Toro und seinem Gaukler Meroni beugen. Einem Spieler, der Elf­meter ver­ab­scheute, weil für mich nur schöne Tore zählen.“

Er trug große Son­nen­brillen und komi­sche Hüte

Der Schmet­ter­ling tän­zelte und drib­belte rechts außen, so wie er es als Kind gelernt hatte, in einem Innenhof von Wohn­zim­mer­größe und auf dem win­zigen Fuß­bal­la­cker seiner Kir­chen­ge­meinde. Er war klein, er war wendig, er war gewitzt, 170 Zen­ti­meter Energie, Fan­tasie und Ironie. Was Gigi Meroni aber zum Mythos machte, waren nicht nur seine Künste auf dem Platz. Er war der Beatnik des Calcio, der erste Pop­star des ita­lie­ni­schen Fuß­balls. Halb Dandy, halb roman­ti­scher Held, ver­stieß Meroni gegen alle Kon­ven­tionen. Er ließ sich die Haare wachsen und einen Bart, er trug große Son­nen­brillen und komi­sche Hüte. Er klei­dete sich vor­zugs­weise kariert und gestreift – wie ein eng­li­scher Exzen­triker, er führte ein Huhn an der Leine spa­zieren, denn einen Hund hat ja jeder“. Das Huhn hatte nur er, es bekam einen Ehren­platz in seinem Old­timer, einem sorg­fältig restau­rierten Fiat-Balilla aus dem Jahr 1936, dessen Innen­aus­stat­tung er per­sön­lich über­nommen hatte: Samt und Seide, auch ein Miet-Chauf­feur mit Käpp­chen gehörte dazu. Das alles war es aber noch nicht, was Gigi Meroni als Rebellen qua­li­fi­zierte. Zumal er, anders als die angeb­li­chen Revo­luzzer von heute, die Balo­tellis und Ibra­hi­mo­vics, auf dem Platz ein Muster an Dis­zi­plin war. In seiner gesamten Lauf­bahn wurde Gigi Meroni kein ein­ziges Mal vom Platz gestellt und kaum einmal ver­warnt.

Zum Außen­seiter machte ihn nur sein Pri­vat­leben. Dabei brauchte es wenig, um im Ita­lien der 1960er Jahre ein Revo­lu­tionär zu sein, es gab zum Bei­spiel wenig Wil­deres als eine wilde Ehe. Ohne Trau­schein lebte Meroni mit seiner großen Liebe Cris­tiana Uder­stedt, einem lang­bei­nigen, blonden Jahr­markts­ge­schöpf mit deut­schem Groß­vater, die bereits mit einem anderen Mann ver­hei­ratet war – einem Assis­tenten des großen Regis­seurs Vit­torio De Sica. In der Schieß­bude von Cris­tianas Familie hatte De Sica einen Film gedreht, Sophia Loren ver­kör­perte das Mäd­chen mit den Luft­ge­wehren, also Cris­tiana, die der Loren zeigte, wie man in der Bude han­tieren musste. Der Regie­as­sis­tent ver­liebte sich in die blonde Schieß­bu­den­frau. Ruck­zuck wurde Hoch­zeit gefeiert. Ver­geb­lich tauchte Meroni, der Ver­las­sene, in der Kirche auf, um seine Ange­be­tete in letzter Minute vom fatalen Ja-Wort abzu­halten. Die Trauung fand statt, doch schon wenige Wochen später bereute Cris­tiana es und brannte mit dem Fuß­baller durch.

Ein Riesen-Skandal in einem katho­li­schen Land, wo strenge Richter die Flucht aus der ehe­li­chen Woh­nung“ mit Gefängnis bestraften, übri­gens nur bei Frauen. In Ita­lien gab es bis zum Jahr 1970 keine Ehe­schei­dung, nur die Annul­lie­rung durch das päpst­liche Ehe­ge­richt Sacra Rota. Vier Jahre dau­erte der Pro­zess um Cris­tianas kurze Ehe, erst im Sommer 1967 gaben die Kir­chen­männer der Rota ihren Segen zur Auf­lö­sung. Vier Jahre voller Anfein­dungen, Häme und Benach­tei­li­gungen. Der ita­lie­ni­sche Fuß­ball war deut­lich spie­ßiger als der Rest der Gesell­schaft, mit seiner Vor­liebe für hohle Phrasen um Stolz, Ehre und Vater­land, seinen män­ner­bün­di­schen Kon­ven­tionen und dem unbe­dingten Gehorsam gegen­über auto­ri­tären Trai­nern. Am spie­ßigsten von allen aber war die Natio­nal­mann­schaft.

Gigi knickte ein, die Haare kamen ab

Dort wehrte sich der Com­mis­sario Tec­nico Edmondo Fabbri, Spitz­name Topo­lino“ (Micky Maus) nach Kräften gegen den talen­tierten, aber gefähr­li­chen“ Schmet­ter­ling, der die Squadra Azzurra mit seinem unmo­ra­li­schen Lebens­wandel zu kor­rum­pieren drohte. 1964. Meroni spielte damals noch bei CFC Genua, berief Fabbri ihn in die B‑Nationalmannschaft. Im Trai­nings­lager ange­kommen, wurde der Spieler vor die Ent­schei­dung gestellt: Haare ab oder du darfst nicht spielen. Meroni trug einen Pilz­kopf, wie ihn die Beatles modern gemacht hatten, ganz nach dem Vor­bild des von ihm ver­ehrten, fast auf den Tag gleich­alt­rigen George Har­rison. Von langen Haaren konnte also eigent­lich nicht die Rede sein, aber die übrigen Azzurri trugen einen zackigen Marines-Schnitt. Und Gigi knickte ein, die Haare kamen ab. Der Trainer wollte es so“, bekannte er klein­laut in einem Fern­seh­in­ter­view.

Als Meroni zwei Jahre später, mitt­ler­weile ein Star in der Liga, in die erste Mann­schaft geholt wurde, wie­der­holte Topo­lino“ seine For­de­rung. Doch diesmal blieb Meroni hart. Er wusste, dass Fabbri nicht an ihm vorbei kam. Und er wusste, dass es nicht um den Haar­schnitt ging. Die Frisur war nur ein Symbol für einen freien Lebens­stil, und dieses Symbol galt es zu ver­tei­digen. Ich spiele nicht mit den Haaren“, ver­kün­dete Meroni, es blieb also alles dran. Fabbri rächte sich, wie ita­lie­ni­sche Trainer sich zu rächen pflegen – er stellte den Trotz­kopf nur dann auf, wenn es gar nicht mehr anders ging. Und er rückte ihn ins Kreuz­feuer der Kritik. Jahre später sollte dem genialen Roberto Baggio ähn­li­ches wider­fahren, als er im Finale gegen Bra­si­lien 1994 einen ent­schei­denden Elf­meter hoch übers Tor in die Tri­büne zog. Baggio trug einen Nacken­zopf, er war Bud­dhist, er lebte und spielte wie er wollte. Für die Natio­nal­trainer Arrigo Sacchi und Gio­vanni Tra­pat­toni machte ihn das zum Pro­blem­fall. Die Leute aber ver­ehrten ihn als Raf­fael des Fuß­balls.“

Wer in wilder Ehe lebte, war unfähig, das Vater­land zu ver­tei­digen

Ita­liener lieben große Indi­vi­dua­listen, was sie aber nicht davon abhält, einem gna­den­losen Kon­for­mismus zu frönen. Im Fuß­ball wie im rich­tigen Leben. Als die Azzurri bei der WM 1966 in Eng­land sen­sa­tio­nell mit einer Nie­der­lage gegen die Lum­pen­ki­cker aus Nord­korea aus­schieden, wurde der ver­rückte Gigi Meroni von den Medien als Sün­den­bock aus­ge­macht. Dabei hatte er, wie so oft, das Spiel gegen die Koreaner nur von der Bank aus gesehen. Gerade weil es Topo­linos“ Natio­nal­mann­schaft an Fan­tasie und Spiel­freude man­gelte, schei­terte sie kläg­lich. Und für das Schei­tern wurde der Fan­ta­sie­vogel Meroni ver­ant­wort­lich gemacht. Wer in wilder Ehe lebte, war unfähig, das Vater­land zu ver­tei­digen.

Im Sommer 2014 stellte die große linke Tages­zei­tung La Repubblica“ dem Spieler Daniele De Rossi in einem Inter­view fol­gende Frage: Zum ersten Mal fährt die Natio­nal­mann­schaft mit zwei Spie­lern, die in Schei­dung leben und einem bereits Geschie­denen zur WM. Was bedeutet das?“ De Rossi, der Geschie­dene, ant­wor­tete: Das bedeutet, dass Gigi Buffon, Andrea Pirlo und ich ein schönes Trio bilden.“ In die Welt­meis­terelf von 1982, so sin­nierte der Welt­meister von 2006 weiter, wäre ein Geschie­dener wohl gar nicht erst berufen worden. Weil das als unan­ständig galt. Aber die Zeiten ändern sich.“ Wie sehr, das zeigt die Tat­sache, dass der frü­here Natio­nal­trainer Cesare Pran­delli in Kam­pa­gnen gegen die Gewalt an Frauen auf­trat und das Vor­wort zur Auto­bio­grafie eines Homo­se­xu­ellen-Akti­visten schrieb. Mit Pran­delli hatte die Squadra Azzurra plötz­lich eine gesell­schaft­liche Vor­rei­ter­rolle über­nommen, die Natio­nal­mann­schaft enga­gierte sich gegen die Mafia und gegen Ras­sismus. Wäh­rend der Rest Ita­liens nach 20 Jahren Ber­lus­co­nismus noch nicht ganz so weit war.

Die Arme von Daniele De Rossi sind voller Täto­wie­rungen. Vielen Profis kann die Haut nicht ver­ziert und die Frisur nicht ver­rückt genug sein, sie werden von ihren Spon­soren mit far­ben­frohen Stol­len­schuhen aus­ge­stattet und haben auch in der Frei­zeit einen Hang zu aus­ge­fal­lener Klei­dung. Meroni machte schon Schlag­zeilen, weil er seine Strümpfe stets auf­ge­rollt trug, das galt als Marotte, als mani­fes­tierter Eigen­sinn. Dabei fand er’s so nur bequemer.

Meroni, der Mode-Con­nais­seur

Mit Mode kannte Gigi Meroni sich aus, seine früh ver­wit­wete Mutter schnitt in Heim­ar­beit Stoffe für Kra­watten zu und als Gigi mit 15 die Schule ver­ließ, ver­diente er sein Geld mit dem Ent­wurf von Stoff­mus­tern. Skiz­zierer“ nannte man diesen Job, der Begriff Desi­gner“ war noch nicht erfunden. Como, wo Gigi Meroni als mitt­leres von drei Kin­dern am 24. Februar 1943 geboren wurde, war ein Zen­trum der ita­lie­ni­schen Tex­til­in­dus­trie. Der Rebell des Calcio wuchs in sehr kleinen Ver­hält­nissen auf, nicht in den bro­delnden Vor­städten einer Metro­pole, son­dern in einem beschau­li­chen Städt­chen inmitten einer sehr pro­peren Land­schaft mit stillen Seen und male­risch bewal­deten Bergen, ganz nah an der noch auf­ge­räum­teren Schweiz.

Die ersten Fuß­ball­trainer des kleinen Gigi waren Priester, sie ent­deckten sein Talent in der Kir­chen­mann­schaft Libertas San Bar­to­lomeo, und sie bestärkten ihn in seinem Wunsch nach einer Pro­fi­kar­riere. Mit 17 heu­erte Meroni beim Zweit­li­gisten Como Calcio an, zwei Jahre später kam er zum Erst­li­gisten Genua. Als er 21 war, bot Torino für ihn die damals schwin­del­erre­gende Summe von 300 Mil­lionen Lire. Und Meroni fand seine Heimat: den Toro, den tra­gischsten und exzen­trischsten Klub des ita­lie­ni­schen Fuß­balls.

Fünf­zehn Jahre waren ver­gangen, seit im Mai 1949 im Nebel über Turin ein Flug­zeug mit der legen­dären Mann­schaft des Grande Torino an der Basi­lika von Superga zer­schellt war. Kein Spieler über­lebte das Unglück, bei dem übri­gens ein gewisser Pier­luigi Meroni die tra­gi­sche Haupt­rolle spielte – als Pilot. Zum Zeit­punkt der Kata­strophe stellte der Toro einen Groß­teil der Natio­nal­mann­schaft, er stand kurz vor dem Gewinn seines fünften Meis­ter­ti­tels in Folge. Nach der Tra­gödie von Superga aber konnte der Klub nicht an die alten Erfolge anknüpfen.

Er malte in leuch­tenden Farben

Doch 1964 sollte es end­lich wieder auf­wärts gehen, mit dem Erfolgs­trainer Nereo Rocco – und mit dem auf­stre­benden Talent Gigi Meroni. Rocco, der gestrenge Paròn (Chef) war eigent­lich ein Anhänger des Catenaccio. Doch er bewun­derte Meronis Talent, er ließ den Schmet­ter­ling fliegen. Dass sein Lieb­lings­spieler mit einer ver­hei­ra­teten Frau in einer bohè­me­haften Alt­bau­woh­nung lebte und in seiner Frei­zeit als Künstler dilet­tierte, störte den Paròn wenig. Bei ihm stand Meroni immer pünkt­lich auf dem Platz, er rauchte nicht und trank grund­sätz­lich keinen Alkohol. Ita­liens Fuß­ball­beatnik ver­ab­scheute Drogen und liebte die Kunst. Er malte in leuch­tenden Farben – Blu­men­bilder, exo­ti­sche Szenen, ein Selbst­por­trät als Hidalgo“, spa­ni­scher Ritter.

Ganze Nächte ver­brachte er an der Staf­felei, aber alle Ein­la­dungen für eine Aus­stel­lung lehnte Meroni ab, die Leute kämen ja nur, um die Bilder des Fuß­bal­lers zu sehen“. Er aber wollte als Künstler wahr­ge­nommen werden, irgend­wann. Einst­weilen bekam die Welt seine selbst ent­wor­fenen Anzüge zu sehen, die er bei einem soliden Turiner Her­ren­schneider nähen ließ. Ich bin ja von Haus aus Zeichner“, pflegte Meroni zu sagen, aber Fuß­baller bin ich lieber.“

Er war ein leiser Mensch und schüch­tern bei aller Exzen­trik. Nie äußerte er sich zur Politik, jene Welt war ihm zu laut. Erschro­cken nahm er zur Kenntnis, dass ein Angebot des Lokal­ri­valen Juventus fast zu einem Volks­auf­stand geführt hätte. Gianni Agnelli, der Fiat-Patron, Lebe­mann und legen­däre Avvo­cato, bot für den Spieler Meroni 700 Mil­lionen Lire. Und die Toro-Tifosi unter den Fiat-Arbei­tern drohten mit Sabo­tage. Sie ließen Flug­blätter dru­cken, sie ritzten angeb­lich sogar Schrammen in die Fiat-Autos, wenn die an ihre Fließ­band­sta­tionen kamen. Am Ende musste der Avvo­cato auf Meroni ver­zichten. Und Gigi blieb zu Hause, beim Toro.

Als Meroni starb

Bis zum 15. Oktober 1967. Ein Heim­spiel gegen Sam­pdoria Genua, der Schmet­ter­ling tanzte wie immer, sein argen­ti­ni­scher Freund Nestor Combin machte drei Tore, der Toro gewann 4:2. Am Abend wurde gefeiert, bis sich Meroni und sein Mann­schafts­ka­merad Fabrizio Poletti ver­ab­schie­deten: Sie wollten heim, als Nach­barn am zen­tralen Corso Re Umberto. Beide standen auf der Mitte der viel­be­fah­renen Straße, als sie von einem Auto erfasst wurden, Poletti ver­letzte sich nur am Bein, Meroni wurde über­fahren. Wenig später starb er im Kran­ken­haus, die Stadt erfuhr es am nächsten Morgen. Turin stand unter Schock – der Schmet­ter­ling hatte für immer seine Flügel geschlossen. Mit 24 Jahren. Mehr als 20 000 Men­schen beglei­teten den Sarg durch die Straßen der Stadt, es war eine herz­zer­rei­ßende, bewe­gende Trau­er­feier, fast ein zweites Superga.

Der Fahrer des Unfall­wa­gens war 19 Jahre alt. Ein Super-Tifoso des Toro, ein glü­hender Ver­ehrer von Gigi Meroni. Er klei­dete sich wie sein Idol, er ließ sich die Haare wachsen wie der Schmet­ter­ling, manchmal wurde Attilio Romero sogar mit Meroni ver­wech­selt und gab dann in dessen Namen Auto­gramme. Im Jahr 2000, 33 Jahre nach dem Unfall auf dem Corso Re Umberto, wurde Attilio Romero Prä­si­dent des Toro. Die Tifosi waren ent­setzt. Und noch empörter waren sie, als Romero, der Prä­si­dent, der die Toro-Legende Meroni getötet hatte, den Klub 2005 in die Pleite trieb. Als Bank­rot­teur wurde er vor Gericht gestellt und zu zwei­ein­halb Jahren Haft ver­ur­teilt. Die Strafe wurde aus­ge­setzt. Er hätte lebens­läng­lich ver­dient, weil er den Toro zwei Mal getötet hat“, urteilten die Fans. Offenbar konnten Romero und Torino Calcio ein­ander nicht ent­kommen: Kein anderer Klub Europas hat in seiner Geschichte so viel Schicksal.

Die Sehn­sucht nach dem Beatnik des Calcio

Inzwi­schen spielt der Toro nach vielen Jahren der Absti­nenz wieder im Euro­pa­pokal – die Turiner gelangten in die Europa League, weil der eigent­lich qua­li­fi­zierte FC Parma keine Lizenz dafür bekam. Für Gigi Meroni wurde auf dem Corso Re Umberto ein Denkmal errichtet. Der Staats­sender RAI zeigte 2013 einen Spiel­film mit dem Titel La far­falla gra­nata.“ Es war der pure Kitsch. Denn Ita­lien hat Sehn­sucht nach dem Beatnik des Calcio, aber das Land ist kon­for­mis­ti­scher denn je. Und sein Fuß­ball sei ster­bens­krank, klagt Andrea Agnelli. Der Neffe des Avvo­cato und Fiat-Erbe ist Prä­si­dent von Juve. Der Toro aber gehört Urbano Cairo, einem Medi­en­un­ter­nehmer auf Ber­lus­conis Spuren. Als Meroni starb, war Cairo zehn Jahre alt. Cairo sagt, es war das Ende seiner Kind­heit.

Schmet­ter­linge weiter ver­zwei­felt gesucht.