Turbine-Potsdam-Trainer Matthias Rudolph im Interview

»Sie spielen richtig gutes Angriffspressing«

Welche taktischen Trends dominieren zurzeit den Frauenfußball?
Ich bin der Meinung, dass die richtig guten Frauen-Mannschaften mittlerweile Angriffspressing spielen. Das hat sich in den letzten Jahren klar durchgesetzt. Es gibt nur noch wenige Mannschaften im Spitzenbereich, die lange abwarten und gucken, ob sie den Gegner über 90 Minuten schlagen können. Sie greifen dagegen schnell und intensiv mit allen Spielerinnen an und spielen, gerade im hinteren Bereich, mit viel Risiko. In den letzten Jahren ist der Frauenbereich taktisch auch variabler geworden. Früher wurde erst relativ viel Dreier- und danach Viererkette gespielt. Mittlerweile ist daraus ein Mix geworden und manche Mannschaften sind auch in der Lage, während des Spiels ihre Taktik zu variieren.

Seit wann beobachten Sie diese Entwicklungen?
Seit den letzten drei, vier Jahren. Da hat sich die Flexibilität innerhalb der Mannschaften unheimlich entwickelt. Daran sieht man auch, dass sich im Frauenfußball nicht nur im athletischen Bereich zuletzt viel getan hat. Nochmal zum eben angesprochenen Angriffsspressing: Das spielen zu können, bedeutet ja auch, dass die einzelnen Spielerinnen athletisch top ausgebildet sein müssen – sonst könnten sie das gar nicht über die volle Distanz leisten. Dass dabei auch jede Spielerin ihre Laufwege kennt und weiß, was sie zu tun hat, zeigt, dass die Teams eben auch taktisch weiter sind. Das ist alles in den letzten Jahren passiert. Und: Diese Trends sieht man ja auch im Männerfußball.

Zum Beispiel beim FC Liverpool, der ein extrem intensives Pressing spielt.
Genau. Und gerade dieses aggressive Spiel nach vorne und in die Tiefe hat sich mittlerweile bei den Spitzenteams im Frauenfußball auch durchgesetzt.

Welche Rolle spielen dabei auch Verbesserungen im infrastrukturellen Bereich?
Die gibt es in vielen Bereichen. In Spanien tut sich etwas im Frauenfußball, in Italien und besonders viel in England. Aber eben auch in Frankreich und den Niederlanden. Wenn man allein die Anzahl dieser Länder nimmt, wird schnell deutlich, dass sich zurzeit mehr tut als in den zehn Jahren zuvor. Dass es immer mehr Länder gibt, die etwas für den Frauenfußball tun und vor allem auch in die Jugend und in Nachwuchsleistungszentren investieren, ist der Grundstein dafür, dass diese Entwicklung dann auch irgendwann in der Spitze ankommt. Da das Niveau so auch im Nachwuchs steigt, ist die Spitze des Frauenfußballs heute deutlich besser.