Dieter Kobel, Sie sind quasi der Erfinder des Phan­tom­tores in Deutsch­land. Wie oft klin­gelte Ihr Telefon seit Stefan Kieß­lings Treffer am ver­gan­genen Wochen­ende?
Es haben tat­säch­lich einige ehe­ma­lige Mit­spieler ange­rufen. Aber das war vor Kieß­lings Phan­tomtor auch schon so. Und das, obwohl mein Treffer schon 35 Jahre zurück­liegt. 
 
Erzählen Sie uns davon.
Es war in der Hin­runde der Saison 1978/79. Ich spielte mit Borussia Neun­kir­chen in der Zweiten Liga Süd und wir emp­fingen die Stutt­garter Kickers. Die Kickers spielten um den Auf­stieg mit, wir spielten gegen den Abstieg. Beim Stand von 3:3 schoss ich in der Schluss­phase aus etwa zwanzig Metern aufs Tor. Der Ball ging rechts am Pfosten vorbei und klatschte an die Hal­te­stange der Tor­netze, von wo aus er von hinten auf das Netz kul­lerte. Rolf Gers­ten­lauer, der Tor­wart der Kickers, ging hinter das Tor, um sich den Ball für den Abstoß zu holen. Aber der Schieds­richter ent­schied auf Tor.
 
Ein ast­reines Phan­tomtor.
Ja. Für die Kickers war das natür­lich bitter. Es war ohnehin ein inten­sives Spiel, das Debüt von Ferdi Keller, ein Ex-Natio­nal­spieler, den wir vom HSV los­ge­eist hatten. Er hatte die ersten drei Tore erzielt, die Kickers hielten aber beständig dagegen.
 
Wie kam es zu dieser Fehl­ent­schei­dung?
Schwer zu sagen. Es waren eine Menge Zuschauer da, für die es von der Tri­büne aus wohl so aussah, als sei der Ball drin gewesen. Des­wegen hat die ganze Kurve Tor“ geschrien. Viel­leicht war der Schiri des­wegen irri­tiert. Aber auch der Lini­en­richter dachte, dass der Ball drin gewesen sei. So wie ver­gan­gene Woche bei Kieß­lings Tor.
 
Haben Sie gesehen, ob der Ball drin war?
Ich wusste direkt, dass er vor­bei­ge­gangen war.
 
Aber der Schiri hat Sie nicht gefragt?
Nein, er hat mich nicht gefragt son­dern ein­fach auf Tor ent­schieden.
 
Wie ver­hielten sich die Kickers?
Die waren natür­lich stink­sauer und haben rekla­miert. Es kam zu tumult­ar­tigen Szenen, zwei Stutt­garter wurden nach dem Phan­tomtor noch des Feldes ver­wiesen, einer wegen Meckerns, einer wegen eines groben Fouls. Wir spielten weiter und brachten das 4:3 über die Zeit.
 
Aber die Strafe folgte.
Ja, nachdem die Kickers Pro­test ein­ge­legt hatten, wurde das Spiel wie­der­holt. Es war das erste Mal, dass ein Spiel im deut­schen Pro­fi­fuß­ball wegen einer Fehl­ent­schei­dung des Schieds­rich­ters wie­der­holt werden musste. Am 23. Dezember spielten wir also wieder gegen die Kickers – und ver­loren 0:1.
 
Am Sai­son­ende stand der Abstieg. War das Wie­der­ho­lungs­spiel ein Knacks im Sai­son­ver­lauf?
Viel­leicht, ja. Wir sind aber ohnehin als krasser Außen­seiter in die Zweit­li­ga­saison gegangen und am Ende hat es eben nicht gereicht. Das Spiel gegen die Kickers war übri­gens nicht das ein­zige, das wie­der­holt werden musste. Bei unserem 2:1‑Sieg gegen Saar­brü­cken wurde ein Spieler namens Unger von einem Hund gebissen, wes­halb der DFB auch dieses Spiel wie­der­holen ließ. Aller­dings gewannen wir gegen Saar­brü­cken auch im zweiten Anlauf.
Mit 35 Jahren Abstand: Wenn Sie der Schieds­richter damals gefragt hätte, ob der Ball drin war, was hätten Sie gesagt?
Das ist eine ganz schwie­rige Frage. Ich bin nicht in dieses mora­li­sche Dilemma gekommen, weil der Schiri mich erst gar nicht fragte. Das war mir damals ganz lieb. Unmit­telbar nach der Situa­tion kam Ferdi Keller zu mir und sagte, ich solle bloß ruhig sein und im Zwei­fels­falle behaupten, dass der Ball drin war. Aber es kam nie­mand. Ich denke, ich hätte zuge­geben, dass es kein Tor war, aber hun­dert­pro­zentig kann ich das nicht sagen.
 
Was sagen Sie zu Ste­phan Kieß­lings Phan­tomtor?
Das war eine blöde Geschichte. Bei mir lag der Ball ja neben dem Tor, bei Kieß­ling war er tat­säch­lich im Netz, nur ist er eben auf dem fal­schem Weg dort hin­ein­ge­kommen. Der Fair­ness halber müsste das Spiel eigent­lich wie­der­holt werden.
 
Und so von Phan­tom­tor­schütze zu Phan­tom­tor­schütze: Was sagen Sie zu Stefan Kieß­ling?
Naja, er hat schon ein biss­chen gemo­gelt. Man sieht ja, wie er sich zunächst ärgert. Aber ich will dem Jungen jetzt auch nicht weh tun. Schließ­lich lag der Ball dann im Netz und viel­leicht hat er gedacht, dass ihn sein erster Ein­druck getäuscht hat. Es ist auf jeden Fall eine schwie­rige Situa­tion für einen Spieler.
 
Ein wei­terer pro­mi­nenter Phan­tom­tor­schütze, Thomas Helmer, wird heute noch regel­mäßig danach gefragt. War ihr irre­gu­lärer Treffer noch lange ein Thema?
Nein, eher nicht. Wir stiegen ja ohnehin ab und nach der Saison ver­ließ ich die Borussia. In Neun­kir­chen selber werde ich heute noch ab und an auf das Phan­tomtor ange­spro­chen, aber natür­lich eher von älteren Leuten. Die Jün­geren wissen das gar nicht mehr. Im Wikipedia“-Eintritt zum Phan­tomtor“ stehe ich sogar unter den Namen Jürgen Kobel“, wie man sieht ist die Sache ein wenig in Ver­ges­sen­heit geraten.