2020 stand Thomas Tuchel nur einen Schritt vom Cham­pions-League-Pokal ent­fernt, damals auf zwei Krü­cken. Er nahm sie beide in die linke Hand, um den rechten Arm frei zu haben. Denn damit umarmte er Thiago Silva, den Kapitän von Paris St. Ger­main. Einen Moment ver­harrten die Männer in dieser Hal­tung. Dann legte Thiago seine rechte Hand trös­tend auf den Hin­ter­kopf des Trai­ners, und Tuchel ließ das Haupt sinken. Es wirkte, als wollte sich der schmale Deut­sche an der kräf­tigen Schulter seines bra­si­lia­ni­schen Abwehr­chefs aus­heulen.

Am Abend des Cham­pions-League-Finals zwi­schen dem FC Chelsea und Man­chester City spielte sich nahezu exakt die­selbe Szene wieder ab. Aller­dings musste sich Tuchel nun nicht auf Krü­cken stützen. Er brei­tete die Arme aus, und Thiago fiel mit einem strah­lenden Lächeln hinein. Dann standen sie wieder einige Sekunden still auf dem Rasen, und ganz sicher dachten beide daran, wie ver­rückt und unwahr­schein­lich es war, dass sie nicht einmal ein Jahr nach der Final­nie­der­lage gegen die Bayern wieder im End­spiel gewesen waren – diesmal mit anderem Aus­gang.

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Er schoss Deutsch­land zu Olympia-Silber, ist der beste Joker der Liga­ge­schichte und in Frei­burg längst eine Legende. Trotzdem plagen ihn Selbst­zweifel. Warum so unsi­cher?

Für deut­sche Fans, und ganz beson­ders für solche aus Dort­mund, bestand dieses Finale aus sol­chen Bil­dern. Natür­lich kann man das Spiel auch ganz anders erzählen, und viele Beob­achter tun das heute. Sie erzählen Man­chester Citys Nie­der­lage als ein wei­teres Bei­spiel dafür, wie sich Pep Guar­diola im ent­schei­denden Moment ver­zockte“, um das Wort zu ver­wenden, das in Deutsch­land am späten Samstag so oft fiel wie over-thin­king, also ver­kopft, in Eng­land.

Ja, wahr­schein­lich hatte Guar­diola einen großen Fehler gemacht, als er Rodri aus dem Team nahm. (Das war unge­fähr so, als hätte Jogi Löw das EM-End­spiel erreicht und dann Joshua Kim­mich auf die Bank gesetzt.) Aber er hatte sicher seine Gründe. Das Finale von Porto war schon das vierte Spiel in diesem Kalen­der­jahr zwi­schen City und Chelsea. Im ersten, Anfang Januar, war Man­chester hoch über­legen und gewann ohne Pro­bleme. Doch Mitte April siegte Chelsea im Pokal, und drei Woche später noch mal in der Pre­mier League. Man kann also ver­stehen, dass Guar­diola das Gefühl hatte, er müsse einen neuen Ansatz wählen. So gesehen blieb er sich treu. Das ist seine Art, und er wird sich nicht ändern.

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