Als um Punkt zwölf ein Bagger die erste Mauer ein­riss, waren einige Schau­lus­tige sicht­lich bewegt. Eine Hand­voll Fuß­ball-Nost­al­giker hatte sich auf dem Ham­burger Hei­li­gen­geist­feld ein­ge­funden, um von einer Insti­tu­tion des FC St. Pauli Abschied zu nehmen. Das alt­ehr­wür­dige Klub­heim des Tra­di­ti­ons­ver­eins, für viele die Seele des Mill­ern­tor­sta­dions, wurde nach 46 Jahren dem Erd­boden gleich gemacht. Begleitet von ein biss­chen Wehmut sagte der Kiez: Tschüss, altes Haus!“

Kurz vor Beginn der Abriss­ar­beiten im Zuge des Sta­dion-Umbaus hatte sich St. Paulis Orga­ni­sa­ti­ons­leiter Sven Brux noch seine ganz per­sön­li­chen Erin­ne­rungs­stücke gesi­chert. Einen sil­ber­nern Löffel, eine Kachel und eine Kaker­lake in einer Papp­schachtel“ prä­sen­tierte der lang­jäh­rige Ver­eins­mit­ar­beiter augen­zwin­kernd.

Längst brü­chig und marode

Die etwas wert­vol­leren Teile des Inven­tars waren dagegen schon in den letzten Tagen gerettet worden und sollen künftig einen Platz in den Räum­lich­keiten unter der neuen Süd­tri­büne erhalten. So kann der alte Glanz in modernem Ambi­ente neu erstrahlen. Man darf bei aller Nost­algie auch nicht ver­gessen, dass vieles im alten Klub­heim längst brü­chig und marode war“, sagt Brux.

Den schönen Erin­ne­rungen tut das keinen Abbruch. Schließ­lich erlebte die kul­tige Begeg­nungs­stätte in fast fünf Jahr­zehnten so manche aus­ge­las­sene Sie­ges­feier – ebenso wie das eine oder andere Kater­früh­stück nach bit­teren Nie­der­lagen. Tie­risch waren die Partys nach dem Spiel in der Küche des Klub­heims“, erin­nert sich St. Paulis Team­chef Holger Sta­nis­lawski an seine eigene aktive Zeit.

Vor allem die im Pro­fi­fuß­ball sonst eher unüb­liche Nähe zu den Fans wurde beim Kiez­klub immer gepflegt. Ich bin nach dem Abpfiff gern durchs voll besetzte Klub­heim gegangen und hab mich mit den Fans unter­halten“, berichtet der heu­tige Trainer Andre Trulsen. Sogar auf dem Klo sei teil­weise noch gefach­sim­pelt worden, so der frü­here Abwehr­spieler.

Doch auch die großen Stars der Bun­des­liga gingen in dem alten Klin­kerbau neben dem Haupt­ein­gang des Sta­dions ein und aus. Bei uns haben sich auch Olli Kahn und Stefan Effen­berg wohl gefühlt“, sagt Paulis lebende Zeug­wart-Legende Claus Bubu“ Bubke. Und das, obwohl sie unter den im Winter oft kalten Duschen gefroren und sich im abge­ranzten Kabi­nen­trakt unter dem Schank­raum wahr­schein­lich so man­chen Fuß­pilz geholt haben.

Spä­tes­tens an der Theke bei den Wir­tinnen Bri­gitte und Dagmar waren alle gleich. Dort habe er auch schon mal ein Bier­chen mit Mehmet Scholl getrunken, erin­nert sich Bubke. Selbst an spiel­freien Tagen war das Klub­heim beliebter Treff­punkt, in dem auch schon mal Ham­burger Musik­größen wie Jan Delay und Sammy Deluxe auf­traten.

Künftig soll sich das Ver­eins­leben in den Kata­komben der neuen Süd­tri­büne abspielen, die im Laufe der Zwei­liga-Rück­runde fer­tig­ge­stellt wird. Die Boden­stän­dig­keit des Stadt­teil­ver­eins soll auch dort nicht ver­loren gehen. Neben den Devo­tio­na­lien aus dem Klub­heim sollen bei­spiels­weise ein paar Pflas­ter­steine aus der rot­lich­tigen Her­bert­straße sowie ein alter Anker an der Fas­sade den ganz eigenen Charme des Ver­eins unter­strei­chen. Damit hat man eine schöne Mischung aus alt und neu“, findet Brux: Der Cha­rakter wird bleiben.“