Seite 8: Anfield - eine vorsichtige Rückkehr

Wäre Tay­lors Bericht damals von That­cher gebil­ligt worden, wäre den Ange­hö­rigen der Hills­bo­rough-Opfer zügig und rei­bungslos Gerech­tig­keit wider­fahren. Innen­mi­nister Hurd hätte den Rück­tritt des Chefs der South York­shire Police gefor­dert und die Fami­lien wären bereits 1990 zu ihrem Recht gekommen. Wahr­schein­lich wären Fuß­ball­fans außerdem in der Posi­tion gewesen, ein Mit­spra­che­recht bei der Umge­stal­tung des Sports zu for­dern – denn 1989 hatte Taylor bestä­tigt, dass wir, die Fans, sowohl Opfer als auch zu Unrecht Beschul­digte waren.

Aber nichts der­glei­chen pas­sierte. Wäh­rend die Polizei agi­tierte, schauten der eng­li­sche Fuß­ball­ver­band, Shef­field Wed­nesday und die zustän­digen Behörden, die in die Tra­gödie ver­wi­ckelt waren, ein­fach weg. Sie kamen nicht nur unge­schoren davon, son­dern durften auch noch über die Zukunft des Fuß­balls ent­scheiden – bei wenig bis gar keinem Mit­spra­che­recht der Fans. So begannen sie unseren Natio­nal­sport zu ver­hö­kern. Auch dank des zweiten Taylor Reports vom Januar 1990, der die Abschaf­fung der Steh­plätze for­derte.

1990 kehrte ich zurück

Nach Hills­bo­rough konnte ich ein Jahr lang keinen Fuß­ball ertragen. An einem kalten Früh­lingstag im März 1990 kehrte ich schließ­lich zurück. Liver­pool ackerte sich zum 18. Meis­ter­titel, und als ich in Anfield ein­traf und oben auf dem Kop stand, wusste ich, dass es ein Fehler war. Um die Wel­len­bre­cher waren noch Schals geschlungen, zu Ehren der Toten. Auf den Mauern standen in schwarzer Schrift ihre Namen geschrieben – Namen, zu denen Stimmen gehörten, die ich nicht aus dem Kopf bekam, mit Bil­dern dazu, die in der Zeit erstarrt waren. Auf dem Platz bewegten sich die Spieler wie leere Fla­schen im Meer und auf der Bank machte Kenny Dalg­lish, von der Tra­gödie gezeichnet, seine per­sön­li­chen Qualen durch. Nichts davon ergab noch einen Sinn, und als ich das Sta­dion ver­ließ, war mir klar, dass ich dem Fuß­ball für immer würde den Rücken kehren müssen.

Für immer bedeu­tete 19 Jahre. Bis zum April 2009 konnte ich es nicht ertragen, Liver­pool spielen zu sehen. Als sich der 20. Jah­restag der Kata­strophe näherte und keine Gerech­tig­keit in Sicht war, schrieb ich eine Geschichte für die Sonn­tags­zei­tung Observer“ über meine Erleb­nisse in Hills­bo­rough. Kurz darauf wurde ich von zwei anderen Über­le­benden dazu über­redet, nach Anfield zurück­zu­kehren. Es war ein Vier­tel­fi­nale in der Cham­pions League. Chelsea war zu Gast: Empor­kömm­linge, neu­reich, rus­sisch. Ein Spiel mitten in der Woche unter Flut­licht, eine euro­päi­sche Nacht in Anfield. Als ich auf den Kop kam, hörte ich bei­nahe auf zu atmen. Über mir flat­terten, wie die Segel einer kleinen Armada, dut­zende wun­der­schöne Fahnen: Es war eine Hom­mage an Xabi Alonso, der damals für Liver­pool spielte. Als der Kop You’ll Never Walk Alone“ anstimmte und das Lied nicht enden zu wollen schien, erin­nerte ich mich wieder: Dies ist ein Teil meines Lebens! Ich war bereit, wieder aufs Rad zu steigen.

Unbe­queme Wahr­heit

Aber wenn ich ehr­lich bin, ist es ein Rad mit Stütz­rä­dern. Zwar bin ich seit jenem Abend immer wie­der­ge­kommen, aber vor­sichtig, zag­haft. Ich war in Anfield dabei, als wir im April 2016 den BVB schockten (Sie könnten mich schreien gehört haben), aber es ist nicht mehr das­selbe. Hills­bo­rough bleibt eine Geschichte von Ver­lust – von 96 Leben, der Idee von Wahr­heit und Gerech­tig­keit, dem Glauben an unsere öffent­li­chen Insti­tu­tionen. Und von so vielem, das die Fans an ihre Klubs und das Spiel gebunden hat, das wir liebten. In den 27 Jahren, die es brauchte, um der bri­ti­schen Öffent­lich­keit die Wahr­heit dessen, was im April 1989 in Shef­field pas­sierte, zu erzählen, ist der Fuß­ball zu einem Unter­hal­tungs­pro­dukt für den glo­balen Fern­seh­markt umge­staltet worden. Wir werden uner­müd­lich auf­ge­for­dert, hin­zu­schauen – aber bit­te­schön nicht zu genau. Denn dann würden wir erkennen: In der uner­bitt­lich kom­mer­zia­li­sierten Reak­tion auf Hills­bo­rough haben auch Mil­lionen eng­li­scher Fuß­ball­fans etwas ver­loren. Das ist eine wei­tere unbe­queme Wahr­heit, die sich hinter der größten Kata­strophe in der Geschichte des bri­ti­schen Sports ver­birgt.