Seite 7: Endlich Gerechtigkeit!

End­lich, nach 27 Jahren, haben wir nun Gerech­tig­keit bekommen – und das hat mein Leben ver­än­dert. Es fühlt sich an, als hätte sich aus meinem Kopf ein Nebel ver­zogen, der darin gefangen war, seit ich 19 war. Ich habe, als Über­le­bender und als Jour­na­list, einen kleinen Bei­trag dazu geleistet, den größten Jus­tiz­irrtum der bri­ti­schen Geschichte zu kor­ri­gieren. Jetzt möchte ich mich end­lich meiner Gar­ten­ar­beit widmen, ein Buch lesen und mir eine Katze zulegen. Ein­fache, all­täg­liche Dinge tun, statt gegen die Unge­rech­tig­keit zu kämpfen und mir Sorgen zu machen, dass andere Über­le­bende, meine Freunde, sich das Leben nehmen. Das werden sie jetzt nicht mehr tun. Gerech­tig­keit ist näm­lich viel mehr als ein simples Rechts­in­stru­ment. Zwei Wochen nach dem Urteils­spruch, ich war im Urlaub in Devon, machte ich eine merk­wür­dige Ent­de­ckung: Ich fühlte mich wieder mit dem Eng­land ver­bunden, das ich vor 1989 gekannt und geliebt hatte. Es ist, als hätte ich die 27 Jahre dazwi­schen in einem anderen Land gelebt.

Geschichte eines Ver­lusts

Hills­bo­rough ist die Geschichte eines Ver­lusts, der auch heute noch schwer zu bemessen ist. Mil­lionen eng­li­scher Fuß­ball­fans glauben, dass unser Natio­nal­sport am 15. April 1989 als Kul­turgut ver­loren ging. Doch die jüngsten Unter­su­chungen in War­rington haben auch bestä­tigt, was ich schon viel früher wusste: Der moderne eng­li­sche Fuß­ball wurde auf einer monu­men­talen Lüge errichtet.

Zur Erin­ne­rung: 1989 hatte der eng­li­sche Fuß­ball ein von Aus­schrei­tungen geprägtes Jahr­zehnt hinter sich. Die Obrig­keit gab die Schuld daran einer Schicht von Leuten, die sie als wertlos betrach­tete: der ent­frem­deten Arbei­ter­klasse. Die Öffent­lich­keit wurde von Poli­ti­kern, den Medien und der Pre­mier­mi­nis­terin sogar davor gewarnt, zu Fuß­ball­spielen zu gehen. Auf der anderen Seite gab es eine wort­ge­wandte Lobby von Fans, die Pro­bleme ansprach, die Bedin­gungen in den bau­fäl­ligen Sta­dien bei­spiels­weise. Oder die Art und Weise, wie wir in den Medien dar­ge­stellt und von der Polizei behan­delt wurden. Dann pas­sierte Hills­bo­rough. Allen war klar: So können wir nicht wei­ter­ma­chen! Unser Fuß­ball bedarf radi­kaler Reformen! Aber wer würde sich in der Debatte durch­setzen, die Fans oder die Obrig­keit?

Der Taylor Report

Wäh­rend noch Liver­pool-Fans in Kran­ken­häu­sern im Sterben lagen, bestellte die Regie­rung einen Richter und wies ihn an, sich ein Bild davon zu machen, was am 15. April 1989 in Shef­field pas­siert war, und dann eine Emp­feh­lung aus­zu­spre­chen. Lord Jus­tice Taylor war ein mutiger Mann und betä­tigte in seinem ersten Bericht, der bereits im Juli erschien, dass die Kata­strophe durch das inkom­pe­tente Vor­gehen der Poli­zei­kräfte ver­ur­sacht worden sei, durch Ver­säum­nisse von Seiten des gast­ge­benden Klubs, der Bau­sta­tiker, des Fuß­ball­ver­bandes und der ört­li­chen Behörden. Sein erster Taylor Report erschien schon im Juli 1989 und unter­mau­erte, was die mar­gi­na­li­sierten Fuß­ball­fans schon lange gesagt hatten.

Für Pre­mier­mi­nis­terin Mar­garet That­cher war das ein schwerer Schlag, denn der Bericht unter­lief ihr Vor­haben, eine Aus­weis­pflicht für Fuß­ball­fans ein­zu­führen. Als er publik gemacht wurde, bil­ligte die Regie­rung den Report nicht voll­ständig, son­dern behan­delte ihn als Debat­ten­bei­trag. 2012 för­derte das Hills­bo­rough Inde­pen­dent Panel“ ein internes Regie­rungs­me­mo­randum zutage, dem­zu­folge der dama­lige Innen­mi­nister Dou­glas Hurd nach Erhalt des Taylor Reports die Pre­mier­mi­nis­terin dar­über in Kenntnis gesetzt hatte, dass der Chef der South York­shire Police nach seinem Dafür­halten zurück­treten müsse …, da die Trag­weite der Kata­strophe und das Ausmaß, in dem der Bericht die Polizei belastet, dies unum­gäng­lich mache.“ Aber That­cher zwang Hurd, den Mund zu halten. Mit diesem Rück­halt durch den mäch­tigsten bri­ti­schen Poli­tiker seit Win­ston Chur­chill begann die South York­shire Police, den Taylor Report öffent­lich zu dis­kre­di­tieren. Warten wir ab, bis die Unter­su­chungen beginnen“, hieß es, dann werden Sie eine andere Seite der Geschichte zu sehen bekommen.“ Und genau das bekam die Öffent­lich­keit dann auch. Die Polizei schrieb die Geschichte um.