Seite 6: Die Rolle der Polizei

Und da war noch was: die Ableh­nung. In Hills­bo­rough lag unser Schicksal in den Händen anderer, in denen von Beamten in dun­kel­blauen Uni­formen, die sich ent­schei­dende Minuten lang von uns abkehrten und nichts unter­nahmen. Das Min­der­wer­tig­keits­ge­fühl ist kaum in Worte zu fassen. Was ist denn so schlecht an mir – an uns? Warum helft ihr uns nicht? Wir sind keine Hoo­li­gans, wir sind Men­schen. Und wir sterben hier.

Als im Sep­tember 2012 der Bericht des Hills­bo­rough Inde­pen­dent Panel“ ver­öf­fent­licht wurde, bedeu­tete das einen Wen­de­punkt in der öffent­li­chen Debatte über die Kata­strophe. Die unab­hän­gige Unter­su­chungs­kom­mis­sion deckte die Lügen von Polizei und Ret­tungs­kräften auf und kam zu dem Schluss, dass die Fans voll­kommen schuldlos an der Tra­gödie waren. In der Bevöl­ke­rung war die Empö­rung groß, und nun wurden in War­rington neue Unter­su­chungen auf­ge­nommen.

1000 Zeugen, 5000 Fotos, 1 Erkenntnis

Diese Unter­su­chungen, die am 26. April dieses Jahres abge­schlossen wurden, ent­wi­ckelten sich zu den lang­wie­rigsten in der bri­ti­schen Jus­tiz­ge­schichte. Fast 300 Tage lang wurden annäh­rend 1000 Zeugen ange­hört, 5000 Fotos zugäng­lich gemacht, dazu ein 27-minü­tiger Video­zu­sam­men­schnitt – der letzt­gül­tige Beweis, wie sich die Liver­pool-Fans außer­halb des Sta­dions wirk­lich ver­halten hatten. Kein ein­ziges Foto oder Video­bild deu­tete auf ein Fehl­ver­halten hin, wie es jahr­zehn­te­lang von den Poli­zei­an­wälten unter­stellt worden war.

Aber eine wich­tige Frage blieb weiter unbe­ant­wortet: Was um alles in der Welt ging in den Köpfen der Poli­zei­be­amten vor, die sich in Hills­bo­rough am Spiel­feld­rand befanden? Sie waren wenige Meter von Men­schen ent­fernt, die mit sol­cher Wucht gegen den Stahl­zaun gedrückt wurden, dass er sich zum Spiel­feld hin aus­beulte. Die blaue Farbe des Git­ters wurde vor ihren Augen in die Gesichter der Opfer gerieben. Warum wandte sich die Polizei ab und schob flüch­tende Fans sogar zurück ins Gewühl, bevor sie end­lich beschlossen, dass diese Men­schen es wert waren, gerettet zu werden?

Einige der Beamten, die damals im Sta­dion waren, sind mitt­ler­weile ver­storben, andere wollten oder konnten krank­heits­be­dingt nicht aus­sagen. Ihr Schweigen kaschiert eine der großen unan­ge­nehmen Wahr­heiten über Hills­bo­rough. Die eng­li­sche Polizei der acht­ziger Jahre war näm­lich darauf kon­di­tio­niert, sämt­liche Fuß­ball­fans als poten­ti­elle Hoo­li­gans zu betrachten. Des­wegen waren in Hills­bo­rough Men­schen gestorben. Das ist eine Schande für die dama­lige kon­ser­va­tive Regie­rung und ihre Anfüh­rerin Mar­garet That­cher. Sie hatte Fuß­ball­fans zu inneren Feinden“ (wie die IRA) erklärt und uns bei jeder sich bie­tenden Gele­gen­heit kri­mi­na­li­siert.

Ver­piss dich, Kleiner“

Als die über­le­benden Fans damals in Hills­bo­rough anfingen, auf den Rasen zu strömen und keine Ambu­lanz in Sicht war, wen­dete ich mich an das Spa­lier der Poli­zisten, die an der Mit­tel­linie Stel­lung bezogen hatten, und beschwor die Beamten, dabei zu helfen, unsere Ster­benden zu retten. Das hier hat nichts mit Hoo­li­ga­nismus zu tun“, sagte ich. Es sind zu viele Fans in den Block gelassen worden.“ Ich bin nur 1,70 Meter groß und die Beamten ließen sich nicht mal dazu herab, mich anzu­sehen und mit mir zu reden. Sie schauten ein­fach gera­deaus. Wir sind groß und du bist klein, schienen sie zu sagen. Tu was!“, brüllte ich einen Beamten an. Hilf uns!“ Der Beamte neigte den Kopf zu einem Kol­legen und sagte: Komisch … hörst du auch was?“ Sein Kumpel lachte und sagte dann: Ver­piss dich, Kleiner.“

Also schloss ich mich den Jungs an, die eine Wer­be­bande vor der Haupt­tri­büne aus­ein­an­der­nahmen. Aber bevor wir sie benutzen konnten, kam ein Poli­zist und stellte sich darauf, so dass wir sie nicht anheben konnten. Ihr könnt nicht ein­fach das Sta­dium ver­wüsten“, sagte er. Sie waren nicht nur nutzlos, sie behin­derten sogar unsere Bemü­hungen, Leben zu retten. Ein paar Meter ent­fernt lagen ster­bende Men­schen auf dem Rasen und dieser Bulle ver­suchte, einen Streit zu beginnen. Ein Fan lief heran und stieß ihn so heftig von der Bande, dass er Rich­tung Haupt­tri­büne segelte. Keiner der Zuschauer in der ersten Reihe rührte einen Finger, um ihm zu helfen, und langsam ver­än­derte sich seine Miene Was mache ich hier eigent­lich?“, war darin zu lesen. Ja, was machte er da eigent­lich? Und was dachten er und seine Kol­legen sich dabei?