Seite 5: Hillsborough und der Tsunami

Jah­re­lang wachte ich immer wieder schweiß­ge­badet auf. Im Schlaf wälzte ich mich im Bett so heftig hin und her, dass ich einmal mit den Füßen auf dem Kissen und dem Kopf über den Bett­rand hän­gend auf­wachte. Oft kam ich auf dem Küchen­boden wieder zu mir, nachdem ich ohn­mächtig geworden war. Ich bekam Panik­at­ta­cken in über­füllten U‑Bahnen. Eines Tages, so um 1993, als ich gerade Geschirr spülte oder die Katze füt­terte oder Zähne putzte, hielt ich plötz­lich inne und fragte mich: Mal ehr­lich, warst du über­haupt in Hills­bo­rough?“

Und eines Mor­gens, eben­falls 1993, wachte ich in einer Poli­zei­zelle auf. Nicht mehr in der Lage, meine Wut im Zaum zu halten, war ich in London auf meh­rere Poli­zisten los­ge­gangen und wegen Stö­rung der öffent­li­chen Ord­nung fest­ge­nommen worden. Auf der Wache reichte man mir ein Ankla­ge­pro­to­koll, das ich durch­lesen und unter­schreiben sollte. Aha“, sagte ich … ich nahm das Pro­to­koll, hielt es ins Licht, drehte es um und legte es auf den Schreib­tisch. Nö, kommt nicht in die Tüte“, sagte ich. Auch sie lachten über mich; dann gaben sie mir ein Bett und warfen die Anklage in den Müll.

Sel­tenes Trauma

1996 pas­sierte es wieder, im Lon­doner Westen. Aber diesmal nahm mich der dienst­ha­bende Beamte, der mich am nächsten Morgen ent­ließ, ins Gebet. Gab mir eine Tasse Tee. Fragte mich, was ich mir dabei gedacht hätte. Ich sagte: Ich war 1989 in Hills­bo­rough dabei und kann Bullen nicht leiden.“ Er nickte bedächtig und sagte: Nun ja, das kann ich durchaus ver­stehen. Aber du kannst so nicht wei­ter­ma­chen. Du wirst dir dein Leben rui­nieren.“ Ich saß da, ent­waffnet und sprachlos. End­lich hatte jemand aus der Obrig­keit mir zuge­hört. Es war nicht mehr als ein zwei­mi­nü­tiges Gespräch, aber ich ver­ließ die Wache als geläu­terter Mensch.

Hills­bo­rough ist ein sel­tenes Trauma. Ich weiß das, weil ich dort nicht die ein­zige Kata­strophe über­lebt habe. An Hei­lig­abend 2004 fuhr ich mit meiner Freundin in den Urlaub an die Süd­west­küste von Sri Lanka. Als wir am Zweiten Weih­nachts­fei­ertag auf­wachten, befand sich unser Hotel mitten im Indi­schen Ozean. Der Tsu­nami hatte den Mee­res­spiegel um mehr als zehn Meter ange­hoben. Die ersten beiden Etagen des drei­stö­ckigen Hotels standen unter Wasser und das Meer drang durch den Fuß­boden. Deb und ich schauten uns an. Springen wir vom Dach und ver­su­chen, an Land zu schwimmen, wo auch immer das sein mochte? Oder bleiben wir und hoffen, dass das Hotel stand­hält?

Kein Ver­gleich

Wir blieben auf dem Dach, und schließ­lich zog sich das Meer wieder zurück, wir über­standen die Kata­strophe unver­sehrt. Zwei Monate später begann ich eine The­rapie. Ich hatte sechs Wochen lang nicht richtig geschlafen und war leicht trau­ma­ti­siert. Die The­rapie schlug an und bald schon war ich wieder der Alte. Ich denke heute nur noch selten daran.

Rund 230 000 Men­schen kamen durch den Tsu­nami von Weih­nachten 2004 ums Leben, 96 waren es in Hills­bo­rough. Aber für mich ist Hills­bo­rough ein viel, viel schlim­merer Alb­traum. In erster Linie, weil ich in Sri Lanka nie­manden sterben sah. Aber da ist noch etwas anderes. Als Deb und ich auf der obersten Etage des Hotels standen, fällten wir eine Ent­schei­dung auf Leben oder Tod: bleiben oder schwimmen? Es war unsere Ent­schei­dung. Wenn man sich mit einer lebens­be­dro­henden Situa­tion kon­fron­tiert sieht, ist es der fun­da­men­talste mensch­liche Antrieb, über das eigene Schicksal bestimmen zu wollen. Aber in Hills­bo­rough waren die meisten in Block 3 und 4 machtlos.