Seite 4: Das erste Urteil? Ein Unfall!

In den ersten sechs Wochen plagen auch mich Schuld­ge­fühle, davon­ge­kommen zu sein. Warum habe ich über­lebt, wo so viele andere gestorben sind? Ich rede mir ein, dass ich es nicht ver­diene wei­ter­zu­leben, denn ich habe mir dieses Recht nicht erworben: Es war reines Glück, somit habe ich es nicht ver­dient. Also fange ich an, mich selbst zu hassen und möchte nicht mehr leben. Aber ich muss wei­ter­ma­chen, denn von nun an muss mein Leben einen Sinn haben. Ich bin ver­schont worden, und wenn ich auch nur einen ein­zigen Tag ver­schwende, hin­ter­gehe ich die­je­nigen, die gestorben sind.

Ich weiß, dass ich keinen Fuß­ball mehr will. Das FA-Cup-Finale 89 nehme ich kaum wahr: Liver­pool schlägt Everton, und gedan­ken­lose Kom­men­ta­toren reden über einen Blech­kübel, der in die Höhe gereckt wird, als wäre das eine ange­mes­sene Ehren­be­zeu­gung für die Toten.

Dann wendet sich die Polizei an mich, um meine Aus­sage auf­zu­nehmen. Nachdem die Medien die Liver­pool-Fans mona­te­lang durch den Dreck gezogen haben, komme ich end­lich dazu, meine Wahr­heit zu erzählen.

Wer irrt sich? Und wer will sich irren?

Im Juli 1989 suchen mich zwei Beamte in Zivil bei mir zu Hause in Ste­venage auf. Es ist ein Sonntag, gegen zwei Uhr am Nach­mittag und im Fern­sehen läuft Golf. Ich beginne zu erzählen, was geschehen ist, und sie fangen an, mich aus­zu­la­chen. Bald darauf schnauben sie, gähnen und wenden sich ab, um Golf zu schauen. Sie nicken sar­kas­tisch, als ich ihnen von den Ver­säum­nissen der Polizei erzähle und wie sie uns mal­trä­tierten, als wir ver­suchten, die Ster­benden zu retten.

Dann rei­chen sie mir meine Aus­sage, die sie wäh­rend der Befra­gung mit­ge­schrieben haben. Würden Sie das bitte durch­lesen und unter­schreiben?“ Aber sie haben die Bedeu­tung bestimmter Vor­komm­nisse ver­än­dert und wich­tige Details aus­ge­lassen. Was denn zum Bei­spiel?“, will der Beamte wissen. Nun ja, ant­worte ich, dies ist pas­siert und jenes ist pas­siert. Er schüt­telt den Kopf. Das ist nicht pas­siert“, sagt er.

Mehr­fach teilen sie mir mit, dass ich mich irre; dass ich nichts Rele­vantes gesehen habe; dass es dort, wo ich gestanden hatte, nicht so schlimm gewesen sei und dass ich bei der bevor­ste­henden Unter­su­chung kein brauch­barer Zeuge sein werde. Meine Dar­stel­lung sei nicht über­zeu­gend und werde am besten zu den Akten gelegt. Wenn Sie also ein­fach die Aus­sage unter­schreiben würden, ver­schwinden wir und Sie können wieder Ihrem Leben nach­gehen.“

Das erste Urteil: Ein Unfall

Wäh­rend ich zuneh­mend wütender werde, stellt der Beamte, der die Fern­be­die­nung in den Händen hält, den Fern­seher immer lauter. Ich muss schreien, um mir in meinem eigenen Wohn­zimmer Gehör zu ver­schaffen, und sie ver­su­chen, mich zu über­tönen. Schließ­lich unter­schreibe ich die Aus­sage und sie hauen ab.

Damals, im Sommer 1989, kann ich nicht ahnen, dass ich in einen der größten Ver­tu­schungs­ver­suche in der Geschichte der bri­ti­schen Recht­spre­chung ver­strickt bin. Also schließe ich ein­fach die Tür, mur­mele, dass sie sich ver­pissen sollen, gehe in meine Schlaf­zimmer und breche zusammen. Aber in meinem Kopf haben sie einen schreck­li­chen, win­zigen Samen des Zwei­fels gesät. Wo Sie waren, war es nicht so schlimm. Sie haben nichts gesehen. Ihre Erin­ne­rung ist feh­ler­haft. Sie sind gekommen, um meine Wahr­heit zu stehlen. Schlimmer noch, sie haben ange­deutet, dass ich fan­ta­siere; dass ich über­zogen reagiert habe. Ich bin zu emp­find­lich, denke ich; und außerdem weich in der Birne.

Die ersten Unter­su­chungen zu Hills­bo­rough wurden im März 1991 abge­schlossen. Der Urteils­spruch: Ein Unfall, nie­mand trug die Ver­ant­wor­tung an der Kata­strophe. Der kleine Samen des Zwei­fels schlug Wur­zeln und wuchs und wuchs. Viel­leicht hatte ich mich geirrt und hatte über­re­agiert. Aber das passte nicht zu meinen stän­digen Alb­träumen und den Bergen an Lei­chen. Es war wie Bergen-Belsen. Wo Sie waren, war es nicht so schlimm.