Seite 3: Die Spätfolgen der Tragödie

Ich ging zu Bett und irgend­wann schlief ich end­lich ein. In den nächsten Tagen wachte ich auf und erfuhr, dass ich nicht nur ein Über­le­bender einer der größten Kata­stro­phen in der Geschichte des Fuß­balls war, son­dern auch ein Mit­täter – von der Polizei bezich­tigt, am Tod von 95 Men­schen mit­schuldig zu sein. Das 96. Opfer starb 1993, nach vier Jahren im Koma.

In einer Zeit vor dem Internet, als es noch keine sozialen Medien gab, die die Wahr­heit fest­hielten, brachte die Sun“, die meist­ver­kaufte Tages­zei­tung des Landes, vier Tage nach Hills­bo­rough auf der Titel­seite eine Story mit der Über­schrift The Truth“. Die Wahr­heit, die der Her­aus­geber des Blattes, Kelvin MacKenzie, dar­unter ver­brei­tete, war ein Haufen abge­feimter Lügen: dass Liver­pool-Fans auf Poli­zei­be­amte uri­niert hätten, wäh­rend diese Erste Hilfe leis­teten; dass wir aus den Taschen der Toten gestohlen und einen Sani­täter atta­ckiert hätten. Seine Quelle? Die South York­shire Police. Aus heu­tiger Sicht war das einer der größten Medi­en­skan­dale des 20. Jahr­hun­derts. Einer, der sofort Wir­kung zeigte.

Nein.“

Am Tag, als der Artikel erscheint, bin ich auf dem Weg in die Klinik. Es ist ein kalter, stür­mi­scher Früh­lingstag. Ich habe Schwie­rig­keiten beim Atmen, aber wäh­rend ich im War­te­zimmer sitze, weiß ich, dass es nicht mein Körper ist, der Zuwen­dung braucht. Der Arzt ist alt und ehr­würdig, in Nadel­streifen und mit Brille. Ich berichte ihm leise, dass ich am Samstag in Hills­bo­rough war und meine Brust schmerzt. Hmm, sagt er. Er drückt sein Ste­tho­skop auf meine Haut, dann setzt er sich, um eine Über­wei­sung zum Röntgen aus­zu­füllen. Aber er sieht mich nicht an. Wäh­rend ich mein Hemd zuknöpfe, blicke ich auf seinen kahlen Schädel. Sieh mich an, sage ich im Stillen. Sieh mich an, du Mist­kerl! Aber er sieht mich nicht an.

Schließ­lich reicht er mir die Über­wei­sung, wäh­rend er einen Punkt rechts von mir fixiert, und sagt, oder viel­mehr mur­melt er: Möchten Sie … möchten Sie mit jemandem dar­über reden?“ Ich halte einen Moment inne und sage dann: Nein.“ Ich stehe auf und bin fast an der Tür, als er sagt: Sieht so aus, als wären die Liver­pool-Fans schuld gewesen, nicht wahr?“ Ich drehe mich zu ihm um, aber alles, was ich emp­finde, ist Beschä­mung – nicht um meinet‑, son­dern um sei­net­willen. Tja nun, alles Gute“, sagt er heiter. Darauf beschränkte sich, was mir damals an The­rapie zuteil­wurde.

Spät­folgen

Es wird Jahr­zehnte dauern, den Ruf der Liver­pool-Fans wie­der­her­zu­stellen. So lange werden sie bei Aus­wärts­spielen mit Gesängen vom Kaliber Ihr dummen Schweine, ihr habt eure eigenen Fans umge­bracht“ emp­fangen. Viele von uns können die Mischung aus Trauma und Stigma irgend­wann nicht mehr ertragen. Ich weiß von einem Über­le­benden, Ian“, der auf Block 3 einen Freund verlor. 2007 brachte ihn ein kon­tro­verser Auf­tritt von Sun“-Herausgeber MacKenzie in der BBC der­maßen aus der Fas­sung, dass er sich wenige Wochen später erhängte.

Dann war da noch Ste­phen Whittle, der sein Ticket damals einem Freund über­ließ, der ums Leben kam. Im Februar 2011 stellte sich Ste­phen vor einen Zug. 2004 wurde ein Kumpel von mir, der sich den Weg aus Block 3 buch­stäb­lich frei­ge­kämpft hatte, so von Schuld­ge­fühlen über­wäl­tigt, dass er ver­suchte, seinen Wagen gegen einen Baum zu steuern. Zum Glück war er so betrunken, dass er den Baum ver­fehlte und statt­dessen in ein par­kendes Auto krachte. Er über­lebte, weit­ge­hend unver­letzt. Vor ein paar Jahren schnitt ein anderer Freund sich die Puls­adern auf. Auch er über­lebte.