Unsere Titel­ge­schichte aus Heft #176 (samt exklu­siven Bil­dern) findet ihr auch im großen 11FREUNDE Buch. Das Buch zum 20-jäh­rigen Jubi­läum unseres Maga­zins gibt es hier.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Am 15. April 1989 trat ich durch einen Tunnel im Hills­bo­rough-Sta­dion in Shef­field ins Son­nen­licht und dachte: Wo wärst du an einem Tag wie heute lieber als hier?“ Mein Verein, der FC Liver­pool, spielte gegen Not­tingham Forest, den Klub meines Bru­ders, um den Einzug ins FA-Cup-Finale. Er stand auf dem Hills­bo­rough Kop, ich auf der Tri­büne an der Lep­pings Lane, um Barnes, Beardsley, Ald­ridge, Nicol, Hansen und Whelan anzu­feuern. Für mein Ticket hatte ich sechs Pfund bezahlt – ein Schnäpp­chen, um dieses Team bei diesem Wetter und in diesem alt­ehr­wür­digen Sta­dion spielen sehen zu dürfen.

Als ich um kurz nach zwei Uhr in Block 3 komme, direkt hinter dem Tor, scheint die Tri­büne schon so gut wie voll zu sein. Ich lehne mich träge an einen Wel­len­bre­cher und plau­dere mit ein paar Kum­pels, die nach bes­seren Plätzen Aus­schau halten. Wäh­rend die Sonne über die Tri­büne wan­dert, ver­treiben wir uns die Zeit damit, uns unter Olé“-Rufen einen Strand­ball zuzu­werfen. Ich bin sehr froh über meinen Platz, etwa sechs Meter vom blauen Git­ter­zaun ent­fernt.

Hier sind zu viele Leute drin“

Gegen 14.35 Uhr wird es seltsam unge­müt­lich. Ein Ruck geht durch die Menge und wir werden nach vorn geschubst, aber federn von dort nicht zurück. Hier sind zu viele Leute drin“, murrt jemand hinter mir. Fast unmerk­lich kippt die zuvor unbe­schwerte Stim­mung. Wir sind die harten Kerle vom legen­dären Liver­pooler Kop, uns kann so schnell nichts erschüt­tern. Aber klamm­heim­lich schauen wir uns um, ob die anderen okay sind und sonst noch jemand beun­ru­higt ist. Viele von uns sind es, mehr noch: Wir haben Angst, hier stimmt was nicht. Die Menge keucht und wälzt sich. Dann setzt sie sich langsam und wider­stre­bend fest wie sto­ckender Beton. Die Leute rammen Köpfe in Schul­tern und Rücken, um Luft zu bekommen; sie setzen Arme und Knie ein, um sich ein klein wenig Platz zu ver­schaffen. Hände drü­cken gegen meinen Rücken und Füße gegen meine Waden. Ich spüre jemandes heißen Atem in meinem Nacken. Nie­mand hat mehr die Kon­trolle über seine Bewe­gungen, schließ­lich ver­liert hinter mir jemand die Nerven und brüllt: Macht das ver­dammte Tor auf!“

Um 14.52 Uhr öffnet tat­säch­lich jemand ein Tor, aber es ist nicht das Tor im Sicher­heits­zaun, durch das wir aufs Spiel­feld ent­kommen könnten. Es ist das Tor C der Tri­büne, das eigent­lich als Aus­gang dient. 2000 Men­schen, die sich eben noch vor dem Ein­gangstor hinter der Kurve gedrängt haben, werden ins Sta­dion gelassen. Da keine Poli­zisten bereit­stehen, um sie in die relativ leeren Blöcke rechts und links von uns zu leiten, kommen diese 2000 Men­schen fast gleich­zeitig in einen vier Meter breiten Tunnel mit 16 Pro­zent Gefälle.

Unterträg­liche Schreie

Durch die Ver­dich­tung der Menge werden die Leute buch­stäb­lich in die Blöcke 3 und 4 geblasen. Manche werden mit Wucht erfasst und so um die eigene Achse gedreht, dass sie mit dem Rücken zuerst die Tri­büne betreten. Manche werden durch die Menge auf Block 3 hin­durch bis zum Zaun geschleu­dert. Nun rund vier Meter vom Zaun ent­fernt habe ich das Gefühl, als hätte mir jemand mit einem Hammer zwi­schen die Schul­ter­blätter geschlagen. Aber ich habe noch Glück: Ich werde mitten auf den Rücken getroffen und nach vorn gedrückt. Andere erwischt es an der Schulter, sie werden her­um­ge­wir­belt und gehen zu Boden. Und stehen nicht mehr auf.

Das Schreien wird nun uner­träg­lich. Aber nie­mand kommt, um uns zu helfen. Leute, die sich aus dem Gewühl befreien können und den Zaun erklimmen, werden oben, an der sta­chel­be­wehrten Spitze, von Poli­zisten, die von der anderen Seite aus hin­auf­klet­tern, emp­fangen. Die Fans sagen der Polizei, dass wir Hilfe brau­chen. Die Polizei schubst die Fans zurück ins Gewühl.

Einen Fuß­baller bekomme ich an diesem Tag nicht zu sehen. Es ist kurz nach drei und ich schwanke nun zwi­schen diesem Leben und dem nächsten. Inzwi­schen ist das Spiel ange­pfiffen worden. Auf der Nord­tri­büne kann ich Leute erkennen, die das Spiel ver­folgen. Andere bli­cken in unsere Rich­tung und ges­ti­ku­lieren auf­ge­bracht oder laufen die Mit­tel­gänge hin­unter zum Spiel­feld, um sich bei der Polizei Gehör zu ver­schaffen. Aber sie sind zu weit weg. Um mich herum, nur wenige Meter ent­fernt, ringen Men­schen um ihr Leben.

Nun gerät die Menge durch den Druck von hinten wieder in Bewe­gung: 50 oder 60 von uns werden in einer kom­pri­mierten Masse aus Glied­maßen gegen­ein­an­der­ge­presst. Wir werden langsam her­um­ge­schleu­dert, wie Klei­dungs­stücke in einer über­füllten Wasch­ma­schine. Hin und her, und rauf und runter. Die ersten Men­schen sterben, wie fast alle anderen nach ihnen sterben werden, an Asphyxie. Ihr Brust­korb wird zusam­men­ge­drückt, und alles Blut schießt in Hals und Kopf. Jene, die inzwi­schen gestorben sind, werden mit uns allen her­um­ge­worfen wie Schau­fens­ter­puppen. Ihre Augen bewegen sich nicht, aber einem von ihnen rinnen noch die Tränen die Wangen hinab.

Ich bin am Ende meiner Kräfte und schreie, aber nie­mand kommt, um zu helfen. Mir bleiben viel­leicht noch 50 Sekunden zu leben – genau 50 Sekunden, so sagt mir mein Ver­stand. 50 Sekunden zu leben … ich muss mich von meiner Familie ver­ab­schieden, von meinen Kum­pels, meiner Freundin. Schnell! Und dann werde ich schreien, bis ich sterbe, nur für den Fall – nur für den Fall, dass uns die Polizei end­lich erhört. Aber jetzt bin ich müde und kann mich vom Hals abwärts nicht mehr bewegen. Ich könnte jetzt ein­fach ein­schlafen. Ich werde schlafen, denn ich bin 19 Jahre alt und ich weiß, dass ich gleich sterbe.

Er ist mein Bruder“

Als mein Gehirn meinen Körper mit Endor­phinen zu über­schwemmen beginnt, werde ich, wie in einer Blase aus warmem Wasser, über die Menge gehoben. Es ist seltsam fried­lich. Dann ein lautes Rufen, ein kräch­zendes, aggres­sives Rufen eines Poli­zisten in einem York­shire-Dia­lekt: Geht zurück, ihr blöden Arsch­lö­cher!“ Sie glauben, wir wollen den Platz stürmen. Sekunden, viel­leicht Minuten später, mache ich wieder die Augen auf. Der Himmel ist immer noch blau und die Polizei hat end­lich das Tor im Zaun geöffnet. Zum ersten Mal seit einer Stunde stehe ich wieder auf­recht, ohne dass sich jemand an mich drängt. Ich bin unver­sehrt. Wäh­rend ich mich noch nach gebro­chenen Rippen oder Kno­chen abtaste, kippen vor mir ein paar Leute um und schlagen auf dem Beton auf. Auf dem Boden sta­pelt sich ein Haufen ver­schlun­gener Körper, einen Meter hoch. Nach einigen Sekunden sehe ich, wie sich etwas bewegt, und mir wird klar, dass da drin noch jemand am Leben ist. Ein Poli­zist, der durch das Tor gekommen ist, erklärt später, es sei eine Sze­nerie gewesen wie in Bergen-Belsen“.

In der nächsten halben Stunde, wäh­rend die Polizei sich schon beeilt, gegen­über der BBC, dem eng­li­schen Fuß­ball­ver­band und dem FC Liver­pool klar­zu­stellen, dass die Liver­pooler Fans die Kata­strophe her­bei­ge­führt hätten, indem sie die Ein­gangs­tore stürmten, nehmen ich und hun­derte andere Über­le­bende die Wer­be­banden aus­ein­ander, um sie als Tragen zu benutzen. Ein paar von uns heben einen toten Mann auf, der teil­weise ent­kleidet neben der Tor­aus­linie liegt. Wir legen ihn auf eine Bande und laufen in Rich­tung Tri­büne, wo die Forest-Fans stehen. Als wir dort keine Sani­täter finden, ver­lassen wir das Sta­dion über eine Rampe und werden von der Polizei zu einer Turn­halle geleitet, die als pro­vi­so­ri­sche Lei­chen­halle dient. Hinter einem Bad­min­ton­netz liegen, abge­deckt mit Tüchern, rei­hen­weise Lei­chen auf­ge­bahrt, jeweils einen Poli­zei­helm auf der Brust. Poli­zisten sitzen am Rande der Halle, auf Stühlen oder auf dem Boden, wei­nend, völlig auf­ge­löst. Einer schlägt seinen Kopf gegen die Wand. Am Boden küm­mern sich Gruppen von je zwei oder drei Leuten um die Opfer: Manche klopfen ihnen ver­zwei­felt auf die Brust, andere pro­bieren es mit Mund-zu-Mund-Beatmung. Ein Mann kniet und hält den Kopf eines Bur­schen in einer schwarzen Jacke, wiegt ihn sachte hin und her, wäh­rend er weint. Er ist mein Bruder“, sagt er, schluch­zend. Er ist mein Bruder.“ Aber er wacht nicht mehr auf.

Ich halte die Hand des toten Mannes, den wir auf­ge­lesen haben. Sie ist kalt und schweiß­nass. Er ist blei­schwer, aber es wider­strebt mir, ihn los­zu­lassen. Jemand beugt sich über eines der Opfer auf dem Boden und beginnt, ihm die Letzte Ölung zu erteilen. Und in meinem Kopf sagt eine Stimme nur: Du musst hier raus, sofort, sonst ver­lierst du den Ver­stand.“

Ich zit­tere am ganzen Körper

Mein Ver­stand ist an jenem Tag an der Lep­pings Lane nach­haltig erschüt­tert worden. Meine heu­tigen Erin­ne­rungen sind Bruch­stücke und Geräusch­fetzen. Ich ent­sinne mich der Farben: das strah­lende Blau des Him­mels und des stäh­lernen Git­ter­zauns, das blasse Grün des Rasens, das bräun­liche Rosarot von Erbro­chenem, das Umste­henden am Kinn hin­ab­rinnt, das Dun­kel­blau der Poli­zisten, die vor­über­gehen. Unver­mit­telt klingen mir Geräu­sche in den Ohren – Men­schen, die weinen, um Atem ringen, um ihr Leben schreien. Das Kna­cken eines nach­ge­benden Wel­len­bre­chers – ein Schrei, als drei Reihen von Men­schen zu Boden gehen. Das Geräusch bre­chender Kno­chen (war das real oder habe ich es mir ein­ge­bildet?). Und dann ist da noch der Gestank nach Exkre­menten und Urin, als im Gewühl unsere Organe zer­malmt werden, als Blasen und Gedärme nach­geben.

Um Mit­ter­nacht am 15. April 1989 sitze ich im Haus meines Bru­ders im Gäs­te­zimmer. Von Shef­field bin ich zu ihm nach Not­tingham gefahren, so erfährt er erst um sieben Uhr abends, dass ich über­lebt habe (es gibt noch keine Mobil­te­le­fone). Nach sechs oder sieben Pints Bier und ein paar Schnäpsen bin ich stock­nüch­tern und zit­tere am ganzen Körper. Ich sitze auf dem Bett­rand. Der Mond scheint durch die Vor­hänge. Ich kann nicht schlafen, wegen des Mond­lichts und des Gebrülls der Men­schen, toter Men­schen, die mich anflehen, sie zu retten. Aber ich kann sie nicht retten, weil ich mich nicht bewegen kann. Sie sind nur ein paar Meter ent­fernt, aber ich kann buch­stäb­lich keinen Finger rühren, um ihnen zu helfen. Hilf mir“, sagen sie. Aber alles, was ich und andere tun können, ist dabei zuzu­sehen, wie sie sterben. Das sind wir ihnen schuldig. Und wir werden Zeugnis für sie ablegen.

Ich ging zu Bett und irgend­wann schlief ich end­lich ein. In den nächsten Tagen wachte ich auf und erfuhr, dass ich nicht nur ein Über­le­bender einer der größten Kata­stro­phen in der Geschichte des Fuß­balls war, son­dern auch ein Mit­täter – von der Polizei bezich­tigt, am Tod von 95 Men­schen mit­schuldig zu sein. Das 96. Opfer starb 1993, nach vier Jahren im Koma.

In einer Zeit vor dem Internet, als es noch keine sozialen Medien gab, die die Wahr­heit fest­hielten, brachte die Sun“, die meist­ver­kaufte Tages­zei­tung des Landes, vier Tage nach Hills­bo­rough auf der Titel­seite eine Story mit der Über­schrift The Truth“. Die Wahr­heit, die der Her­aus­geber des Blattes, Kelvin MacKenzie, dar­unter ver­brei­tete, war ein Haufen abge­feimter Lügen: dass Liver­pool-Fans auf Poli­zei­be­amte uri­niert hätten, wäh­rend diese Erste Hilfe leis­teten; dass wir aus den Taschen der Toten gestohlen und einen Sani­täter atta­ckiert hätten. Seine Quelle? Die South York­shire Police. Aus heu­tiger Sicht war das einer der größten Medi­en­skan­dale des 20. Jahr­hun­derts. Einer, der sofort Wir­kung zeigte.

Nein.“

Am Tag, als der Artikel erscheint, bin ich auf dem Weg in die Klinik. Es ist ein kalter, stür­mi­scher Früh­lingstag. Ich habe Schwie­rig­keiten beim Atmen, aber wäh­rend ich im War­te­zimmer sitze, weiß ich, dass es nicht mein Körper ist, der Zuwen­dung braucht. Der Arzt ist alt und ehr­würdig, in Nadel­streifen und mit Brille. Ich berichte ihm leise, dass ich am Samstag in Hills­bo­rough war und meine Brust schmerzt. Hmm, sagt er. Er drückt sein Ste­tho­skop auf meine Haut, dann setzt er sich, um eine Über­wei­sung zum Röntgen aus­zu­füllen. Aber er sieht mich nicht an. Wäh­rend ich mein Hemd zuknöpfe, blicke ich auf seinen kahlen Schädel. Sieh mich an, sage ich im Stillen. Sieh mich an, du Mist­kerl! Aber er sieht mich nicht an.

Schließ­lich reicht er mir die Über­wei­sung, wäh­rend er einen Punkt rechts von mir fixiert, und sagt, oder viel­mehr mur­melt er: Möchten Sie … möchten Sie mit jemandem dar­über reden?“ Ich halte einen Moment inne und sage dann: Nein.“ Ich stehe auf und bin fast an der Tür, als er sagt: Sieht so aus, als wären die Liver­pool-Fans schuld gewesen, nicht wahr?“ Ich drehe mich zu ihm um, aber alles, was ich emp­finde, ist Beschä­mung – nicht um meinet‑, son­dern um sei­net­willen. Tja nun, alles Gute“, sagt er heiter. Darauf beschränkte sich, was mir damals an The­rapie zuteil­wurde.

Spät­folgen

Es wird Jahr­zehnte dauern, den Ruf der Liver­pool-Fans wie­der­her­zu­stellen. So lange werden sie bei Aus­wärts­spielen mit Gesängen vom Kaliber Ihr dummen Schweine, ihr habt eure eigenen Fans umge­bracht“ emp­fangen. Viele von uns können die Mischung aus Trauma und Stigma irgend­wann nicht mehr ertragen. Ich weiß von einem Über­le­benden, Ian“, der auf Block 3 einen Freund verlor. 2007 brachte ihn ein kon­tro­verser Auf­tritt von Sun“-Herausgeber MacKenzie in der BBC der­maßen aus der Fas­sung, dass er sich wenige Wochen später erhängte.

Dann war da noch Ste­phen Whittle, der sein Ticket damals einem Freund über­ließ, der ums Leben kam. Im Februar 2011 stellte sich Ste­phen vor einen Zug. 2004 wurde ein Kumpel von mir, der sich den Weg aus Block 3 buch­stäb­lich frei­ge­kämpft hatte, so von Schuld­ge­fühlen über­wäl­tigt, dass er ver­suchte, seinen Wagen gegen einen Baum zu steuern. Zum Glück war er so betrunken, dass er den Baum ver­fehlte und statt­dessen in ein par­kendes Auto krachte. Er über­lebte, weit­ge­hend unver­letzt. Vor ein paar Jahren schnitt ein anderer Freund sich die Puls­adern auf. Auch er über­lebte.

In den ersten sechs Wochen plagen auch mich Schuld­ge­fühle, davon­ge­kommen zu sein. Warum habe ich über­lebt, wo so viele andere gestorben sind? Ich rede mir ein, dass ich es nicht ver­diene wei­ter­zu­leben, denn ich habe mir dieses Recht nicht erworben: Es war reines Glück, somit habe ich es nicht ver­dient. Also fange ich an, mich selbst zu hassen und möchte nicht mehr leben. Aber ich muss wei­ter­ma­chen, denn von nun an muss mein Leben einen Sinn haben. Ich bin ver­schont worden, und wenn ich auch nur einen ein­zigen Tag ver­schwende, hin­ter­gehe ich die­je­nigen, die gestorben sind.

Ich weiß, dass ich keinen Fuß­ball mehr will. Das FA-Cup-Finale 89 nehme ich kaum wahr: Liver­pool schlägt Everton, und gedan­ken­lose Kom­men­ta­toren reden über einen Blech­kübel, der in die Höhe gereckt wird, als wäre das eine ange­mes­sene Ehren­be­zeu­gung für die Toten.

Dann wendet sich die Polizei an mich, um meine Aus­sage auf­zu­nehmen. Nachdem die Medien die Liver­pool-Fans mona­te­lang durch den Dreck gezogen haben, komme ich end­lich dazu, meine Wahr­heit zu erzählen.

Wer irrt sich? Und wer will sich irren?

Im Juli 1989 suchen mich zwei Beamte in Zivil bei mir zu Hause in Ste­venage auf. Es ist ein Sonntag, gegen zwei Uhr am Nach­mittag und im Fern­sehen läuft Golf. Ich beginne zu erzählen, was geschehen ist, und sie fangen an, mich aus­zu­la­chen. Bald darauf schnauben sie, gähnen und wenden sich ab, um Golf zu schauen. Sie nicken sar­kas­tisch, als ich ihnen von den Ver­säum­nissen der Polizei erzähle und wie sie uns mal­trä­tierten, als wir ver­suchten, die Ster­benden zu retten.

Dann rei­chen sie mir meine Aus­sage, die sie wäh­rend der Befra­gung mit­ge­schrieben haben. Würden Sie das bitte durch­lesen und unter­schreiben?“ Aber sie haben die Bedeu­tung bestimmter Vor­komm­nisse ver­än­dert und wich­tige Details aus­ge­lassen. Was denn zum Bei­spiel?“, will der Beamte wissen. Nun ja, ant­worte ich, dies ist pas­siert und jenes ist pas­siert. Er schüt­telt den Kopf. Das ist nicht pas­siert“, sagt er.

Mehr­fach teilen sie mir mit, dass ich mich irre; dass ich nichts Rele­vantes gesehen habe; dass es dort, wo ich gestanden hatte, nicht so schlimm gewesen sei und dass ich bei der bevor­ste­henden Unter­su­chung kein brauch­barer Zeuge sein werde. Meine Dar­stel­lung sei nicht über­zeu­gend und werde am besten zu den Akten gelegt. Wenn Sie also ein­fach die Aus­sage unter­schreiben würden, ver­schwinden wir und Sie können wieder Ihrem Leben nach­gehen.“

Das erste Urteil: Ein Unfall

Wäh­rend ich zuneh­mend wütender werde, stellt der Beamte, der die Fern­be­die­nung in den Händen hält, den Fern­seher immer lauter. Ich muss schreien, um mir in meinem eigenen Wohn­zimmer Gehör zu ver­schaffen, und sie ver­su­chen, mich zu über­tönen. Schließ­lich unter­schreibe ich die Aus­sage und sie hauen ab.

Damals, im Sommer 1989, kann ich nicht ahnen, dass ich in einen der größten Ver­tu­schungs­ver­suche in der Geschichte der bri­ti­schen Recht­spre­chung ver­strickt bin. Also schließe ich ein­fach die Tür, mur­mele, dass sie sich ver­pissen sollen, gehe in meine Schlaf­zimmer und breche zusammen. Aber in meinem Kopf haben sie einen schreck­li­chen, win­zigen Samen des Zwei­fels gesät. Wo Sie waren, war es nicht so schlimm. Sie haben nichts gesehen. Ihre Erin­ne­rung ist feh­ler­haft. Sie sind gekommen, um meine Wahr­heit zu stehlen. Schlimmer noch, sie haben ange­deutet, dass ich fan­ta­siere; dass ich über­zogen reagiert habe. Ich bin zu emp­find­lich, denke ich; und außerdem weich in der Birne.

Die ersten Unter­su­chungen zu Hills­bo­rough wurden im März 1991 abge­schlossen. Der Urteils­spruch: Ein Unfall, nie­mand trug die Ver­ant­wor­tung an der Kata­strophe. Der kleine Samen des Zwei­fels schlug Wur­zeln und wuchs und wuchs. Viel­leicht hatte ich mich geirrt und hatte über­re­agiert. Aber das passte nicht zu meinen stän­digen Alb­träumen und den Bergen an Lei­chen. Es war wie Bergen-Belsen. Wo Sie waren, war es nicht so schlimm.

Jah­re­lang wachte ich immer wieder schweiß­ge­badet auf. Im Schlaf wälzte ich mich im Bett so heftig hin und her, dass ich einmal mit den Füßen auf dem Kissen und dem Kopf über den Bett­rand hän­gend auf­wachte. Oft kam ich auf dem Küchen­boden wieder zu mir, nachdem ich ohn­mächtig geworden war. Ich bekam Panik­at­ta­cken in über­füllten U‑Bahnen. Eines Tages, so um 1993, als ich gerade Geschirr spülte oder die Katze füt­terte oder Zähne putzte, hielt ich plötz­lich inne und fragte mich: Mal ehr­lich, warst du über­haupt in Hills­bo­rough?“

Und eines Mor­gens, eben­falls 1993, wachte ich in einer Poli­zei­zelle auf. Nicht mehr in der Lage, meine Wut im Zaum zu halten, war ich in London auf meh­rere Poli­zisten los­ge­gangen und wegen Stö­rung der öffent­li­chen Ord­nung fest­ge­nommen worden. Auf der Wache reichte man mir ein Ankla­ge­pro­to­koll, das ich durch­lesen und unter­schreiben sollte. Aha“, sagte ich … ich nahm das Pro­to­koll, hielt es ins Licht, drehte es um und legte es auf den Schreib­tisch. Nö, kommt nicht in die Tüte“, sagte ich. Auch sie lachten über mich; dann gaben sie mir ein Bett und warfen die Anklage in den Müll.

Sel­tenes Trauma

1996 pas­sierte es wieder, im Lon­doner Westen. Aber diesmal nahm mich der dienst­ha­bende Beamte, der mich am nächsten Morgen ent­ließ, ins Gebet. Gab mir eine Tasse Tee. Fragte mich, was ich mir dabei gedacht hätte. Ich sagte: Ich war 1989 in Hills­bo­rough dabei und kann Bullen nicht leiden.“ Er nickte bedächtig und sagte: Nun ja, das kann ich durchaus ver­stehen. Aber du kannst so nicht wei­ter­ma­chen. Du wirst dir dein Leben rui­nieren.“ Ich saß da, ent­waffnet und sprachlos. End­lich hatte jemand aus der Obrig­keit mir zuge­hört. Es war nicht mehr als ein zwei­mi­nü­tiges Gespräch, aber ich ver­ließ die Wache als geläu­terter Mensch.

Hills­bo­rough ist ein sel­tenes Trauma. Ich weiß das, weil ich dort nicht die ein­zige Kata­strophe über­lebt habe. An Hei­lig­abend 2004 fuhr ich mit meiner Freundin in den Urlaub an die Süd­west­küste von Sri Lanka. Als wir am Zweiten Weih­nachts­fei­ertag auf­wachten, befand sich unser Hotel mitten im Indi­schen Ozean. Der Tsu­nami hatte den Mee­res­spiegel um mehr als zehn Meter ange­hoben. Die ersten beiden Etagen des drei­stö­ckigen Hotels standen unter Wasser und das Meer drang durch den Fuß­boden. Deb und ich schauten uns an. Springen wir vom Dach und ver­su­chen, an Land zu schwimmen, wo auch immer das sein mochte? Oder bleiben wir und hoffen, dass das Hotel stand­hält?

Kein Ver­gleich

Wir blieben auf dem Dach, und schließ­lich zog sich das Meer wieder zurück, wir über­standen die Kata­strophe unver­sehrt. Zwei Monate später begann ich eine The­rapie. Ich hatte sechs Wochen lang nicht richtig geschlafen und war leicht trau­ma­ti­siert. Die The­rapie schlug an und bald schon war ich wieder der Alte. Ich denke heute nur noch selten daran.

Rund 230 000 Men­schen kamen durch den Tsu­nami von Weih­nachten 2004 ums Leben, 96 waren es in Hills­bo­rough. Aber für mich ist Hills­bo­rough ein viel, viel schlim­merer Alb­traum. In erster Linie, weil ich in Sri Lanka nie­manden sterben sah. Aber da ist noch etwas anderes. Als Deb und ich auf der obersten Etage des Hotels standen, fällten wir eine Ent­schei­dung auf Leben oder Tod: bleiben oder schwimmen? Es war unsere Ent­schei­dung. Wenn man sich mit einer lebens­be­dro­henden Situa­tion kon­fron­tiert sieht, ist es der fun­da­men­talste mensch­liche Antrieb, über das eigene Schicksal bestimmen zu wollen. Aber in Hills­bo­rough waren die meisten in Block 3 und 4 machtlos.

Und da war noch was: die Ableh­nung. In Hills­bo­rough lag unser Schicksal in den Händen anderer, in denen von Beamten in dun­kel­blauen Uni­formen, die sich ent­schei­dende Minuten lang von uns abkehrten und nichts unter­nahmen. Das Min­der­wer­tig­keits­ge­fühl ist kaum in Worte zu fassen. Was ist denn so schlecht an mir – an uns? Warum helft ihr uns nicht? Wir sind keine Hoo­li­gans, wir sind Men­schen. Und wir sterben hier.

Als im Sep­tember 2012 der Bericht des Hills­bo­rough Inde­pen­dent Panel“ ver­öf­fent­licht wurde, bedeu­tete das einen Wen­de­punkt in der öffent­li­chen Debatte über die Kata­strophe. Die unab­hän­gige Unter­su­chungs­kom­mis­sion deckte die Lügen von Polizei und Ret­tungs­kräften auf und kam zu dem Schluss, dass die Fans voll­kommen schuldlos an der Tra­gödie waren. In der Bevöl­ke­rung war die Empö­rung groß, und nun wurden in War­rington neue Unter­su­chungen auf­ge­nommen.

1000 Zeugen, 5000 Fotos, 1 Erkenntnis

Diese Unter­su­chungen, die am 26. April dieses Jahres abge­schlossen wurden, ent­wi­ckelten sich zu den lang­wie­rigsten in der bri­ti­schen Jus­tiz­ge­schichte. Fast 300 Tage lang wurden annäh­rend 1000 Zeugen ange­hört, 5000 Fotos zugäng­lich gemacht, dazu ein 27-minü­tiger Video­zu­sam­men­schnitt – der letzt­gül­tige Beweis, wie sich die Liver­pool-Fans außer­halb des Sta­dions wirk­lich ver­halten hatten. Kein ein­ziges Foto oder Video­bild deu­tete auf ein Fehl­ver­halten hin, wie es jahr­zehn­te­lang von den Poli­zei­an­wälten unter­stellt worden war.

Aber eine wich­tige Frage blieb weiter unbe­ant­wortet: Was um alles in der Welt ging in den Köpfen der Poli­zei­be­amten vor, die sich in Hills­bo­rough am Spiel­feld­rand befanden? Sie waren wenige Meter von Men­schen ent­fernt, die mit sol­cher Wucht gegen den Stahl­zaun gedrückt wurden, dass er sich zum Spiel­feld hin aus­beulte. Die blaue Farbe des Git­ters wurde vor ihren Augen in die Gesichter der Opfer gerieben. Warum wandte sich die Polizei ab und schob flüch­tende Fans sogar zurück ins Gewühl, bevor sie end­lich beschlossen, dass diese Men­schen es wert waren, gerettet zu werden?

Einige der Beamten, die damals im Sta­dion waren, sind mitt­ler­weile ver­storben, andere wollten oder konnten krank­heits­be­dingt nicht aus­sagen. Ihr Schweigen kaschiert eine der großen unan­ge­nehmen Wahr­heiten über Hills­bo­rough. Die eng­li­sche Polizei der acht­ziger Jahre war näm­lich darauf kon­di­tio­niert, sämt­liche Fuß­ball­fans als poten­ti­elle Hoo­li­gans zu betrachten. Des­wegen waren in Hills­bo­rough Men­schen gestorben. Das ist eine Schande für die dama­lige kon­ser­va­tive Regie­rung und ihre Anfüh­rerin Mar­garet That­cher. Sie hatte Fuß­ball­fans zu inneren Feinden“ (wie die IRA) erklärt und uns bei jeder sich bie­tenden Gele­gen­heit kri­mi­na­li­siert.

Ver­piss dich, Kleiner“

Als die über­le­benden Fans damals in Hills­bo­rough anfingen, auf den Rasen zu strömen und keine Ambu­lanz in Sicht war, wen­dete ich mich an das Spa­lier der Poli­zisten, die an der Mit­tel­linie Stel­lung bezogen hatten, und beschwor die Beamten, dabei zu helfen, unsere Ster­benden zu retten. Das hier hat nichts mit Hoo­li­ga­nismus zu tun“, sagte ich. Es sind zu viele Fans in den Block gelassen worden.“ Ich bin nur 1,70 Meter groß und die Beamten ließen sich nicht mal dazu herab, mich anzu­sehen und mit mir zu reden. Sie schauten ein­fach gera­deaus. Wir sind groß und du bist klein, schienen sie zu sagen. Tu was!“, brüllte ich einen Beamten an. Hilf uns!“ Der Beamte neigte den Kopf zu einem Kol­legen und sagte: Komisch … hörst du auch was?“ Sein Kumpel lachte und sagte dann: Ver­piss dich, Kleiner.“

Also schloss ich mich den Jungs an, die eine Wer­be­bande vor der Haupt­tri­büne aus­ein­an­der­nahmen. Aber bevor wir sie benutzen konnten, kam ein Poli­zist und stellte sich darauf, so dass wir sie nicht anheben konnten. Ihr könnt nicht ein­fach das Sta­dium ver­wüsten“, sagte er. Sie waren nicht nur nutzlos, sie behin­derten sogar unsere Bemü­hungen, Leben zu retten. Ein paar Meter ent­fernt lagen ster­bende Men­schen auf dem Rasen und dieser Bulle ver­suchte, einen Streit zu beginnen. Ein Fan lief heran und stieß ihn so heftig von der Bande, dass er Rich­tung Haupt­tri­büne segelte. Keiner der Zuschauer in der ersten Reihe rührte einen Finger, um ihm zu helfen, und langsam ver­än­derte sich seine Miene Was mache ich hier eigent­lich?“, war darin zu lesen. Ja, was machte er da eigent­lich? Und was dachten er und seine Kol­legen sich dabei?

End­lich, nach 27 Jahren, haben wir nun Gerech­tig­keit bekommen – und das hat mein Leben ver­än­dert. Es fühlt sich an, als hätte sich aus meinem Kopf ein Nebel ver­zogen, der darin gefangen war, seit ich 19 war. Ich habe, als Über­le­bender und als Jour­na­list, einen kleinen Bei­trag dazu geleistet, den größten Jus­tiz­irrtum der bri­ti­schen Geschichte zu kor­ri­gieren. Jetzt möchte ich mich end­lich meiner Gar­ten­ar­beit widmen, ein Buch lesen und mir eine Katze zulegen. Ein­fache, all­täg­liche Dinge tun, statt gegen die Unge­rech­tig­keit zu kämpfen und mir Sorgen zu machen, dass andere Über­le­bende, meine Freunde, sich das Leben nehmen. Das werden sie jetzt nicht mehr tun. Gerech­tig­keit ist näm­lich viel mehr als ein simples Rechts­in­stru­ment. Zwei Wochen nach dem Urteils­spruch, ich war im Urlaub in Devon, machte ich eine merk­wür­dige Ent­de­ckung: Ich fühlte mich wieder mit dem Eng­land ver­bunden, das ich vor 1989 gekannt und geliebt hatte. Es ist, als hätte ich die 27 Jahre dazwi­schen in einem anderen Land gelebt.

Geschichte eines Ver­lusts

Hills­bo­rough ist die Geschichte eines Ver­lusts, der auch heute noch schwer zu bemessen ist. Mil­lionen eng­li­scher Fuß­ball­fans glauben, dass unser Natio­nal­sport am 15. April 1989 als Kul­turgut ver­loren ging. Doch die jüngsten Unter­su­chungen in War­rington haben auch bestä­tigt, was ich schon viel früher wusste: Der moderne eng­li­sche Fuß­ball wurde auf einer monu­men­talen Lüge errichtet.

Zur Erin­ne­rung: 1989 hatte der eng­li­sche Fuß­ball ein von Aus­schrei­tungen geprägtes Jahr­zehnt hinter sich. Die Obrig­keit gab die Schuld daran einer Schicht von Leuten, die sie als wertlos betrach­tete: der ent­frem­deten Arbei­ter­klasse. Die Öffent­lich­keit wurde von Poli­ti­kern, den Medien und der Pre­mier­mi­nis­terin sogar davor gewarnt, zu Fuß­ball­spielen zu gehen. Auf der anderen Seite gab es eine wort­ge­wandte Lobby von Fans, die Pro­bleme ansprach, die Bedin­gungen in den bau­fäl­ligen Sta­dien bei­spiels­weise. Oder die Art und Weise, wie wir in den Medien dar­ge­stellt und von der Polizei behan­delt wurden. Dann pas­sierte Hills­bo­rough. Allen war klar: So können wir nicht wei­ter­ma­chen! Unser Fuß­ball bedarf radi­kaler Reformen! Aber wer würde sich in der Debatte durch­setzen, die Fans oder die Obrig­keit?

Der Taylor Report

Wäh­rend noch Liver­pool-Fans in Kran­ken­häu­sern im Sterben lagen, bestellte die Regie­rung einen Richter und wies ihn an, sich ein Bild davon zu machen, was am 15. April 1989 in Shef­field pas­siert war, und dann eine Emp­feh­lung aus­zu­spre­chen. Lord Jus­tice Taylor war ein mutiger Mann und betä­tigte in seinem ersten Bericht, der bereits im Juli erschien, dass die Kata­strophe durch das inkom­pe­tente Vor­gehen der Poli­zei­kräfte ver­ur­sacht worden sei, durch Ver­säum­nisse von Seiten des gast­ge­benden Klubs, der Bau­sta­tiker, des Fuß­ball­ver­bandes und der ört­li­chen Behörden. Sein erster Taylor Report erschien schon im Juli 1989 und unter­mau­erte, was die mar­gi­na­li­sierten Fuß­ball­fans schon lange gesagt hatten.

Für Pre­mier­mi­nis­terin Mar­garet That­cher war das ein schwerer Schlag, denn der Bericht unter­lief ihr Vor­haben, eine Aus­weis­pflicht für Fuß­ball­fans ein­zu­führen. Als er publik gemacht wurde, bil­ligte die Regie­rung den Report nicht voll­ständig, son­dern behan­delte ihn als Debat­ten­bei­trag. 2012 för­derte das Hills­bo­rough Inde­pen­dent Panel“ ein internes Regie­rungs­me­mo­randum zutage, dem­zu­folge der dama­lige Innen­mi­nister Dou­glas Hurd nach Erhalt des Taylor Reports die Pre­mier­mi­nis­terin dar­über in Kenntnis gesetzt hatte, dass der Chef der South York­shire Police nach seinem Dafür­halten zurück­treten müsse …, da die Trag­weite der Kata­strophe und das Ausmaß, in dem der Bericht die Polizei belastet, dies unum­gäng­lich mache.“ Aber That­cher zwang Hurd, den Mund zu halten. Mit diesem Rück­halt durch den mäch­tigsten bri­ti­schen Poli­tiker seit Win­ston Chur­chill begann die South York­shire Police, den Taylor Report öffent­lich zu dis­kre­di­tieren. Warten wir ab, bis die Unter­su­chungen beginnen“, hieß es, dann werden Sie eine andere Seite der Geschichte zu sehen bekommen.“ Und genau das bekam die Öffent­lich­keit dann auch. Die Polizei schrieb die Geschichte um.

Wäre Tay­lors Bericht damals von That­cher gebil­ligt worden, wäre den Ange­hö­rigen der Hills­bo­rough-Opfer zügig und rei­bungslos Gerech­tig­keit wider­fahren. Innen­mi­nister Hurd hätte den Rück­tritt des Chefs der South York­shire Police gefor­dert und die Fami­lien wären bereits 1990 zu ihrem Recht gekommen. Wahr­schein­lich wären Fuß­ball­fans außerdem in der Posi­tion gewesen, ein Mit­spra­che­recht bei der Umge­stal­tung des Sports zu for­dern – denn 1989 hatte Taylor bestä­tigt, dass wir, die Fans, sowohl Opfer als auch zu Unrecht Beschul­digte waren.

Aber nichts der­glei­chen pas­sierte. Wäh­rend die Polizei agi­tierte, schauten der eng­li­sche Fuß­ball­ver­band, Shef­field Wed­nesday und die zustän­digen Behörden, die in die Tra­gödie ver­wi­ckelt waren, ein­fach weg. Sie kamen nicht nur unge­schoren davon, son­dern durften auch noch über die Zukunft des Fuß­balls ent­scheiden – bei wenig bis gar keinem Mit­spra­che­recht der Fans. So begannen sie unseren Natio­nal­sport zu ver­hö­kern. Auch dank des zweiten Taylor Reports vom Januar 1990, der die Abschaf­fung der Steh­plätze for­derte.

1990 kehrte ich zurück

Nach Hills­bo­rough konnte ich ein Jahr lang keinen Fuß­ball ertragen. An einem kalten Früh­lingstag im März 1990 kehrte ich schließ­lich zurück. Liver­pool ackerte sich zum 18. Meis­ter­titel, und als ich in Anfield ein­traf und oben auf dem Kop stand, wusste ich, dass es ein Fehler war. Um die Wel­len­bre­cher waren noch Schals geschlungen, zu Ehren der Toten. Auf den Mauern standen in schwarzer Schrift ihre Namen geschrieben – Namen, zu denen Stimmen gehörten, die ich nicht aus dem Kopf bekam, mit Bil­dern dazu, die in der Zeit erstarrt waren. Auf dem Platz bewegten sich die Spieler wie leere Fla­schen im Meer und auf der Bank machte Kenny Dalg­lish, von der Tra­gödie gezeichnet, seine per­sön­li­chen Qualen durch. Nichts davon ergab noch einen Sinn, und als ich das Sta­dion ver­ließ, war mir klar, dass ich dem Fuß­ball für immer würde den Rücken kehren müssen.

Für immer bedeu­tete 19 Jahre. Bis zum April 2009 konnte ich es nicht ertragen, Liver­pool spielen zu sehen. Als sich der 20. Jah­restag der Kata­strophe näherte und keine Gerech­tig­keit in Sicht war, schrieb ich eine Geschichte für die Sonn­tags­zei­tung Observer“ über meine Erleb­nisse in Hills­bo­rough. Kurz darauf wurde ich von zwei anderen Über­le­benden dazu über­redet, nach Anfield zurück­zu­kehren. Es war ein Vier­tel­fi­nale in der Cham­pions League. Chelsea war zu Gast: Empor­kömm­linge, neu­reich, rus­sisch. Ein Spiel mitten in der Woche unter Flut­licht, eine euro­päi­sche Nacht in Anfield. Als ich auf den Kop kam, hörte ich bei­nahe auf zu atmen. Über mir flat­terten, wie die Segel einer kleinen Armada, dut­zende wun­der­schöne Fahnen: Es war eine Hom­mage an Xabi Alonso, der damals für Liver­pool spielte. Als der Kop You’ll Never Walk Alone“ anstimmte und das Lied nicht enden zu wollen schien, erin­nerte ich mich wieder: Dies ist ein Teil meines Lebens! Ich war bereit, wieder aufs Rad zu steigen.

Unbe­queme Wahr­heit

Aber wenn ich ehr­lich bin, ist es ein Rad mit Stütz­rä­dern. Zwar bin ich seit jenem Abend immer wie­der­ge­kommen, aber vor­sichtig, zag­haft. Ich war in Anfield dabei, als wir im April 2016 den BVB schockten (Sie könnten mich schreien gehört haben), aber es ist nicht mehr das­selbe. Hills­bo­rough bleibt eine Geschichte von Ver­lust – von 96 Leben, der Idee von Wahr­heit und Gerech­tig­keit, dem Glauben an unsere öffent­li­chen Insti­tu­tionen. Und von so vielem, das die Fans an ihre Klubs und das Spiel gebunden hat, das wir liebten. In den 27 Jahren, die es brauchte, um der bri­ti­schen Öffent­lich­keit die Wahr­heit dessen, was im April 1989 in Shef­field pas­sierte, zu erzählen, ist der Fuß­ball zu einem Unter­hal­tungs­pro­dukt für den glo­balen Fern­seh­markt umge­staltet worden. Wir werden uner­müd­lich auf­ge­for­dert, hin­zu­schauen – aber bit­te­schön nicht zu genau. Denn dann würden wir erkennen: In der uner­bitt­lich kom­mer­zia­li­sierten Reak­tion auf Hills­bo­rough haben auch Mil­lionen eng­li­scher Fuß­ball­fans etwas ver­loren. Das ist eine wei­tere unbe­queme Wahr­heit, die sich hinter der größten Kata­strophe in der Geschichte des bri­ti­schen Sports ver­birgt.