Nor­bert Meier ent­wi­ckelt einen gewissen Trotz, wenn er über diese Szene spricht, die ihn wohl sein gesamtes Berufs­leben lang ver­folgen wird. Diese Szene an einem Dezem­ber­abend 2005 in der Duis­burger Fuß­ball­arena. Die in die Bun­des­liga-Geschichte ein­ging.



Der 50-Jäh­rige sitzt in der Café-Bar des Düs­sel­dorfer Sta­dions, und auch dies ist eine Folge seiner zu dichten Begeg­nung mit dem Fuß­ball-Profi Albert Streit. Nor­bert Meier ist heute Trainer des Dritt­li­gisten For­tuna Düs­sel­dorf und klopft als Tabel­len­zweiter wieder an die Tür zum deut­schen Pro­fi­fuß­ball. Dabei glaubt er, dass er eigent­lich noch Trainer beim MSV Duis­burg sein müsste. Beim Erst­li­gisten MSV Duis­burg ver­steht sich, denn mit ihm, so glaubt er, wäre der MSV nicht wieder in die zweite Liga abge­stiegen.

Ein Gefühl zwi­schen Bestür­zung und Hei­ter­keit

Doch da war diese Szene, die aus Nor­bert Meier den »Kopf­stoß-Meier«, die aus dem bis dahin unbe­schol­tenen und fach­lich geschätzten Trainer den bösen Buben der Nation machte. Selbst nach drei Jahren erregt die Begeg­nung zwi­schen Meier, damals Trainer des MSV Duis­burg, und Albert Streit, damals Mit­tel­feld­spieler des 1. FC Köln, beim Beob­achter ein Gefühl zwi­schen Bestür­zung und Hei­ter­keit.





Acht Minuten vor Schluss eines hit­zigen Spiels foult Streit in der Nähe der Sei­ten­linie einen Duis­burger Gegen­spieler. Meier ruft dem Kölner einige Worte zu, Streit baut sich vor dem klei­neren Trainer auf, geht mit aggres­sivem Blick Nase an Nase. Dann stößt Meier mit der Stirn Rich­tung Streit und stürzt selbst schreiend zu Boden, wälzt sich auf dem Rasen. Auch Streit fällt, Tumulte ent­stehen. Der ent­rüs­tete Streit sieht Rot, Meier muss den Innen­raum ver­lassen.

Drei Monate Berufs­verbot

Der Trainer beging anschlie­ßend zu allem Über­fluss den Fehler, selbst in der Pres­se­kon­fe­renz noch seine Unschuld zu beteuern. Obwohl die Fern­seh­bilder längst in Super­zeit­lupe den Tat­her­gang file­tiert und Meier als Angreifer ent­tarnt hatten. Meier erhielt vom DFB ein drei­mo­na­tiges Berufs­verbot, der MSV ent­ließ ihn, alle Medien wid­meten ihm ein Kapitel im Jah­res­rück­blick.

Und nun zum Trotz: »Es hat gut gepasst, ein halbes Jahr vor der Heim-WM 2006, da konnte man ein Exempel sta­tu­ieren«, sagt er heute. Es habe Leute gegeben, die meinten, er könne nie wieder irgendwo arbeiten, »aber das war für mich völlig unver­ständ­lich«.

Er habe einen Fehler gemacht, in einer ein­zigen Situa­tion in 25 Jahren Pro­fi­fuß­ball falsch reagiert, und sei dafür bestraft worden. Meier betont, dass er mit der Situa­tion klar­kommt, dass er damit leben kann. Er beteuert sogar, schon »vier Tage danach wieder zur Tages­ord­nung über­ge­gangen zu sein«. Und es ist davon aus­zu­gehen, dass er dies seither ver­sucht. Aber es klappt nicht immer.

Ein merk­li­cher Kar­rie­re­knick

Einer­seits hat ihn die Auf­re­gung ja nicht nur selbst getroffen, »auch meine Familie wurde da rein­ge­zogen, meine Kinder mussten sich einiges anhören«. Das hat ihn betroffen gemacht. Er gibt zu, mit dem Gedanken gespielt zu haben, ins Aus­land zu gehen. Doch er sah es ein­fach nicht ein, des­halb sein Leben derart dras­tisch ver­än­dern zu müssen. Auch wenn er in Deutsch­land einen merk­li­chen Kar­rie­re­knick hin­nehmen musste.

Zuerst ver­suchte Meier es beim Regio­nal­li­gisten Dynamo Dresden. Nach einem Jahr, im Sep­tember 2007 trennten sich Verein und Trainer wieder. Seit Anfang 2008 trai­niert er nun For­tuna Düs­sel­dorf, und schon bei seiner Ankunft riefen ihm die Kom­men­ta­toren ent­gegen, dies sei viel­leicht seine letzte Chance, in Deutsch­land noch einmal den Durch­bruch zu schaffen.
 
 »Schon in Dresden hat das Thema mit Streit eigent­lich keine Rolle mehr gespielt«, erzählt er. Auch in Düs­sel­dorf ist das pas­siert, was er schon im Dezember 2005 gehofft hatte: Es ist Gras über die Sache gewachsen. Ver­lässt er aller­dings Düs­sel­dorf, oder tritt er vor Gästen aus ganz Deutsch­land auf, wie vor dem Län­der­spiel gegen Nor­wegen im Vip-Zelt, zwin­kern sich in den hin­teren Reihen die Schelme zu.

»Und schon war ich wieder auf dem Platz«


Meier weiß selbst, dass überall Leute sein werden, die auf seine Kosten Witze machen, die ihn in eine Schub­lade ste­cken, obwohl er selbst betont, er sei in keine Schub­lade zu ste­cken. Befreien könnte sich Nor­bert Meier aller­dings erst, wenn er überr­re­gional wieder sport­liche Schlag­zeilen pro­du­ziert, wenn er also den Tra­di­ti­ons­klub For­tuna Düs­sel­dorf nach zehn Jahren in die zweite Liga zurück­führt.

In der ver­gan­genen Saison fehlte am Ende ein Sieg für den Auf­stieg. Jetzt belegt Düs­sel­dorf in der neuen dritten Liga wieder Platz zwei, der zum direkten Auf­stieg in die zweite Liga berech­tigen würde. Am Samstag spielt die For­tuna beim Abstiegs­kan­di­daten Jahn Regens­burg.

Aus der Geschichte mit Albert Streit habe er aller­dings auch gelernt: »Ich inter­es­siere mich nur noch für meine Spieler. Um geg­ne­ri­sche Spieler oder Trainer küm­mere ich mich null«, sagt er. Zumin­dest fast. Schon im ersten Rück­run­den­spiel gegen die Stutt­garter Kickers lief er aufs Feld, um in einen Tumult zwi­schen einigen Spie­lern ein­zu­greifen. Er muss lachen, wenn er daran denkt. »Und schon war ich wieder auf dem Platz. Es war aber in keiner Sekunde selbst­ge­fähr­dend. Ich habe zusammen mit dem Schieds­richter für Ruhe gesorgt. Der Lini­en­richter hat gesagt, so muss es sein.«