Mario Gomez drückte seine Tor­jä­ger­ka­none mit beiden Händen gegen den Bauch. Er stand da wie ein Grund­schüler, der seinen Ver­wandten die Ehren­ur­kunde von den Bun­des­ju­gend­spielen zeigt. Gomez musste acht­geben, nicht zu offen und zu häufig zu lachen. Seine Augen blitzten vor Stolz. Die Tor­jä­ger­ka­none ist ein Kind­heits­traum“, sagte er, in einer Reihe zu stehen mit den großen Namen, das macht mich stolz.“ Er wischte hin und wieder ein Staub­korn von der Kanone. Es sah aus, als würde er sie strei­cheln.

Der 25 Jahre alte Stürmer hat den ein­zigen Titel für den FC Bayern Mün­chen in dieser Saison geholt. Tor­schüt­zen­könig. Für den Rekord­meister, Rekord-Pokal­sieger und ambi­tio­nierten Cham­pions-League-Dau­er­gast klingt das nicht mal nach Trost­preis. Trost­preis ist eher der dritte Platz und die daraus fol­gende Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde für die Cham­pions League. Wir haben damit das Worst-case-Sze­nario Europa League ver­hin­dert, aber wir sind mit dieser Saison nicht zufrieden“, erklärte Sport­di­rektor Chris­tian Ner­linger.

Bayer Vize“ Lever­kusen hielt stand

Dabei hatten sie an diesem som­mer­li­chen Maitag gehofft, die unan­ge­nehme Qua­li­fi­ka­ti­ons­runde ver­meiden zu können. An som­mer­li­chen Mai­tagen ist in der Bun­des­liga-Geschichte schon Wun­der­li­ches pas­siert – meis­tens lachten und jubelten anschlie­ßend die Bayern, wäh­rend die anderen weinten. Diesmal nicht. Diesmal hat sogar Bayer Vize“ Lever­kusen stand­ge­halten und 1:0 in Frei­burg gewonnen. Die Mann­schaft des neuen Bayern-Trai­ners Jupp Heynckes ver­tei­digte Platz zwei.

Als in Mün­chen die Nach­richt von der Lever­ku­sener Füh­rung ein­traf, da war kaum einer im Sta­dion. Es war zur Halb­zeit­pause, als der Sta­di­on­spre­cher ver­kün­dete: Was willste machen, ein Eigentor.“ Da stand es in Mün­chen 1:1, die Stutt­garter hatten nach 24 Minuten einen wun­der­baren Angriff mit der Füh­rung durch den emsigen Shinji Oka­zaki beendet. Tor­schüt­zen­könig Gomez glich nach einer famosen Vor­ar­beit von Arjen Robben aus (36.).

Klose schießt aus zwei Metern übers leere Tore

Weil auch nach der Pause nicht die all­seits erwar­teten Mel­dungen von Frei­burger Toren ein­trafen, plät­scherte das Spiel in der Frött­ma­ninger Arena immer mehr dahin. Erst nach einem Frei­stoß von Toni Kroos köpfte Bas­tian Schwein­s­teiger zum 2:1 für die Gast­geber ein. Das war nach 70 Minuten, offenbar zu spät, um die Lever­ku­sener im Fern­duell nervös zu machen.

Dabei hätten die Münchner nach alter Gewohn­heit den Kon­kur­renten schon ganz früh nervös machen können. Doch der Ball fiel nach elf Minuten nicht auf den Fuß von Kano­nist Gomez, son­dern von Miroslav Klose. Der Natio­nal­spieler schaffte es, nach einer herr­li­chen Robben-Vor­ar­beit aus zwei Metern über das leere Tor zu schießen und fand damit Ein­gang in die Galerie der Tor-Ver­sager der Saison – zusammen mit dem Dort­munder Jakub Blaszc­zy­kowski und dem Frank­furter Theo­fanis Gekas.

Uli Hoeneß stand bei dieser Szene wie die anderen etwa 60.000 Bayern-Fans schon jubel­be­reit vor dem Sitz und blieb so noch eine Weile stehen, weil er das Gesche­hene nicht fassen konnte. Gut mög­lich, dass die Szene beim Bauch­men­schen Hoeneß den Aus­schlag gibt, Miroslav Klose in den Ver­trags­ver­hand­lungen nicht mehr ent­gegen zu kommen. Klose ist der größte Wackel­kan­didat im Münchner Kader.

Coen­trao? Eine Ente!

Sport­chef Ner­linger und Klose bestä­tigten, dass es in der kom­menden Woche Gespräche geben wird. Die Vor­stel­lungen liegen weit aus­ein­ander: der 32 Jahre alte Stürmer hätte gerne zwei Jahre Ver­trag, der Verein bietet nur ein Jahr. Außerdem möchte der Klub gerne das üppige Jah­res­salär von angeb­lich acht Mil­lionen Euro min­des­tens hal­bieren. Noch ist keine Ent­schei­dung gefallen, doch die Zwi­schen­töne deu­teten am Samstag eher auf eine Tren­nung hin.

Noch wurde Klose nicht offi­ziell ver­ab­schiedet. Dafür erhielten Hamit Alt­intop, Thomas Kraft und Andreas Ottl ihre Blu­men­sträuße und Umar­mungen von Vor­stands­chef Karl-Heinz Rum­me­nigge. Alt­intop könnte nächste Woche bei Real Madrid unter­schreiben, wo in Nuri Sahin und Mesut Özil zwei Kli­enten seines Bera­ters Reza Fazeli warten.

Tor­wart Kraft ver­ab­schie­dete sich am Ende von den Fans, die lieber ihn als den Schalker Manuel Neuer als neuen Stamm­tor­hüter gesehen hätten. Doch Kraft wech­selt nach Berlin. Und Ottl? Es gibt meh­rere Inter­es­senten, ich werde mir das alles in der nächsten Zeit anschauen.“ Favorit soll eben­falls Auf­steiger Hertha BSC sein, der von dem ehe­ma­ligen Bayern-Profi Markus Babbel trai­niert wird.

Nils Petersen kommt, Inter­esse an Arturo Vidal

In Mün­chen wird Neuer bald seinen Ver­trag unter­schreiben. Prä­si­dent Hoeneß erklärte schmun­zelnd: Die Wahr­schein­lich­keit, dass wir einen guten neuen Tor­wart kriegen, ist nicht klein.“ Als Impuls­geber im Angriff kommt der Zweit­liga-Tor­schüt­zen­könig Nils Petersen aus Cottbus. Zudem bestä­tigte Hoeneß das Inter­esse an Lever­ku­sens Arturo Vidal, dem erklärten Lieb­lings­spieler des neuen Trai­ners Heynckes.

Als Ente“ bezeich­nete Ner­linger hin­gegen ein ver­meint­li­ches Inter­esse am por­tu­gie­si­schen Links­ver­tei­diger Fabio Coen­trao. Dafür sind der Glad­ba­cher Tempo-Fuß­baller Marco Reus sowie Jerome Boateng für die Abwehr wei­tere ernste Kan­di­daten. Der Fall Boateng birgt aber seine Tücken.

Ner­linger warnt: Die Quali ist kein Selbst­läufer

Denn Boateng steht bei Man­chester City unter Ver­trag und bei der­zei­tigem Stand könnte der Klub in den Play-off-Spielen zur Cham­pions League auf den FC Bayern treffen. Bei den Par­tien am 17./18. und 24./25. August werden die Münchner auf­grund ihres Uefa-Koef­fi­zi­enten gesetzt sein, Man­City nicht. Ob die von einer ara­bi­schen Mil­li­ar­därs­fa­milie unter­stützten Eng­länder Boateng an einem mög­li­chen Gegner abgeben? Nicht nur des­halb warnt Ner­linger: Diese Quali ist sehr gefähr­lich. Die Mann­schaften, die in Frage kommen, sind kein Selbst­läufer.“

Trotz dieser heiklen Aus­gangs­lage bli­cken die Bayern mit einem Lächeln in die nächste Saison. Ich freu mich auf die Zusam­men­ar­beit mit Jupp Heynckes“, sagte Hoeneß, der den 66-jäh­rigen als Haupt­ver­än­de­rung“ sieht, mit der der FC Bayern um diese Zeit im nächsten Jahr besser dasteht“.

Durch eine freund­liche, aber ziel­ge­rich­tete Atmo­sphäre in der Chef­etage und in der Mann­schaft gehen die Münchner davon aus, im kom­menden Jahr wieder die Meis­ter­schaft zu holen. Auch das Cham­pions-League-Finale 2012 im eigenen Sta­dion ist ein Ziel. Bei aller Sym­pa­thie der Bayern für Mario Gomez: Er soll in einem Jahr nicht wieder der ein­zige sein, der eine Tro­phäe strei­chelt.