Im ent­schei­denden Final­run­den­spiel trifft Gast­geber Bra­si­lien bei der WM 1950 auf den Nach­barn aus Uru­guay. 205.000 Zuschauer sind ins Mara­canã-Sta­dion gepil­gert, um dabei zu sein, wie die Seleçao den ersten Titel in ihrer Geschichte auf hei­mi­schem Grund ein­fährt. Bra­si­lien reicht ein Unent­schieden, und alles läuft nach Plan. In der 47. Minute hat Friaça das favo­ri­sierte Team mit 1:0 in Füh­rung geschossen. Der WM-Sieg scheint in greif­barer Nähe. Doch in der 66. Minute gleicht Uru­guays Juan Schiaf­fino aus. Auf der Tri­büne sitzt FIFA-Prä­si­dent Jules Rimet und ver­folgt das Geschehen. In seinen Memoiren wird er sich später der dra­ma­ti­schen Ereig­nisse erin­nern, die Mara­canã in seinen Grund­festen erschüt­tern – und für immer zu einem mytho­lo­gi­schen Ort der Fuß­ball­ge­schichte machen werden.

Wenige Minuten vor Spie­lende ver­ließ ich meinen Platz auf der Ehren­tribüne und machte mich auf den Weg in Rich­tung Kabinen. Die Mikro­fone wurden bereits vor­bereitet, und um mich herum machten die Zuschauer einen ohrenbe­täubenden Lärm. Durch die Tunnel der Riesen­tribüne begab ich mich beim Stand von 1:1 zur Sie­ges­feier, um den Bra­si­lia­nern die Tro­phäe zu über­rei­chen.“ (1)

In der 79. Spiel­mi­nute zieht Uru­guays Alcides Ghiggia an seinem Gegen­spieler vorbei und trifft zum 2:1 ins kurze Eck.

Als ich gerade am Aus­gang des Tun­nels ange­kommen war, ver­stummten die Jubel­rufe plötz­lich und eine trost­lose Stille legte sich über das Sta­dion. Uru­guay hatte eben sein zweites Tor geschossen und war Welt­meister.“

Tor­schütze Ghiggia wird viele Jahre später über seinen spiel­ent­schei­denden Treffer sagen: Nur Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich haben es geschafft, das Mara­canã mit einer ein­zigen Bewe­gung zum Schweigen zu bringen.“

Plötz­lich gab es keine Ehren­garde mehr, keine Natio­nal­hymne, keine Ansprache vor dem Mikrofon, keine glanz­volle Sie­ges­feier. Ich fand mich allein inmitten der Volks­menge, von allen Seiten bedrängt, mit dem Pokal in meinen Händen, ohne zu wissen, was ich tun sollte. Ich hielt nach dem uru­gu­ay­ischen Kapitän Aus­schau und über­reichte ihm – fast im Geheimen – den Pokal und streckte ihm die Hand hin, ohne ein Wort sagen zu können.“

Jules Rimet, der das Amt des FIFA-Prä­si­denten von 1921 bis 1954 inne­hatte, hat ein paar Glück­wün­sche auf Portu­giesisch aus­wendig gelernt, um den Bra­si­lia­nern gra­tu­lieren zu können. Selbst Uru­guays Spieler scheinen mit der Situa­tion über­for­dert, sie jubeln nur ver­halten. Kapitän Obdulio Varela wird später erklären, ein bra­si­lia­ni­scher Fan habe am Abend in einer Bar an der Copa­ca­bana ange­fangen zu weinen, als er ihn erkannte.

Später legte sich die Ver­wir­rung. Die Men­schen­menge brach langsam auf, wie wenn sie vom Friedhof käme. Funk­tio­näre und bra­si­lia­ni­sche Spieler gra­tu­lierten den Sie­gern mit einer trau­rigen, aber zugleich herz­li­chen Ver­beu­gung.“

Als die Rei­ni­gungs­kräfte Stunden nach Abpfiff das Sta­dion betreten, ent­de­cken sie vier Lei­chen. Die Obduk­tion ergibt, dass drei Sta­di­on­be­su­cher an Herz­in­farkten gestorben waren, ein wei­terer Fan hatte nach der Nie­der­lage Selbst­mord begangen, indem er von der Tri­büne gesprungen war. Das Spiel geht als Mara­ca­naço in die bra­si­lia­ni­sche Geschichte ein.

(1) Aus: Jules Rimet: Die wun­der­bare Geschichte des Welt­po­kals. Edi­tion Europa Verlag. 1954.