Wie müssen wir uns das Leben eines Alko­ho­li­kers vor­stellen? Lange Jahre war es geprägt von Maß- und Zügel­lo­sig­keit. Bezahlt isses, weg musses – das Halali an der Theke erklang jeden Abend. Und dann Prost, Prost und noch mal Prost. So auch im Leben des Bun­des­li­ga­profis Uli Borowka. Der Fuß­ball bietet sieben Gründe zu saufen“, sagt er uns. Jeder Wochentag ist einer.“ 

20 Jahre lang habe er getrunken und gegen Ende mit andert­halb Beinen im Grab gestanden“, erzählt Borowka beim Gespräch in einem Café in Berlin-Fried­richs­hain. Er berichtet vom unstill­baren Durst, einer Nacht in der Aus­nüch­te­rungs­zelle, dem rie­sigen Cut im Schädel, mit dem er eines Mor­gens auf­ge­wacht sei und von dem er nicht mehr gewusst habe, woher er eigent­lich stammte. War er etwa von einer Brücke gestürzt? Hatte ihm jemand einen über­ge­zogen? 

Es gibt viele Fragen, die sich Uli Borowka auftun, wenn er zurück­blickt. Nicht alle kann er beant­worten. So viele Film­risse, schwarze Löcher, Täler – und ohnehin ist Borowka keiner, der so tut, als wisse er alles. 

Wenn in einer Exis­tenz scheinbar logisch eins auf dem anderen auf­baut, nennt man das wohl Kar­riere. Wenn diese Logik fehlt, heißt es Schicksal. Borowka traf es hart, ja: ER traf sich hart. Heute sagt er: Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.“ Es war nicht wenig.

Es wurde ver­dammt viel unter den Tep­pich gekehrt

Das Schicksal des Uli Borowka birgt Träume und Alp­träume glei­cher­maßen, Tri­umphe und Deli­rien, Län­der­spiele und Tage in der Gosse. Dass jemand über­haupt Natio­nal­spieler werden kann, der an der Fla­sche hängt, ist allemal erstaun­lich. Noch erstaun­li­cher ist jedoch, dass ihm in all den Jahren nie­mand diese Fla­sche weg­ge­nommen hat. Co-Abhän­gig­keit“, nennt Borowka selbst dieses Geflecht aus Igno­ranz, Dul­dung und Ver­harm­lo­sung. Bei aller Glo­ri­fi­zie­rung der Mann­schaften ver­gan­gener Jahr­zehnte zu Bio­topen der Kame­rad­schaft muss man auch diese Eigen­heit mit­be­denken: Es wurde ver­dammt viel unter den Tep­pich gekehrt. 

Borowkas alte Glad­ba­cher Kum­pels Chris­tian Hoch­stätter und Win­fried Jacobs ver­frach­teten ihn 2000 schließ­lich in höchster Not in eine Ent­zugs­klinik. Das war mein per­sön­li­ches Dschun­gel­camp“, sagt Borowka. Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, habe ich gedacht: Uli, in deinem Leben ist aber einiges schief gelaufen.“ Vier Monate blieb er dort. Seitdem hat er nicht mehr gesoffen. 

Selbst­ret­tung durch Ver­mei­dung

Wie müssen wir uns nun das Leben eines tro­ckenen Alko­ho­li­kers vor­stellen? An die Stelle der wil­len­losen Pas­si­vität, die bei Uli Borowka dazu führte, dass er den Alkohol ver­nich­tete, wo immer er mir in die Quere kam“ , ist eine ent­schlos­sene Pas­si­vität getreten: Er trinkt nicht mehr. Selbst­ret­tung durch Ver­mei­dung. So wie eine alte Mutter, die sich an den Küchen­tisch setzt und sagt: So, jetzt spare ich“, lauscht auch der tro­ckene Alko­ho­liker dem Ticken der Uhr: So, jetzt bin ich absti­nent.“ 

Warten, bis Zeit und immer mehr Zeit ver­gangen ist, die die Wunden heilt. Bei Uli Borowka sind es nun schon elf Jahre. Ein tro­ckener Sieg.

An diesem Morgen in Berlin trinkt er drei Tassen Milch­kaffee, isst dazu drei Kekse mit Zimt­ge­schmack. Der einst här­teste Zwei­kämpfer der Bun­des­liga, der auch ihr här­tester Säufer war, rührt im Lieb­lings­ge­tränk der Metro­se­xu­ellen. Es ist gleich­wohl geeignet, um auf einen Sieg anzu­stoßen. Mein größter Erfolg ist“, sagt Uli Borowka, dass ich noch lebe.“ 

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