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Die Repor­tage erschien erst­mals in 11FREUNDE #197 im April 2018. Das Heft gibt es bei uns im Shop – genau wie das Abo mit allen aktu­ellen Aus­gaben.

Die letzte Bas­tion der Unschuld liegt in Dessau. Genauer in der Anhalt Arena“, einem Mul­ti­funk­ti­onsbau mit Well­blech­charme, wo jedes Jahr im Spät­winter der Allianz Cup“ aus­ge­tragen wird. Am Sams­tag­morgen spa­zieren Eltern mit ihren auf­ge­regten Kids an der Hand durch ein Indus­trie­ge­biet auf die Halle zu, in der schon Kir­mes­techno aus den Boxen dröhnt. Sonst spielt hier der Dessau-Ross­lauer HV in der zweiten Hand­ball­bun­des­liga, doch heute ist die Crème de la Crème des deut­schen Fuß­balls gekommen: Bayern, Dort­mund und neun wei­tere Erst­li­gisten, dazu Tot­tenham Hot­spur und der FC Chelsea aus der Pre­mier League – alle ver­treten durch ihre U11-Mann­schaften. 

Auf dem Spiel­feld wirken die Zehn- und Elf­jäh­rigen in den Tri­kots großer Ver­eine nicht nur wie Minia­tur­aus­gaben bekannter Pro­fi­ki­cker, son­dern werden auch so behan­delt. Kinder bitten sie ehr­furchts­voll darum, Auto­gramme auf Tri­kots zu krit­zeln und bestaunen anschlie­ßend die Unter­schriften von Jussef“, David“ und Lubo“. Ansonsten aber unter­scheidet sich die Fuß­ballidylle nicht von all den anderen Hal­len­tur­nieren für Kinder und Jugend­liche überall in Deutsch­land. Auf den Rängen feuern Eltern wäh­rend des Spiels ihre Kinder an oder rei­chen in den Pausen ein­ge­tup­perte Fri­ka­dellen. Jugend­trainer geben dem Nach­wuchs letzte Anwei­sungen, halten die Kinder bei Laune oder trösten wei­nende Jungs nach Nie­der­lagen. In Dessau ist die Welt noch in Ord­nung. 

Und doch herrscht hier nur die Ruhe vor dem Sturm. Das sagen alle an diesem Wochen­ende: Trainer, Betreuer und Eltern.

Die Welt des Jugend­fuß­balls ist in Auf­ruhr. Nicht weil schlecht gear­beitet würde. Im Gegen­teil: Die deut­sche Nach­wuchs­ar­beit gilt welt­weit als vor­bild­lich. 366 DFB-Stütz­punkte, 54 Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren der Klubs, Hun­derte von Trai­nern, Tau­sende von Spie­lern. Spieler aus dem Jugend­fuß­ball kommen fast umweglos in der Bun­des­liga zum Ein­satz. In der Saison 2017/18 sind Jan-Fiete Arp beim Ham­burger SV, der Her­thaner Arne Maier oder Denis Geiger in Hof­fen­heim die gefei­erten Roo­kies. In den letzten zehn Jahren ent­fielen 25,9 Pro­zent der Spiel­mi­nuten auf Spieler, die auch noch in der U23 spielen konnten. Davon träumen andere Länder: In der Pre­mier League waren es nur 15,4 Pro­zent, in Ita­lien 16,3 und in Spa­nien 18,4. 

Der Markt ist völlig außer Rand und Band.“ 

Und doch reden alle von einer Krise und der dunklen Seite der Erfolgs­ge­schichte. Am deut­lichsten for­mu­liert es der, der schon am längsten dabei ist. Volker Kers­ting leitet seit 26 Jahren die Jugend­ab­tei­lung des 1. FSV Mainz 05. Natio­nal­spieler wie André Schürrle oder Erik Durm wurden dort aus­ge­bildet, Thomas Tuchel und Sandro Schwarz bekamen hier das Rüst­zeug für ihre Trai­ner­kar­rieren. Doch der­zeit ist Kers­ting wütend. Ich weiß nicht mehr, ob es noch um die Aus­bil­dung von Spie­lern geht oder nur noch ums Geschäft“, sagt er. Der Markt ist völlig außer Rand und Band.“ Er muss Eltern warnen, dass ihre Kinder via Face­book oder Insta­gram von Bera­tern bedrängt werden. Klubs jagen sich gegen­seitig Zwölf­jäh­rige ab. 15-Jäh­rige bekommen inzwi­schen fürs Kicken monat­lich mehr als ein Fach­ar­beiter und werden behan­delt wie Aktien, in die man inves­tiert. Wir erleben den Maxi­mal­ka­pi­ta­lismus des Jugend­fuß­balls“, sagt Kers­ting. 

Da ist zum Bei­spiel Thierno Ballo, der gerade seinen 16. Geburtstag gefeiert hat und von Vik­toria Köln zum FC Chelsea gewech­selt ist. Geboren wurde er in der Elfen­bein­küste. Sein Vater floh von dort nach Öster­reich und holte seine Frau und den vier Jahre alten Thierno nach. Dessen Talent ent­deckte auf einem Sport­platz in Linz der IT-Unter­nehmer und Jugend­trainer in der Kreis­klasse Peter Huemer­lehner.

Er brachte den Jungen erst zum Linzer ASK, vor fünf Jahren wech­selte der damals Elf­jäh­rige dann zu Bayer Lever­kusen. Inter­na­tio­nale Ver­eins­wechsel sind in diesem Alter nicht erlaubt, doch inzwi­schen war Huemer­lehner Ballos Vor­mund geworden und sie­delte angeb­lich aus beruf­li­chen Gründen ins Rhein­land um. Thiernos Mutter war auch dabei. Sie war als Haus­häl­terin beschäf­tigt, wir haben ihr Gele­gen­heit gegeben, etwas Geld zu ver­dienen“, sagt Huemer­lehner. 

Haus­verbot für den Berater

Über­ra­schen­der­weise mel­dete er den Jungen dann 2015 bei Bayer Lever­kusen ab. Heute hat er dort Haus­verbot. Statt­dessen steckte er Ballo in die Jugend des Regio­nal­li­gisten Vik­toria Köln, nachdem er ihn auch dem 1. FC Köln ange­boten hatte. Huemer­lehner wollte pro Saison sogar 50 000 Euro mit­bringen, bezahlen würde Chelsea. Dafür müsste der Klub nur ein­ver­standen sein, dass Ballo regel­mäßig zu Test­spielen seines zukünf­tigen Arbeit­ge­bers nach Eng­land reist. Der 1. FC Köln lehnte ab, Vik­toria nicht.

Man kennt den Ziel­verein schon und nutzt die Zeit hier sinn­voll“, mag Huemer­lehner nur Vor­teile erkennen. Dabei sichert sich Chelsea einen Spieler, den der Klub vor dem 16. Geburtstag gar nicht hätte ver­pflichten dürfen. Den Lon­do­nern droht wegen ähn­li­cher Ver­stöße eine Trans­fer­sperre. Huemer­lehner prahlte in der Jugend­szene zudem damit, dass er allein durch das Hand­geld des Abra­mo­witsch-Klubs aus­ge­sorgt habe. Im Gespräch sagt er dazu nichts, erzählt aber, dass er inzwi­schen zwölf Bur­schen“ betreut. Angeb­lich lässt er ihnen viel indi­vi­du­elle Aus­bil­dung ange­deihen: Aber wenn die Spieler gesund bleiben, refi­nan­ziert sich alles.“ Aus­nah­me­ta­lent Thierno Ballo hat er schon einen Aus­rüs­ter­ver­trag ver­schafft, der bei Adidas die abso­lute Bench­mark setzt“.

Geparkte Spieler, win­dige Trans­fers, frag­wür­dige Abhän­gig­keits­ver­hält­nisse

Geparkte Spieler, win­dige Trans­fers und frag­wür­dige Abhän­gig­keits­ver­hält­nisse sind nicht der Nor­mal­fall in der deut­schen Nach­wuchs­aus­bil­dung. Aber viele Trainer und Betreuer schauen mit Sorge auf die zuneh­mend über­drehte Jagd auf Talente. Lars Ricken hat die Ver­än­de­rungen am eigenen Leib erfahren. Als er mit 14 Jahren in Dort­mund von der kleinen Ein­tracht zur großen Borussia wech­selte, wäre es eine absurde Vor­stel­lung gewesen, dass der Klub in seiner Nach­wuchs­ab­tei­lung mal fest­an­ge­stellte Psy­cho­logen und Päd­agogen, Ath­letik- und Tor­wart­trainer beschäf­tigen würde. Damals war es ein High­light, auf Rasen zu trai­nieren, heute haben wir beheiz­bare Kunst­ra­sen­plätze“, sagt Ricken. 

Seit 2008 leitet er die Nach­wuchs­ar­beit des BVB. Sein Büro liegt in der Geschäfts­stelle des Klubs auf der glei­chen Etage wie die Sport­di­rek­tion von Michael Zorc. Kein Zufall, die Jugend­ar­beit ist iden­ti­täts­bil­dend für die Borussia. 13 Meis­ter­schaften in der A- und B‑Jugend, nur der VfB Stutt­gart holte mehr Titel. Doch wich­tiger als die Tro­phäen ist, dass Jugend­spieler in der Bun­des­liga ankommen. Es ist sehr wichtig, dass bei uns Dort­munder Jungs spielen“, sagt Ricken. Dort­munder Jungs“ müssen nicht einmal unbe­dingt aus dem Pott kommen, auch ein Mag­de­burger wie Marcel Schmelzer fällt in diese Kate­gorie oder sogar ein Ame­ri­kaner wie Chris­tian Pulisic, der vor drei Jahren als 16-Jäh­riger kam. 

21 Mil­lionen Euro für einen 16-Jäh­rigen

Für Ricken wird der Wett­be­werb um die besten Talente inzwi­schen inter­na­tional aus­ge­tragen. Dazu haben wir auch unseren Teil bei­getragen“, gibt er zu. Nicht nur durch die Ver­pflich­tung von Pulisic, son­dern auch die des Dänen Jakob Bruun Larsen. Den holte Ricken vor drei Jahren für 175 000 Euro von Lyngby BK. Inzwi­schen sind solche inter­na­tio­nalen Trans­fers längst zum Stan­dard geworden. Der FC Bayern sicherte sich vor der ver­gan­genen Saison den 16-jäh­rigen Joshua Zirkzee aus Hol­land, den gleich­alt­rigen Luxem­burger Ryan Johansson und für 700 000 Euro den Süd­ko­reaner Wooyeong Jeong. Der Ham­burger SV holte ein fin­ni­sches Top­ta­lent und einen Ungarn aus der Jugend von Feren­cvaros Buda­pest, der VfL Wolfs­burg zwei 16-jäh­rige Öster­rei­cher, die TSG Hof­fen­heim einen gerade 16 Jahre alt gewor­denen Bel­gier sowie einen Finnen und einen 15-jäh­rigen Luxem­burger. 

Auch durch die finanz­starke Kon­kur­renz aus Eng­land steigen die Preise. Der Wechsel von Mads Bids­trup (16), der im Winter vom FC Kopen­hagen nach Leipzig kam und den Ricken sport­lich ähn­lich stark wie Bruun Larsen ein­schätzt, kos­tete schon zwei Mil­lionen Euro. Für den gleich­alt­rigen Por­tu­giesen Umaro Embalo von Ben­fica Lis­sabon wäre Leipzig sogar bereit gewesen, 16 Mil­lionen Euro zu bezahlen. Der Transfer schei­terte im letzten Moment, wäre aber nicht einmal ein Rekord gewesen, denn der AS Monaco über­wies an den FC Genua 21 Mil­lionen Euro für den ita­lie­ni­schen Stürmer Pietro Pel­legri, der im März 17 Jahre alt wird. 

163 Mil­lionen Euro pro Saison für den Nach­wuchs

Ins­ge­samt wird der Auf­wand größer: 163 Mil­lionen Euro haben die Klubs der ersten und zweiten Bun­des­liga in der letzten Saison in ihren Nach­wuchs inves­tiert, in den letzten zehn Jahren hat sich der finan­zi­elle Auf­wand mehr als ver­dop­pelt. Ein Klub wie Augs­burg gibt pro Saison dafür rund drei Mil­lionen Euro aus, in Mainz sind es vier und beim 1. FC Köln 7,5 Mil­lionen Euro. Bei Klubs wie Schalke 04, RB Leipzig, Borussia Dort­mund, Wolfs­burg oder Lever­kusen ist es noch mal das Dop­pelte und liegt damit auf dem Niveau der Pro­fietats bes­serer Zweit­li­gisten. 

Doch inzwi­schen steht die drän­gende Frage im Raum, ob die Rech­nung noch auf­geht. Ich frage mich manchmal, ob ich meinem Vor­stand nicht vor­schlagen soll, unser Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum zu schließen“, sagt Volker Kers­ting. Dann melden wir uns in der Kreis­liga an und stellen nach dem Spiel einen Kasten Bier in die Mitte.“ Das ist natür­lich etwas kokett, Kers­ting ist viel zu pas­sio­niert bei der Sache. Aber er benennt das Pro­blem: Wenn die großen Klubs den kleinen ihre besten Talente weg­holen, lohnt sich der finan­zi­elle Auf­wand nicht mehr. In Eng­land schloss der Zweit­li­gist FC Brent­ford aus dem Süden Lon­dons bereits seine erfolg­reiche Aka­demie. Junio­ren­na­tio­nal­spieler hatten den Verein für weit unter 50 000 Euro Ablöse ver­lassen. Inzwi­schen betreibt Brent­ford erfolg­reich ein B‑Team mit jungen Spie­lern, die bei den großen Klubs aus­sor­tiert wurden. 

Bis 2006 galt es unter den Bun­des­li­gisten als unschick­lich, sich gegen­seitig Jugend­spieler abzu­werben. Dann aber geriet ein hoch­ta­len­tierter, damals 16 Jahre alter Mit­tel­feld­spieler von Hansa Ros­tock ins Visier der Bayern: Toni Kroos. Die Münchner erkauften sich Hansas Schweigen mit einer halben Mil­lion Euro Kom­pen­sa­tion, danach war von einer Soli­da­rität der Aus­bilder nie mehr die Rede. Seit 2012 wird der Trans­fer­markt kon­se­quent in den Jugend­fuß­ball vor­ge­zogen. Stutt­garts heu­tiger Manager Michael Reschke holte der ver­dutzten Kon­kur­renz zwei Super­ta­lente nach Lever­kusen weg. Für Levin Özt­u­nali vom Ham­burger SV und Julian Brandt aus Wolfs­burg bezahlte Bayer ins­ge­samt 520 000 Euro Ablöse. Der Markt­wert beider Spieler zusammen liegt heute bei gut 35 Mil­lionen Euro. 

Die Ein­kaufs­po­litik der großen Klubs bringt sogar mit­tel­stän­di­sche Ver­eine wie Han­nover 96 in die Bre­douille. Weil den Nie­der­sachsen ständig die besten Talente weg­ge­kauft wurden, wird seither der Ein­gang zum Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum an der Clau­se­witz­straße von einem Sicher­heits­dienst bewacht. Sämt­liche Trai­nings­ein­heiten aller Jugend­teams und der U23-Mann­schaft finden unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit statt, Zutritt haben nur die Fami­li­en­an­ge­hö­rigen der Spieler. 

Beson­ders aggressiv bei der Akquise war in den letzten Jahren RB Leipzig, vor allem nachdem im Jahr 2015 die Aka­demie am Cot­taweg eröffnet wurde. Die Ver­ant­wort­li­chen des New­co­mers mussten damals fast aus dem Stand 50 Inter­nats­plätze mit Spit­zen­spie­lern füllen und gingen mit dem Staub­sauger durch die Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren der Kon­kur­renz. Das war aber nur der vor­letzte Akt in einer beein­dru­ckenden Mate­ri­al­schlacht, die sich die Klubs seit Jahren lie­fern. Letzten Sommer setzte sich der deut­sche Rekord­meister mit dem FC Bayern Campus an die Pole Posi­tion im Nach­wuchs­fuß­ball. 100 Mil­lionen Euro kos­tete die Anlage im Norden von Mün­chen unweit der Arena mit acht Fuß­ball­plätzen und einem Mini-Sta­dion für 2500 Zuschauer, mit Arzt­praxis, Mensa und eigener Bus­hal­te­stelle. 

Wir haben Steine gebaut. Und jetzt müssen wir den FC Bayern mit Beinen besser machen“, kün­digte Ver­eins­prä­si­dent Uli Hoeneß an. Eine schlechte Nach­richt für die Kon­kur­renz, denn schon wieder war ein Kon­kur­rent mit tiefen Taschen unter­wegs, der 35 Apart­ments mit Spie­lern zu füllen hatte. 

Längst hat sich auch dadurch der Wett­be­werb um die Talente vor­ver­legt: Wenn sich alle um die 17-Jäh­rigen balgen, warum nicht gleich die talen­tier­testen Kinder ver­pflichten? Ich bin kein großer Freund davon, Spieler unter 15 Jahren aus ihrem Umfeld zu reißen“, sagt Leip­zigs Sport­di­rektor Ralf Rang­nick. Aller­dings könne es auch mal Aus­nahmen geben. Um den 12-jäh­rigen Offen­siv­spieler Godjes Yeboah vom SC Blaues Wunder Han­nover rissen sich Dort­mund, Schalke, Bayern, Wolfs­burg und Bremen – RB bekam den Zuschlag. Der Junge zog samt Familie nach Leipzig, wo der Vater einen Job bei Por­sche ver­mit­telt bekam. Finan­zi­elle Zuwen­dungen bestreitet der Klub aller­dings. Mit einem Fami­li­en­umzug mutet man jungen Kerlen mög­li­cher­weise zu viel zu“, findet Rang­nick, den­noch pas­siert das heut­zu­tage gar nicht so selten. Auch der FC Bayern ver­pflich­tete zu Sai­son­be­ginn 2017/18 den 14-jäh­rigen Torben Rhein und die Brüder Nemanja und Nikola Motika, 14 und 13 Jahre alt, alle drei von Hertha BSC. Zwar war das Trio angeb­lich an die Ber­liner gebunden, aber die Bayern zwei­felten die Ver­träge an. Ver­mut­lich zu Recht, doch um wei­teres Auf­sehen zu ver­meiden, zahlten sie eine nied­rige sechs­stel­lige Ablöse. 

Etliche Klubs beschweren sich hinter vor­ge­hal­tener Hand dar­über, dass die Bayern heim­lich ihre Talente umwerben. Auch Stefan Reuter, Manager des FC Augs­burg, ärgert sich über seinen alten Verein. Mehr als ein Dut­zend Spieler holten sich die Bayern aus den FCA-Jugend­mann­schaften. Sie gehen auch an ganz junge Spieler, das ist ungut“, sagt Reuter. Die Ein­kaufs­po­litik der Bayern-Aka­demie löst in der Szene auch aus anderen Gründen viel Kopf­schüt­teln aus. Da fehlt der rote Faden völlig“, sagt ein Experte. Ob es ihn viel­leicht doch gibt, war nicht zu klären. Ein ver­spro­chenes Inter­view sagte Bay­erns neuer Nach­wuchs­boss Jochen Sauer, früher Geschäfts­führer bei Red Bull Salz­burg, kurz­fristig ab. Die Pres­se­ab­tei­lung, die es bei der Nach­wuchs­aka­demie auch gibt, teilte mit, der Klub stehe der­zeit für eine Bericht­erstat­tung nicht zur Ver­fü­gung.

Illegal ist es nicht, was Klubs wie Bayern, Leipzig und andere machen. Es ver­wan­delt Jugend­fuß­ball aber in Pro­fi­fuß­ball für Min­der­jäh­rige. Auch in der Lever­ku­sener A‑Jugend werden Spit­zen­spie­lern mitt­lere fünf­stel­lige Gehälter bezahlt – im Monat ver­steht sich. Mit­tel­feld­spieler Sam Schreck, früher mal beim FC St. Pauli, bekommt in Lever­kusen angeb­lich 25 000 Euro im Monat. Julian Brandt soll als Jugend­spieler 2014 sogar mit 100 000 Euro bezahlt worden sein. Man muss den Spie­lern schon mit 16 Jahren ver­nünf­tiges Brot hin­legen“, sagt Jonas Boldt, der Manager von Bayer Lever­kusen. Zumal die Klubs in der Not sind, die Ver­träge so stri­cken zu müssen, dass die Spieler mit 18 Jahren nicht ein­fach gehen und die Ver­eine für ihre Aus­bil­dungs­ar­beit leer aus­gehen. Um die Preise nicht noch weiter hoch­zu­treiben, gibt es inzwi­schen direkte Abspra­chen zwi­schen RB Leipzig und dem FC Bayern, sich keine Spieler abzu­werben. Klei­nere Ver­eine schließt das nicht ein.

Einige Berater geben keine Spieler mehr zu RB Leipzig

Den­noch ver­su­chen gerade die Pio­niere der Jugend­ar­beit radikal, ihren Nach­wuchs nicht der Pro­filogik aus­zu­setzen. Der SC Frei­burg zahlt auch heute keinem Spieler mehr als 250 Euro Auf­wands­ent­schä­di­gung im Monat. Wir ver­su­chen, die Spieler so lange es geht nicht mit dem Geld zu kon­fron­tieren“, sagt Nach­wuchs­chef Steiert. Schließ­lich gibt es sowieso kaum Gründe dafür, von einem Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum zum anderen zu wech­seln. Alle sind zer­ti­fi­ziert und viele davon mit drei Sternen, dem Höchst­wert. 

Man­cher junge Kicker hat die Erfah­rung gemacht, dass der Erfolgs­druck auf die Trainer bei den großen Klubs so groß ist, dass Spieler viel schneller aus­ge­tauscht werden als anderswo. Auf­grund dieser Unge­duld geben einige Berater keine Spieler mehr zu RB Leipzig. Stefan Reuter glaubt, dass der FC Augs­burg vom Heuern und Feuern in Mün­chen pro­fi­tiert: Die vielen Spieler, die vom FC Bayern geholt und wieder weg­ge­schickt wurden, spielen uns natür­lich in die Karten.“ Bei ihrer bun­des­weiten Akquise per Schlepp­netz und Scheck holen sich die großen Klubs offen­sicht­lich Pro­bleme ins Haus. Oft genug sind für Wechsel die Eltern anfällig, die sich vom Geld blenden lassen – oder es sogar nötig haben“, sagt Jörg Jakobs, der bis Ende Januar die Nach­wuchs­ar­beit beim 1. FC Köln ver­ant­wor­tete. Dabei seien Orts­wechsel im Jugend­alter sehr oft pro­ble­ma­tisch, meint Jakobs: Selbst viele 16-Jäh­rige haben richtig damit zu kämpfen, wenn sie von zu Hause weg sind“

Zum Talent eines Spie­lers gehört es auch zu lernen, den Druck aus­zu­halten, den ein Berufs­fuß­baller hat. Aber ist es richtig, dass schon Zwölf­jäh­rige und ihre Eltern über den rich­tigen Berater nach­denken müssen? Damit wurde auch Dirk Hebel kon­fron­tiert, als sein Sohn erst­mals in der D‑Jugend der Kölner Kreis­aus­wahl mit­spielen durfte. Die besten Kicker der Stadt waren nicht mal kom­plett ver­treten, denn Spieler aus dem Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum des 1. FC Köln werden nicht in die Aus­wahl berufen, um anderen Talenten die Plätze nicht weg­zu­nehmen. Doch im Laufe des Spiels gesellte sich ein Bekannter von Hebel zu ihm und fragte: Bist du auch zum Scouten hier?“ 

Ich war erstaunt, dass die so früh anfangen und so tief“

Das war ein so nahe­lie­gender wie zugleich völlig absei­tiger Gedanke. Hebel ist Mit­be­sitzer einer der größten Spie­ler­be­ra­tungs­agen­turen in Deutsch­land. Sport­sTotal betreut unter anderem Toni Kroos, Marco Reus oder Julian Weigl und hat ein reprä­sen­ta­tives Büro mit Blick auf den Rhein. Ich war erstaunt, dass die so früh anfangen und so tief“, sagt Hebel und schüt­telt den Kopf. Seine Agentur nimmt bis auf wenige Aus­nahmen Spieler erst mit 17 Jahren auf, es wurde sogar ein Mit­ar­beiter ent­lassen, der wie­der­holt jün­gere Spieler kon­tak­tierte. Erst wenn Ver­träge über den Nach­wuchs­be­reich hinaus gemacht würden, bedürfe es pro­fes­sio­neller Hilfe. Bis dahin können die Eltern das gut selbst machen,“ findet Hebel. Viele hun­dert Kol­legen von Hebel ohne ähn­lich erle­senes Kli­entel sehen das jedoch anders.

Orts­termin in der Söm­me­ring­halle in Berlin-Char­lot­ten­burg. Mit glü­hendem Eifer kicken hier die bes­seren D‑Ju­gend-Teams um die Ber­liner Stadt­meis­ter­schaften. Es gibt kaum Fouls, keine Partie gerät aus den Fugen, und die Eltern auf den Rängen begleiten die Spiele begeis­tert. Und natür­lich drängt sich die Frage auf: Welche der besten zwölf­jäh­rigen Fuß­ball­spieler der größten Stadt Deutsch­lands werden in sechs oder sieben Jahren mal in der Bun­des­liga spielen? Auf den Holz­bänken sitzen Beob­achter, die sich diese Frage pro­fes­sio­nell stellen. Mit Sicher­heits­ab­stand über die Ränge ver­teilt, schauen Scouts von RB Leipzig, Werder Bremen und Han­nover 96 zu. Dazu kommt noch ein gutes Dut­zend Spie­ler­be­rater oder deren Scouts. 

Ihr Platz­hirsch ist ein Mann mit blank­po­lierter Glatze, den alle als Roger kennen. Eigent­lich heißt er Ramazan Ülger, der gebür­tige Ber­liner hat es als Fuß­ball­spieler mal bis in die zweite tür­ki­sche Liga geschafft, seit über zehn Jahren arbeitet er als Scout im Jugend­fuß­ball, inzwi­schen fest ange­stellt bei Dr. Michael Becker. Der Anwalt aus Luxem­burg war als Berater mal eine große Nummer, ver­trat Michael Bal­lack und Bernd Schneider zu deren besten Zeiten. Dann quatschte er zu viel und zu laut über die angeb­liche Schwu­len­combo“ bei der deut­schen Natio­nal­mann­schaft und verlor seine Kli­enten. 

Dann geht der Irr­sinn richtig los.

Roger hat den heu­tigen Hof­fen­heimer Nadiem Amiri mit 15 Jahren bei Waldhof Mann­heim ent­deckt und den Stürmer Cem Dag, der im letzten Sommer von Union Berlin zu Borussia Mön­chen­glad­bach wech­selte – mit 14 Jahren. Einige Jugend­trainer nennen Roger abschätzig Kin­der­fänger“. Die Spiele um die Stadt­meis­ter­schaft ver­folgt er ziem­lich unauf­ge­regt, es gibt für ihn hier keine großen Über­ra­schungen. Die meisten Spieler kenne ich schon seit der E‑Jugend“, sagt er, seit sie zehn Jahre alt waren also. Er kon­trol­liert hier nur, wie die Spieler sich ent­wi­ckeln, und pflegt an diesem Sonntag sein Netz­werk. Viel­leicht hat einer der Jugend­trainer einen Tipp für ihn oder die Tele­fon­nummer der Eltern eines Spie­lers. 

Dass Roger inzwi­schen immer jün­geren Spie­lern nach­jagen muss, nimmt er ach­sel­zu­ckend: Man darf nicht schlafen auf dem Markt. Früher hat man die Spieler mit 17 gewonnen, heute geht das viel früher los.“ Rogers Ori­en­tie­rungs­punkt ist Bad Blan­ken­burg, wo der DFB jedes Jahr im Sommer ein bun­des­weites Sich­tungs­tur­nier aus­richtet, auch für die U15-Natio­nal­mann­schaft, das jüngste Aus­wahl­team. Wir ver­su­chen vorher dran zu sein, sonst ist es zu spät“, sagt Roger. In Bad Blan­ken­burg sichten auch die Berater, aber dann schaut nicht ein Dut­zend Kon­kur­renten zu wie in der Söm­me­ring­halle, son­dern über hun­dert. Dann geht der Irr­sinn richtig los.

Eltern bekommen Autos ange­boten

Über die Berater im Jugend­fuß­ball spre­chen fast alle ver­ächt­lich, viel­leicht auch, weil sie die Logik des Geschäfts unver­stellt reprä­sen­tieren: Ver­suche das Los in der Lot­terie zu kaufen, solange es noch erschwing­lich ist, und hoffe darauf, den Haupt­ge­winn zu ziehen! Ver­mut­lich bewun­dern nicht wenige von ihnen die Chuzpe, mit der Huemer­lehner einen Spieler bei Chelsea unter­ge­bracht hat. Dabei gibt es bis zum 18. Lebens­jahr eigent­lich nicht mal was zu ver­dienen, weil die Klubs nicht für Bera­tung bezahlen dürfen. Doch jeder NLZ-Leiter kennt die krea­tiven Vor­schläge von Agenten, ihre Arbeit als Hono­rare fürs Scou­ting zu dekla­rieren. Oder ein Berater hat auch einen voll­jäh­rigen Spieler bei dem Klub unter Ver­trag und hätte nichts dagegen, wenn das Honorar für den Min­der­jäh­rigen ein­fach auf das des Voll­jäh­rigen drauf­ge­schlagen würde. Merkt ja keiner.

Ralf Keitel hat nicht schlecht gestaunt, als er Geld ange­boten bekam, nur ein paar hun­dert Euro, aber immerhin: Ein Berater wollte mir Geld geben, damit er meinen Sohn beraten darf.“ Andere Eltern, so erzählt er, hätten schon Autos ange­boten bekommen. An sich ist Keitel auf die Spie­leragenten gar nicht schlecht zu spre­chen, obwohl er fast jedes Wochen­ende von ihnen ange­spro­chen wird, wenn er mit seiner Kamera bei den Spielen der A‑Jugend des SC Frei­burg foto­gra­fiert. Sein Sohn Yan­nick könnte schließ­lich ein Haupt­ge­winn werden. Er ist der ein­zige Spieler seiner Mann­schaft, der noch keinen Berater hat, obwohl er mit der deut­schen U17 bei der WM in Indien war. Beim SC Frei­burg sind sie über­zeugt, dass Yan­nick Keitel es in die Bun­des­liga schaffen wird.

Ralf Keitel erzählt mit großem Ver­gnügen davon, mit wel­chen Tech­niken ihn Berater unauf­fällig in Gespräche zu ver­wi­ckeln ver­su­chen, fast zwanzig von ihnen hat er zu sich nach Hause ein­ge­laden, in Ein­zel­ter­minen. Yan­nick war bei den Gesprä­chen dabei, denn im Grunde orga­ni­siert sein Vater ein lang ange­legtes Cas­ting für den Fall, dass der Junge wirk­lich im Pro­fi­fuß­ball ankommt. Bis dahin jedoch küm­mern sie sich um alles noch selbst. Es ist unsere Frei­zeit­ge­stal­tung geworden, wir fokus­sieren uns darauf“, sagt Ralf Keitel, der Maschi­nen­bau­in­ge­nieur ist. Wenn die Mann­schaft seines Sohnes spielt, sind seine Frau Kerstin und er fast immer dabei. Unter der Woche bilden sie den Fahr­dienst für die halb­stün­dige Strecke zwi­schen Brei­sach und Frei­burg zum Trai­ning. Seit sechs Jahren geht das schon so. Ob Yan­nick in der Bun­des­liga landet oder nicht, ob er dort Mil­lionen ver­dient oder nicht, ist für die Kei­tels kein Thema. 

Auch weil ihnen klar ist, dass sich die meisten großen Träume sowieso nicht erfüllen. Jedes Jahr ver­lassen über 600 Spieler die deut­schen Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren, und viel­leicht 30 von ihnen werden Profis, die zweite und dritte Liga mit ein­be­zogen. Von den 35 Spie­lern, die vor fünf Jahren in der U19 des BVB standen, spielt keiner in der Bun­des­liga, drei in der zweiten Liga und einer in der tür­ki­schen Süperlig. Fünf Jungs kicken gar nicht mehr. Aus der Mann­schaft des FC Bayern von damals ist der­zeit ein Spieler Reser­vist in der zweiten Liga und einer kickt in der öster­rei­chi­schen Bun­des­liga. Der Rest spielt zumeist viert- oder fünft­klassig – wenn über­haupt. Das ist weder unty­pisch noch ein Drama, denn fast alle haben eine gute Schul­aus­bil­dung bekommen und was fürs Leben gelernt. Und ihre Alters­ge­nossen in den Turn­in­ter­naten oder Leis­tungs­schwimmer und Ruderer hatten nicht einmal die theo­re­ti­sche Chance, von ihrem Sport lang­fristig leben zu können. 

Nur die geistig wider­stands­fä­higsten Spieler über­leben.“

Das Pro­blem ist ein anderes: Die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Jugend­fuß­balls macht die Abstürze größer. Was ist mit dem Jungen, der mit 16 Jahren aus Süd­deutsch­land nach Schalke wech­selte und dort 8000 Euro im Monat ver­diente und nun wieder daheim am Bodensee bei den Ama­teuren kickt? Was bedeutet es, wenn ein Kind mehr ver­dient als seine Eltern und dann der Traum vom Pro­fi­fuß­ball platzt? Was ist mit den Fami­lien, die mit ihrem 12-Jäh­rigen umsie­deln und mit ansehen müssen, wie er schon zwei Jahre später wieder aus­sor­tiert wird? 

Neu­lich hat sich Mehmet Scholl über die Aus­bil­dung der Talente beschwert, oben ankommen würde eine weich­ge­spülte Masse“. Er beklagte damit einen Mangel an krea­tiven Para­dies­vö­geln und eigen­sin­nigen Stra­ßen­ki­ckern. Doch ihr Fehlen hat nichts mit den von Scholl gehassten Laptop-Trai­nern zu tun. Es reicht nicht, der beste Kicker zu sein“, sagt Kölns ehe­ma­liger Nach­wuchs­leiter Jörg Jakobs. Nur die geistig wider­stands­fä­higsten Spieler über­leben.“ Oft genug sind das heute Kinder aus Mit­tel­schicht­fa­mi­lien wie den Kei­tels. Von Eltern, die bereit und wirt­schaft­lich in der Lage sind, sich in den Dienst ihrer Söhne zu stellen. Und die ihren Nach­wuchs zumin­dest etwas vor dem ganzen Irr­sinn schützen können. Die Kinder müssen ein nor­males Leben führen, das ist das Wich­tigste“, sagt Jakobs. Genau das ist inzwi­schen aber auch das Schwie­rigste.