Allein dieser Begriff: Skipper. Er lässt einen an eine Sturm­flut denken, haus­hohe Wellen, peit­schende Gischt, an ein Riff, das unter Wasser dräut – und einen grim­migen Mann im Ölzeug, der an Deck aus­harrt und mit harter Hand das Steu­errad fest­hält. Im Deut­schen nennt man die Mann­schafts­führer hin­gegen etwas gestelzt Kapi­täne, was nach Snobs in blü­ten­weißen Anzügen klingt, die durch ruhige Gewässer segeln, nach Traum­schiff und Land­gang auf Süd­see­inseln. Und wenn sich nach einem Son­nenbad mal die Haut rötet, kommt schon Schiffs­arzt Dr. Müller-Wohl­fahrt mit der küh­lenden Crème ange­joggt.

Viel­leicht kann man also als Mensch aus dem deut­schen Sprach- und Fuß­ball­raum schon aus rein seman­ti­schen Gründen nicht ganz ver­stehen, was sich damals zwi­schen Roy Keane und Patrick Vieira abspielte, den Skip­pern von Man­chester United und dem FC Arsenal, diesen tall ships des bri­ti­schen Fuß­balls, zwei gera­dezu patho­lo­gisch stolzen Typen, die sich gegen­seitig im grauen Meer der Bedeu­tungs­lo­sig­keit zu ver­senken ver­suchten. Keane gegen Vieira, Skipper gegen Skipper: Das war die Schlacht von Tra­falgar auf dem grünen Rasen.

Also sagte ich mir: Alright, let’s go.“

Und manchmal auch davor, weil so ein Spiel nun mal nicht 90 Minuten dauert, son­dern immer währt und des­halb auch vor dem Anpfiff ent­schieden werden kann und muss. Im Februar 2005 kam es in den Kata­komben des High­bury zum tunnel inci­dent, zum Tun­nel­stör­fall. Vieira hatte zum Warm­ma­chen den infe­rioren United-Ver­tei­diger Gary Neville ange­brüllt, und der war sofort petzen gegangen, natür­lich bei Roy Keane. Nie­mand darf Gary mobben“, schrieb Keane später in seiner Bio­grafie. Also sagte ich mir: Alright, let’s go.“

Ver­mut­lich war es genau das, was Vieira wollte, er lau­erte auf seinen Wider­sa­cher, das Adre­nalin stieg in ihm auf, um ihn herum schrumpften Ein­lauf­kinder und Lini­en­richter zu Zwergen. Die, die ihre Kör­per­größe noch wahren konnten, bil­deten eine Wand zwi­schen Vieira und Keane. Dennis Berg­kamp, der milde Hol­länder, ver­suchte als Diplomat das Schlimmste zu ver­hin­dern: Tra­falgar im Tunnel. Ruhig“, schien er zu sagen. Ruhig.“

Wenn es wirk­lich zum Kampf gekommen wäre, hätte Vieira mich getötet“

Doch Vieira sog nur manisch an seiner Trink­fla­sche und starrte in Keanes Rich­tung, dazwi­schen grinste Arsenal-Tor­wart Manuel Almunia wie ein Kata­stro­phen­tou­rist, der den großen Knall kaum noch erwarten kann. Dann plötz­lich tauchte Keane auf, der sich irgendwie den Weg gebahnt hatte, nur noch Schieds­richter Graham Poll, der sich in dieser Sekunde zwei­fellos an die Durch­wahl des Sicher­heits­dienstes zu erin­nern ver­suchte, trennte ihn jetzt noch von Vieira.

Du hast dir unseren Schwächsten raus­ge­pickt“, fauchte Keane, ohne wei­tere Rück­sicht auf die Ehre Gary Nevilles zu nehmen. Wir sehen uns da draußen!“ Dafür, dass er später in seiner Bio­grafie ein­räumte, wenn es wirk­lich zum Kampf gekommen wäre, hätte Vieira mich getötet“, sah er ziem­lich ent­schlossen aus. Ein echter Skipper muss eben stets bereit sein, mit seinem Schiff unter­zu­gehen.

In dem Fuß­ball­spiel, das dann statt eines Faust­kampfs begann, siegte Keanes United mit 4:2. Ins­ge­samt jedoch muss das epi­sche Pri­vat­duell, das sich die beiden zwi­schen 1996 und 2005 lie­ferten, als unent­schieden gewertet werden. Zwar wurde Keane in dieser Zeit sechs Mal und damit dop­pelt so oft Meister (neun Jahre lang gewann über­haupt kein anderer den Titel als ihre Klubs), dafür konnte Vieira die letzte und wich­tigste Schlacht gewinnen: Im Elf­me­ter­schießen des FA-Cup-Finales 2005 gegen Man­chester United ver­wan­delte er zum Sieg. Es war sein letzter Ball­kon­takt für den FC Arsenal.

Der Fran­zose gegen den Iren, der Lon­doner gegen den Man­cu­nian, der Grand­sei­gneur gegen den Stra­ßen­schläger: Ver­gli­chen mit diesem Auf­ein­an­der­treffen konnte jede Kon­stel­la­tion, die danach kam, nur blutarm wirken. Hass.“ Das sei es gewesen, so Keane, was er beim Gedanken an den FC Arsenal und seinen Skipper emp­funden habe. Ein­fach nur: Hass.“

Für mich war es ein Zei­chen: Ich würde leiden.“

Eine Woche vor einem Auf­ein­an­der­treffen begannen meine alten Ver­let­zungen wieder zu schmerzen. Für mich war es ein Zei­chen: Ich würde leiden.“ Und es will was heißen, wenn einer wie er sagt: Vieira war sehr, sehr hart.“ Die Rück­sichts­lo­sig­keit der Tack­lings (gegen­über dem Gegner und sich selbst), mit der die beiden inein­ander krachten, kann nur durch eine stille Über­ein­kunft legi­ti­miert gewesen sein, nicht aber durch das offi­zi­elle Regel­werk. Bei einem Punkt­spiel 1999, als Keane nach einem eska­lierten Zwei­kampf durch den Unpar­tei­ischen und ein halbes Dut­zend seiner Mit­spieler von Vieira fern­ge­halten wurde, begab dieser sich sofort mit einem anderen Gegner in den Clinch: Jaap Stam, 1,90 Meter groß, zwei Zentner schwer, Spitz­name Der Fels“.

An einer Dees­ka­la­tion der Feind­schaft war frei­lich nie­mand inter­es­siert: Die Medien und die Fans nicht, auch nicht die Trainer Sir Alex Fer­guson und Arsène Wenger, die ihre Skipper in diesem Duell an ihrem Leis­tungs­ma­ximum sahen, und am wenigsten Roy Keane und Patrick Vieira selbst: Jedes Mal, wenn wir auf­ein­an­der­trafen“, so Keane, gab es ein Feu­er­werk.“ Und Vieira sagt: Roy war mein bester Feind.“

Es gibt Jungs wie uns nicht mehr“

Best of Enemies“, so heißt dann auch die TV-Doku­men­ta­tion des Jour­na­listen Gabriel Clarke über das Duell der beiden. Zehn Jahre nach ihrem letzten von ins­ge­samt 19 Auf­ein­an­der­treffen sitzen sich die beiden in einem ver­las­senen Lager­haus an einem Tisch gegen­über. Keane wirkt in seinem Anzug wie ein Rum­mel­boxer auf einer Beer­di­gung, Vieira trägt den seinen hin­gegen so selbst­ver­ständ­lich, dass man meint, er habe früher auf dem Platz auch nicht anders aus­ge­sehen. Anfangs ist die alte Feind­schaft noch mit Händen greifbar: das ver­ächt­liche Grinsen Vieiras, wenn Keane über­haupt nur den Mund auf­macht – und dessen sich zu Schlitzen ver­en­gende Augen, wenn er sich atta­ckiert fühlt (was meis­tens der Fall ist). Doch ganz all­mäh­lich werden sie ver­söhn­li­cher. Die Nos­talgie über­kommt und rührt sie. Das Spiel hat sich ver­än­dert. Es gibt Jungs wie uns nicht mehr“, sagt Vieira. Keane nickt.

Viel­leicht gibt es in Zeiten des radi­kalen Fair­plays mit etwas Glück noch einen ihres Schlages. Aber nicht zwei, die ein­ander so sehr hassen, dass die Fans sie dafür lieben.