Frank WillmannDie 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jede Woche machen sich Frank Will­mann, Lucas Vogel­sang, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Dass unser heu­tiger Kolum­nist, der Buch­autor und Ost­fuß­ball-Experte Frank Will­mann über­haupt noch Zeit für eine Kolumne hat, ist ein Wunder. Sein neu­estes Werk heißt Zonen­fuß­ball“ („Verlag Neues Leben“.)

Der fuß­ballaf­fine Spruch­weis­heitler Hans Meyer (nein, ich meine nicht den Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler, nein, ich meine nicht den Berg­steiger, nein, ich meine nicht den Kon­ter­ad­miral, den Gra­fiker, den Pfaffen, den Phi­lo­so­phen, den KPD-Poli­tiker…) war in einem nebu­lösem frü­heren Leben tat­säch­lich mal Fuß­ball­trainer.

Wind und Wetter waren ihm Mutti und Vati in einer Zeit, als Fuß­ball­sta­dien noch Sta­dien hießen, nicht Arena, gern aber mal Sta­dion des Frie­dens. Der bewaff­nete Friede war Staats­dok­trin in der DäDäeR. Sei dir gewiss, lieber 11 FREUNDE-Leser, diese Dekade war eine ohne Schnick­schnack. Der gemeine Bor­was­ser­molch legte seine Eier in unsere Bin­de­haut, wenn wir beim Schwimmen durch unsere ein­hei­mi­schen Kloaken nicht auf­passten. Nur selten sahen wir etwas wie Tages­licht. Täg­lich wurden wir mit Häm­mern und Sicheln behan­delt, nur der Fuß­ball bot etwas Abwechs­lung im Land der 1001 Arbeiter-und Bau­ern­tränen. Wer nicht spurte, schlab­berte seine Kaker­la­ken­suppe im sibi­ri­schen Kum­mer­kasten.

So wie Ruhm ver­gäng­lich ist und das Tor von ges­tern immer das Tor von ges­tern bleibt, ersetzten 1989 gül­dene Schwäne den Bor­was­ser­molch. Sibi­rien ver­hexte sich in Mal­lorca. Die Arbeiter und Bauern ver­wan­delten sich in Arbeits­lose. Der Fuß­ball wurde nicht unschul­diger und Trainer Hans fand bei Tante Antje vor­über­ge­hend Unter­schlupf, bevor er als spät­be­ru­fener Zonen­fuchs noch ein paar Jähr­chen die Bun­des­liga bürs­tete und lang­wei­lige Pres­se­kon­fe­renzen zu spa­ßigen Ereig­nissen revo­lu­tio­nierte.

Exakt oben­ge­nannte drei Clubs (plus Babels­berg, aber einer ist keiner) erkunden aktuell das Mikro­klima in der 3. Liga. Der FC Karl-Marx-Stadt nennt sich heute Chem­nitzer FC und steht der­zeit auf einem Rele­ga­ti­ons­platz. RW Erfurt lauert auf dem siebten Platz und hat sich längst nicht auf­ge­geben. Nur der FCCZ Jena tor­kelt am Ende der Tabelle dem Nichts ent­gegen. Oh Schmerz, oh Bit­ternis! Mit Grausen erin­nere ich an das 0:0 vor wenigen Wochen in Babels­berg. Doch augen­blick­lich ist nicht aller Tage Abend, ein kleiner Lizenz­entzug bes­ser­plat­zierter Gegner ist immer drin, ansonsten stehen noch sechs Spiel­tage aus. Im Sach­sen­dreieck, zwi­schen Chem­nitz, Aue und Zwi­ckau wacht einer der letzten Schnauz­bärte der Liga über die Geschicke. Nein, es ist nicht der Erz­ge­birgler-Michel. Er heißt Herr Schäd­lich und hat schon alle drei Ver­eine in die 2. Bun­des­liga geführt. Zwi­ckau war immerhin der erste DDR-Meister, Aue und Karl-Marx-Stadt tragen mit­tel­schwer an DDR-Meis­ter­ti­teln. Die drei Städte liegen zudem nur wenige Dut­zend Kilo­meter aus­ein­ander. Manchmal trennt die jewei­lige Gefolg­schaft nur ein lang­ge­zo­genes Tal. Seit sechzig Jahren kämpfen sie um die Vor­herr­schaft und schlagen mit ihren Holz­zip­fel­mützen Alarm. Da draußen, ums Erz­ge­birge herum, in einer ver­wun­schenen Gegend. Wo ehr­bare Sachsen noch auf Bäumen wachsen.

Hans Meyer trai­nierte in der Ost­zone lange Zeit mit harter Hand den einst sehr erfolg­rei­chen FC Carl Zeiss Jena. Mit dem er es bis in ein EC-Finale der Pokal­sieger schaffte. Noch heute sind die Tränen der Jena-Fans unge­trocknet, als kleiner Jena-Fan erlebte ich meine erste Lebens­ent­täu­schung. Die grund­doofen DDR-Funk­tio­näre ließen uns 1981 nicht nach Düs­sel­dorf zum End­spiel gegen Tiflis reisen. Das lag weniger daran, daß ihnen der Fuß­ball fünf­eckig erschien. Sie hatten viel­mehr Angst, die Hälfte der Rei­senden würde den Reizen des Kapi­ta­lismus erliegen, die wir alle aus der ARD und ZDF-Fern­seh­wer­bung kannten. Doch der­ar­tige Pro­pa­ganda bestimmte nicht unsere Herzen. Die waren blau-gelb-weiß und bezogen ihre Grund­nah­rungs­mittel im hei­mi­schen Para­dies.

Nach Jena trai­nierte Häns­chen noch den FC Karl-Marx-Stadt und Rot Weiß Erfurt im Osten. Mehr Trai­ner­sta­tionen weist seine Vita bis 1989 nicht aus. In der Zone nicht unüb­lich, einen Trainer auch mal eine Nie­der­la­gen­serie aus­sitzen zu lassen. Warum auch nicht? Doch ein­fäl­tiger Trai­ner­ver­schleiß in unserer heu­tigen Fuß­ball­zeit soll uns nicht Thema sein.

Geliebtes Leser­lein, sei dir gewiss, was nun folgt ist eine Bombe der Fuß­ball­for­schung. Es kann sich hierbei nur um ein bis eben uner­kanntes Fuß­ball­wunder han­deln.

Ist es die Aura der Dick­schä­delich­keit? Wehen dort ganz beson­dere alkali hal­tige Winde, welche die Lüfte am Dau­er­brennen halten? Heiße Luft der Spiele aller­orten? Meyer und Schäd­lich. Muf­felnde Fos­si­lien oder weise Männer? Eine der uralten Fragen des Fuß­ball, welche Rolle spielt der Trainer im Team?

Meyer muss min­des­tens über nach­haltig wir­kende Befä­hi­gungen ver­fügen. Eine Aura, die unsicht­bare Kraft­ströme aus­sendet. Wie anders kann es sonst zu einer sol­chen Bal­lung Mey­er­scher Ex-Ver­eine in der dritten Liga kommen? Und das ganz ohne per­sön­li­ches Erscheinen? Er genießt längst fern ab vom Geschehen sein ver­dientes Pau­sen­brot. 

In unserer schönen Welt der kör­per­li­chen Ertüch­ti­gung sind Bräuche Fes­tungen im Sturm. Eine gut erzählte Geschichte mei­ßelt aus einem mageren 1:0 eine Melodie für die Ewig­keit. Wir sind bestimmt von unaus­lösch­li­chen Erin­ne­rungen, exor­bi­tanten Geg­nern, Sagen von Auf­stiegen außer­ge­wöhn­lichsten Aus­maßes. Die mög­liche Beför­de­rung des Chem­nitzer FC wäre so eine Story. Sie ist voller Dra­matik, die eine grund­le­gende Ingre­dienz des Fuß­balls ist. Im letzten Jahr setzte sich die Schar des Schnauz­bär­tig­manns gegen die Empor­kömm­linge von RB Leipzig durch. Um nun in einem Husa­ren­ritt durch die 3. Liga zu pre­schen. Macht Platz für die wilde Jagd! Wer nicht aus­weicht, wird zer­treten. Das ist pure Poesie! Nie­der­lagen werden ver­gessen, Chem­nitz ist plötz­lich Stolz der Bürger. Keiner außer euch aber weiß, warum das so ist. Es liegt am Häns­chen, am Schnauz­bär­tig­mann, an unsicht­baren Wegen, die voll Purpur sind. Ihr Ball­ar­tisten, grüßt mir die Sonne, grüßt mir die geheime Akten­lage des andau­ernden Erfolgs.

Zum Schluss, seien wir uns gewiss, Tra­di­tion ist ein tro­ckener Furz im Wind des fuß­bal­le­ri­schen Ein und Alles. Alles andere ist das Gewäsch alter Männer, die in ihrem Leben zu viel in zugigen Sta­dien standen. Ohne Dach auf dem Kopp und Kissen unterm Arsch. Oder etwa nicht?