Wenn man elf Jahre alt ist, sind 30-Jäh­rige steinalt. 40-Jäh­rige sind Groß­väter, 60-Jäh­rige schon so gut wie tot. Eine andere Weis­heit, die für elf­jäh­rige Jungs unum­stöß­lich ist: Männer, ob steinalt, im Groß­vater-Alter oder halbtot, weinen nicht. Und nun stand ich da: Um mich herum viele tau­send Männer, die sich die Augen aus­heulten. Was war pas­siert?

Senf­fle­cken auf Jeans­ja­cken

Ich weiß leider nicht mehr, wer von uns auf die Idee kam, ins Weser­sta­dion zu fahren. Mein Vater oder ich. Dazu muss man wissen, dass mein alter Herr sich so intensiv mit Fuß­ball beschäf­tigt, dass er mich wäh­rend des EM-End­spiels 2012 anrief, um mal wieder ein wenig zu quat­schen“. Er ist wirk­lich einer der wenigen männ­li­chen Ver­treter, denen das Spiel völlig am Arsch vorbei geht. Und irgendwie finde ich das auch wieder beein­dru­ckend. Fazit dieser kleinen Raack­schen Fami­li­en­ge­schichte: Ver­mut­lich war ich der­je­nige, der den Sta­di­on­be­such ein­for­derte.

Also bemühte sich mein Vater um Karten. Das schien im Juni 1995 noch nicht so schwer gewesen zu sein wie heut­zu­tage. Gerade, wenn der gast­ge­bende Verein Tabel­len­führer ist. Dies der vor­letzte Spieltag der Saison ist. Und nach der Partie der Trainer und der beste Spieler offi­ziell ver­ab­schiedet werden. Aber mein Vater bekam die Tickets. Für die Haupt­tri­büne, rechts neben der Ost­kurve. Das war nicht ganz so sexy, aber die ersten Momente im Sta­dion haben sich den­noch auf ewig in mein Gedächtnis gebrannt: Ein Meer von Men­schen, Hände voller Brat­würste und Bier, Senf­fle­cken auf schlecht sit­zenden Jeans­ja­cken, der ganze Ort ein Bie­nen­stock voller Fahnen, Schals und Sitz­kissen. Ich zerrte meinen Vater bis ganz runter an die Wer­be­banden und nahm eine Nase Gras­ge­ruch. Ist bis heute in meinen Neben­höhlen hän­gen­ge­blieben. Wann wird das Zeug end­lich als Parfüm abge­füllt und ver­kloppt?