Glaubt man der Über­lie­fe­rung, ist der Name Hon­duras einem Aus­spruch von Chris­toph Kolumbus geschuldet, als er 1504 dort erst­mals ame­ri­ka­ni­sches Fest­land betrat: Gra­cias a dios hemos podido salir de estas hon­duras“ – Gott sei Dank sind wir diesen Tiefen des Meeres ent­kommen“. Mehr als 500 Jahre später wird der Aus­spruch in Hon­duras wieder häu­figer zitiert, von Men­schen, die hoffen, dass das Land seinem poli­ti­schen Desaster ent­kommt und das ret­tende Ufer der Demo­kratie ansteuert.



Wir haben 2009 einen mehr­fa­chen Salto rück­wärts erlebt“, sagt Jesus Garza, ein enga­gierter Akti­vist für gerech­tere wirt­schaft­liche Struk­turen im Land. Damit meint er den Putsch vom ver­gan­genen Juni, als Mili­tärs den recht­mäßig gewählten Prä­si­denten José Manuel Zelaya gegen dessen Willen außer Landes brachten. Fortan bean­spruchte eine Defacto-Regie­rung unter Roberto Miche­letti – inter­na­tional geächtet – die Macht. Es war der Putsch einer Hand­voll Unter­neh­mer­fa­mi­lien, der Mili­tärs und einiger kon­ser­va­tiver Poli­tiker“, meint Garza. Prä­si­dent Zelaya hatte ver­sucht, die bis­he­rigen Macht­struk­turen minimal zu ver­än­dern und die Seg­nungen des Kapi­ta­lismus brei­teren Bevöl­ke­rungs­schichten zugäng­lich zu machen.“ Von den 7,5 Mil­lionen Ein­woh­nern des kleinen mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Landes sind zwei Drittel arm, davon wie­derum lebt gut die Hälfte von Tor­tilla mit Salz“, sprich: in extremer Armut.

Dro­gen­clans streiten gna­denlos ums Ter­rain

Tegu­cig­alpa, die Haupt­stadt mitten im Lan­des­in­neren, wirkt in den letzten Tagen vor dem ersehnten Regen wie ein Gemein­wesen am Rande des Kol­laps. Die Luft ist dick und schweiß­trei­bend, an den einst bewal­deten Hügeln, in deren Kessel die Stadt ein­ge­bettet liegt, sind die schwarzen Brand­mar­kungen der ille­galen Rodungs­feuer zu sehen. Unten sieht es nicht besser aus: Dro­gen­clans streiten gna­denlos ums Ter­rain, Jugend­banden meu­cheln sich gegen­seitig. Seit dem Putsch sind Men­schen­rechts­ver­let­zungen an der Tages­ord­nung, auch nach der Regie­rungs­über­nahme durch den kon­ser­va­tiven Poli­tiker Por­firio Lobo. Bei seinem Amts­an­tritt im Januar hatte er von natio­naler Ver­söh­nung gespro­chen und damit inter­na­tio­nale Aner­ken­nung zu erhei­schen ver­sucht.

Doch die Gesell­schaft ist weiter pola­ri­siert, die Risse sind all­ge­gen­wärtig.
Geschwister stehen auf unter­schied­li­chen Seiten, Ehe­partner trennen sich, der Putsch wirkt in alle Bereiche“, sagt Rei­naldo Rueda. Dabei würde er sich gerne aus­schließ­lich um sein Kern­ge­schäft küm­mern: Der Kolum­bianer ist seit Anfang 2007 Trainer der hon­du­ra­ni­schen Natio­nalelf, und das sehr erfolg­reich. Mitten in der tiefsten poli­ti­schen Krise gelang es Hon­duras, sich nach 28 Jahren Absti­nenz wieder für eine WM zu qua­li­fi­zieren, was am Abend des 14. Oktober 2009 für eine mitt­lere Explo­sion im Lande sorgte. Men­schen fielen sich um den Hals, lachten, heulten, schrien ihre Freude heraus. Auch die Politik war aus dem Häus­chen. Defacto-Prä­si­dent Miche­letti bedankte sich sogar bei den USA, weil deren Remis gegen Costa Rica die Reise nach Süd­afrika erst mög­lich gemacht hätte, was viel bedeu­tungs­voller sei als die den Putsch­po­li­ti­kern aberkannten US-Visa.

Vom Flug­hafen direkt zur Schutz­pa­tronin

Miche­letti pries Gott, rühmte die sel­ección für den gran­diosen Tri­umph und lud zu einem kurz­fristig anbe­raumten Emp­fang im Prä­si­den­ten­pa­last – dem aller­dings meh­rere Spieler fern blieben. Die fuhren statt­dessen direkt vom Flug­hafen zur Statue der Schutz­pa­tronin, was Gegner der Put­schisten als ableh­nende Hal­tung zur herr­schenden poli­ti­schen Linie inter­pre­tierten. Sich als Spieler offen gegen die Macht­haber zu stellen, wäre frei­lich ris­kant gewesen. Zu eng gesponnen sind die Fäden zwi­schen Sport und Politik in diesem Land, und wer will schon bei der ersten WM nach fast drei Jahr­zehnten sein wohl­ver­dientes Ticket ris­kieren?

Ange­sichts der Ereig­nisse des letzten Jahres ist die Natio­nalelf zu einem wich­tigen Faktor für Respekt, Glaub­wür­dig­keit und den Zusam­men­halt im Lande geworden“, sagt Natio­nal­coach Rueda. Sie hat geholfen, ein Natio­nal­ge­fühl zurück­zu­ge­winnen, und sie hat einem Land mit so vielen sozialen Pro­blemen und Span­nungen etwas Hoff­nung gegeben.“

Mitt­ler­weile hat der poli­ti­sche Alltag die Men­schen in Hon­duras aller­dings wieder ein­ge­holt. Allein im März wurden fünf Jour­na­listen ermordet, ein im Wider­stand orga­ni­sierter Lehrer wurde in seiner Schule exe­ku­tiert, eine junge Gewerk­schaf­terin vor ihren Kin­dern. Das Wider­stands­bündnis gegen die Put­schisten strebt eine Ver­fas­sungs­än­de­rung an, es sieht darin die ein­zige Chance, der vor­herr­schenden Kor­rup­tion, Kri­mi­na­lität und unsäg­li­chen Armut im Lande bei­zu­kommen. Der­weil laden überall in Hon­duras Wer­be­pla­kate zu Glücks­spielen ein. Gewinne dein Paket für Süd­afrika!“, heißt es darauf. Ein kurz­fris­tiger Traum steht dem lang­fris­tigen von einem bes­seren Leben gegen­über.