Alles war schwierig. Ihr könnt euch das heute gar nicht mehr vor­stellen. Allein die Fahrt zur Arbeit. Erst hinten auf dem Laster zum Bahnhof, dann in dem völlig über­füllten Zug nach Stutt­gart. Sechs mal die Woche. Und nie hast du was gekriegt. Die Kinder hatten Hunger. Und für die Märkle (Lebens­mit­tel­marken), da gab es nicht immer etwas dafür und wenn, war es meist zu wenig. Allein für ein paar Kar­tof­feln mussten wir unglaub­lich weite Wege zurück­legen. Und in der Zeit war mein Mann Kreis­ju­gend­leiter für die Fuß­ball­ju­gend. Er wollte etwas auf­bauen und kam auf die ver­rückte Idee: mir laden die Schalker Jugend zu uns ein. Was für eine Idee: Schalke nach Rutes­heim!“

Immer wieder gerne erzählt Hedwig, genannt Hede, Harzer diese Geschichte den­je­nigen, die sie hören möchten. Schloh­weiße Dau­er­wellen umrahmen das Gesicht der 99-Jäh­rigen und ihre Freude wirkt anste­ckend, wenn sie sich zurück­lehnt und ihre Erin­ne­rungen an jenes Ereignis zusam­men­trägt. Schalke nach Rutes­heim!“ Sie betont diese drei Worte auf eine Art und Weise, die nichts anderes ver­mit­teln will als: ich kann es immer noch nicht glauben! Doch dann legt sie los, wird lebendig und erzählt die Geschichte, die den Nach­kriegs­alltag in ihrem Dorf auf den Kopf stellte, damals im Sommer 1946.

1945 spürten auch die Rutes­heimer die Tra­gädie des Krieges

Rutes­heim war eines dieser vielen schwä­bi­schen Bau­ern­dörfer, deren Bewohner von direkten Kriegs­hand­lungen wäh­rend des Krieges nur peri­pher betroffen waren und in denen man das Ver­schwinden der jüdi­schen Mit­be­wohner eben zur Kenntnis genommen hatte. Erst wäh­rend der Groß­of­fen­sive der Alli­ierten Streit­kräfte im April 1945, spürten auch die Rutes­heimer direkte Aus­wir­kungen des Krieges. Feuer und Bom­ben­ein­schläge zer­störten Häuser und Scheunen, Sol­daten und Zivil­per­sonen kamen ums Leben. Am 20. April 1945 wurde die NSDAP vor Ort durch fran­zö­si­sche Truppen ent­machtet und im Zuge der Ein­nahme des Ortes wurde eine grö­ßere Anzahl von Frauen und Mäd­chen ver­ge­wal­tigt – ein bis heute offenes Geheimnis des Ortes.

Ende 1945, Mitten im Chaos des Wie­der­auf­baus und der Heim­kehr der Kriegs­ge­fan­genen, der Auf­nahme von zuge­wie­senen Flücht­lingen und Ver­trie­benen, grün­dete sich die Sport- und Kul­tur­ver­ei­ni­gung Rutesheim“-SKV, und Hedes Mann, der damals 33-jäh­rige Hilfs­ar­beiter Albert Harzer über­nahm das Amt des Fuß­ball-Kreis­ju­gend­lei­ters. Inmitten des Chaos kam ihm die ver­rückte Idee: Wir machen ein Freund­schafts­spiel gegen die Jugend des mehr­ma­ligen deut­schen Meis­ters Schalke 04!“ Für ein wenig Abwechs­lung, ein wenig Spaß inmitten des Chaos.

Hede lacht, wenn sie diesen Vor­schlag ihres vor über 30 Jahren ver­stor­benen Mannes zitiert. Wie sollte das zu stemmen sein in dem gerade mal 2000 Ein­wohner zäh­lenden Bau­ern­dorf? Wie sollte so ein Spiel mit Auf­ent­halt und Essen finan­ziert und orga­ni­siert werden?

Zu der Zeit hatte die FIFA Deutsch­land und Japan aus­ge­schlossen und der Deut­sche Fuß­ball­bund war noch nicht wie­der­auf­er­standen – zu sehr las­tete auf ihm die im Jahre 1933 voll­zo­gene Ein­ver­lei­bung in den Reichs­bund für Lei­bes­übungen der NSDAP – als eine der ersten Sport­or­ga­ni­sa­tionen. Einige der großen Fuß­ball-Klubs kämpften bereits in neu ent­stan­denen regio­nalen Ver­bänden um die ersten Nach­kriegs-Meis­ter­schaften.

Wie sollten die Schalker über­haupt nach Rutes­heim kommen?

Schalke war damals eine der großen Mann­schaften in Deutsch­land. Er hat ein­fach Schalke ange­schrieben und gefragt, ob deren Jugend zu uns kommt. Und die haben zuge­sagt. Stell dir das mal vor! Schalke!“ Hede erzählt vom Schalke-Fieber, das die Men­schen in Rutes­heim erfasst hatte und auch davon, dass kaum einer daran glaubte, dass die Gel­sen­kir­chener tat­säch­lich kommen würden. Zu kom­pli­ziert war allein der Gedanke an die Anreise. Deutsch­land war auf­ge­teilt in Besat­zungs­zonen, durch die man auf der Strecke von Nord­rhein-West­falen nach Baden-Würt­tem­berg durch­reisen musste, es gab nur wenige, dafür extrem über­füllte Züge.

Wäh­rend der Nazi­dik­tatur war Schalke sechs Mal Deut­scher Meister geworden. Ein Verein, der von den Natio­nal­so­zia­listen gern für deren Bild vom pflicht­be­wussten, ein­satz­be­reiten deut­schen Arbeiter genutzt wurde. Ende Juli 1945 gewann Schalke das erste Nach­kriegs­spiel, ein Jahr später war die Glückauf-Kampf­bahn wieder auf­ge­baut. Doch die Zeit der großen Schalker Spieler Kuzorra und Szepan war so gut wie vorbei. Die Ver­eine mussten über ihre Jugend­ar­beit Talente finden und aus­bilden, keine ein­fach Auf­gabe in dieser vom Natio­nal­so­zia­lismus hin­ter­las­senen Trüm­mer­land­schaft der Städte. Überall wurde nach Ver­wert­barem gesucht, wurde getauscht, gehams­tert, gefringst“, wo doch der Kölner Kar­dinal Frings der hun­gernden und frie­renden Gemeinde in seiner Sil­ves­ter­pre­digt zuge­standen hatte, dass sie in Gottes Namen ruhig Kohlen klauen dürften. Der Hunger blieb eines der größten Pro­bleme, auch noch im Sommer 1946, vor allem für die­je­nigen, die auf die Ver­sor­gung über die aus­ge­teilten Essens­marken ange­wiesen waren und damit die Lücken am deut­lichsten spürten.

Ha, das war unvor­stellbar!“

Kurt Illeson ist heute 83 Jahre alt und seit über 60 Jahren Mit­glied im SKV Rutes­heim. Er war der Tor­wart im Spiel gegen Schalke mit gerade mal 17 Jahren. Fragt man ihn heute danach, kommen auch ihm sofort die Erin­ne­rungen: Ha, das war unvor­stellbar! Schalke war einer der füh­renden Klubs in Deutsch­land. Das war natür­lich ein kleiner Auf­ruhr in unserem Ort. Über 1000 Zuschauer waren da, die kamen aus der ganzen Region. Damit waren wir im Gespräch. Und logi­scher­weise auch die Spieler, die gespielt haben. Das Ergebnis mit 2:2 war natür­lich ein­malig.“ Illeson gehörte zu jenen Jugend­li­chen, die noch mit dem Volks­turm in den Krieg geschickt wurden und in Gefan­gen­schaft kamen. Meinen 17. Geburtstag hab ich gefeiert, da war ich schon 4 Wochen aus der drei­mo­na­tigen Gefan­gen­schaft zurück.“

Nicht weit weg von der Glückauf-Kampf­bahn, nah bei der neuen Schalker Arena wohnt Werner Schell­hase, einer der dama­ligen Schalker Jugend­li­chen. Er war im Januar 1945 mit 17 zum Arbeits­dienst ein­ge­zogen worden und lan­dete im ame­ri­ka­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen­lager. Dort bekam er beim Latri­nen­putzen die Ruhr. Es ging ihm sau­mäßig dre­ckig“. Zurück in Gel­sen­kir­chen, mel­dete er sich gleich bei Schalke. Über den Fuß­ball bekamen er und seine Mit­spieler etwas zu Essen, dafür reiste S04 auch zu den Spielen in die Umge­bung. In Bünde bekamen wir zum Bei­spiel Tabak. In Bad Sal­zu­flen gab es auch schon mal Kar­tof­feln. Das waren unsere Vit­amin­spiele, um richtig satt zu werden. Wir sahen alle nicht gerade kernig aus.“ Als 18-Jäh­riger fuhr er 1946 mit nach Würt­tem­berg. Es war eine schöne Zeit. Es gab Spätzle – meine ersten Spätzle – mit Schwei­ne­fleisch und Gur­ken­salat. Jeder bekam so eine Platte und ich muss sagen, das war sehr anständig.“ Sie spielten in sechs ver­schie­denen würt­tem­ber­gi­schen Städten und Dör­fern und seien dabei richtig satt geworden, fasst Werner Schell­hase Jahr­zehnte später zusammen.

Schalke habe für das dama­lige Spiel in Rutes­heim kein Geld bekommen, erin­nert sich auch Kurt Illeson. Aber: Wir haben eh eigent­lich nur ans Essen gedacht, sogar davon geträumt.“

Hede war die Ver­ant­wort­liche für die Ver­sor­gung. Sie ging von Haus zu Haus und bat um Essens­marken. Als die Leute merkten, dass es um Schalke ging, bekamen wir auch die Märkle.“ Einige der Bauern im Ort spen­deten Büch­sen­wurst oder Fleisch für die Spieler. Jeder wollte irgendwie betei­ligt sein. Großer Fuß­ball für Nah­rungs­mittel. Die harte Wäh­rung der unmit­tel­baren Nach­kriegs­zeit.

Die Rutes­heimer Gast­freund­lich­keit sprach sich schnell rum

Die Fuß­ball­be­geis­te­rung in Rutes­heim und das schmack­hafte Honorar sprach sich unter den großen Fuß­ball­ver­einen rum. Im November 1946 erhielt Albert Harzer vom Jugend­leiter des 1. FC Nürn­berg die Bestä­ti­gung für ein Freund­schafts­spiel der A‑Jugend in Rutes­heim.

In dem Schreiben aus Nürn­berg heißt es: Obwohl wir für Ostern 1947 schon eine Ein­la­dung für ein Tur­nier in Hei­del­berg vor­liegen haben, geben wir Ihrem Verein den Vorzug, weil er uns wärms­tens emp­fohlen wurde und Schalke kalo­ri­en­mässig und in jeder Weise dort ganz her­vor­ra­gend auf­ge­nommen gewesen sein soll. Und die armen Jungen aus unserer zer­störten Stadt haben das mal drin­gend nötig.“